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4000 Bewohner, 30 000 Arbeitsplätze, 50 Nationen: Das südliche Bahnhofsviertel von München ist ein pulsierender Ort mit vielen Problemen. Hier im Bild die Goethestraße. 

Brennpunkt Hauptbahnhof

Ein Rundgang durch Münchens Problemviertel

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Eine Gegend kippt: Drogen, Dreck und illegale Prostitution – die Menschen im Bahnhofsviertel sorgen sich um ihre sonst so wuselige Gegend. Viele Anwohner haben das Gefühl, alle Probleme Münchens schultern zu müssen. Vor allem die Geschäftsleute schreien Alarm. Ein Rundgang.

München – Wenn sogar der Pfarrer nicht mehr weiter weiß, dann wird’s brenzlig. Das gilt überall auf der Welt, aber gerade ganz besonders im Münchner Bahnhofsviertel. Gottfried von Segnitz, 56, hält seine Gottesdienste in der Kirche St. Matthäus, Nußbaumstraße 1. Der evangelische Pfarrer ist ein freundlicher, unaufgeregter Mann. Gerade sitzt er im Wirtshaus „Münchner Stubn“ am Hauptbahnhof. Der Pfarrer sagt: „Wir sind mit unserem Latein am Ende.“

Vor seinem Gotteshaus beim Sendlinger Tor campieren immer mehr Obdachlose unter den Vordächern. Sie kochen dort mit Gaskochern, sie hinterlassen Müll, Urin und Schlimmeres. Nacht für Nacht. Es sind meistens Sinti und Roma, sagt der Pfarrer. Sobald es hell wird, ändert sich das Publikum schlagartig – dann kommen die Drogensüchtigen. „Total arme Geschöpfe“, sagt Gottfried von Segnitz, vollgepumpt mit Billigdrogen. Manchmal muss er sonntags vor dem Gottesdienst die Polizei rufen, damit die Gläubigen überhaupt in die Kirche kommen. Manchmal werden die Gläubigen angepöbelt, erzählt er, kürzlich erst bei einer Taufe. Aufräumen müssen sie rund um die Kirche eh die ganze Zeit.

Es ist eine mittlere Katastrophe, die hier mitten in München passiert. Harte Drogen, illegale Prostitution, Bettlerbanden, Gewalt, extreme Armut. Die Landeshauptstadt, die auf der ganzen Welt für ihre Schönheit, Gemütlichkeit und Sauberkeit geliebt und gelobt wird, hat mittendrin einen dunklen Flecken. Genau dort, wo München eigentlich am buntesten ist. Man muss nur einmal durch das wuselige Bahnhofsviertel, durch die Landwehr-, die Goethe- und die Schillerstraße gehen, überall trifft man grundsätzlich tolerante, weltoffene Anwohner und Geschäftsleute, die inzwischen keine Toleranz mehr übrig haben. Ihre Sorge: Das Viertel könnte kippen. Ein böses Wort macht die Runde: Ghetto. Noch ist es nicht so weit. Doch es ist immer der gleiche Satz, den man hört: „Wenn wir nicht aufpassen, dann bekommen wir ein Ghetto.“ Es ist ein völlig unmünchnerischer Satz. Die größten Sorgen der Stadt waren zuletzt die Mieten, Verspätungen bei der U 2 und Leihradl, die die Stadt vermüllen. Seit einiger Zeit, die Entwicklung war schleichend, hat München offenbar wieder ein richtiges Problemviertel.

Pfarrer Gottfried von Segnitz hat es mit Hilfsangeboten versucht, mit kostenlosem Frühstück, aber die Menschen vor der Pforte seines Gotteshauses „haben sich von gesellschaftlichen Bezügen verabschiedet“. Er kommt nicht an sie ran, weder an die, die nachts hier schlafen, noch an die, die morgens kommen. Das Viertel treibt den Pfarrer an moralische Grenzen: „Wie vertreibt man solche Menschen, die die Arschkarte im Leben gezogen haben, als Christenmensch?“

Brennpunkt Nußbaumpark: Der evangelische Pfarrer Gottfried von Segnitz verzweifelt in letzter Zeit immer öfter.

Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Aber hier im Bahnhofsviertel ist sowieso nichts einfach. Hier gibt es die besten türkischen, irakischen und sogar uigurischen Imbisse der Stadt, hier gibt es Frisöre, die für ein paar Euro Bärte und Haare gleichzeitig kürzen. Es gibt schöne Hotels, schummrige Shisha-Bars, immer mehr Wettbüros und Striplokale. Striplokale, die sich neuerdings um den Ruf des Viertels sorgen. Die stangentanzenden Damen in diesen Lokalitäten und natürlich die Besitzer befürchten Einbußen, weil immer mehr illegale Prostituierte auf der Straße Kunden direkt akquirieren und echten Sex feilbieten.

Fritz Wickenhäuser, 73, der das Viertel kennt wie kein Zweiter in dieser Stadt, hat kürzlich wieder so eine Dame getroffen. Wickenhäuser ist Vorsitzender des Vereins Südliches Bahnhofsviertel. Seine Eltern hatten in der Schwanthalerstraße ein Autohaus, er hat daraus das Hotel „Cristal“ gemacht, das seine Familie noch heute betreibt. Seine Tochter hat vor zwei Jahren die „Münchner Stubn“ eröffnet. Die Wickenhäusers sind mit dem Viertel seit 105 Jahren verwoben, aber die illegale Prostituierte hat den Hotelier erschreckt wie schon lange nichts mehr am Hauptbahnhof. Sie hat ihn auf offener Straße angelächelt und gesagt: „Geh ma!“ Dann hat sie noch gefragt: „Hast du auch Geld?“

Seine Familie ist mit dem Bahnhofsviertel seit 105 Jahren verwoben: Hotelier Fritz Wickenhäuser.

Fritz Wickenhäuser erzählt die Geschichte, während er durch die Goethestraße geht, vorbei am sogenannten „Arbeiterstrich“, wo dutzende Männer – zumeist aus Bulgarien oder Rumänien – darauf warten, abgeholt zu werden, um irgendwo schwarz ein paar Euro zu verdienen. Wickenhäuser sagt: „Wir wollen ja kein klinisch sauberes Bild im Bahnhofsviertel. Ein paar Pfefferkörner dürfen ruhig drin sein.“

Das ist es ja grad, was die Gegend ausmacht. Sie ist nicht so geschleckt schön wie die Maximilianstraße. Sie ist im besten Sinne: wild. „Aber wir brauchen nicht so viele Pfefferkörner, dass wir nicht mehr schnaufen können.“ Ein Anwohner hat kürzlich eine Sprinkleranlage angebracht, um die Bettler und die Drogenabhängigen zu vertreiben, die Tag für Tag vor seinem Gebäude rumstanden. Das Viertel wird härter, die Maßnahmen auch. Gut ist das nicht.

Sebastian Sebald, 37, ist Hoteldirektor des „Schiller 5“ ein edles 4-Sterne-Hotel mit 62 Zimmern. Was mit dem Viertel passiert, das kann er an den Hotelbewertungen im Netz nachlesen. Immer öfter beschweren sich Kunden dort über die Lage. Manchmal stehen Bettlerbanden vor der Hoteleinfahrt, erzählt er. „Unsere Hotelgäste, die für einen Haufen Geld nach München kommen, die müssen dann erst mal durch so einen Pulk durch.“ Manchmal liegen Drogenabhängige in der Einfahrt. Kürzlich ist ein Paar aus Glasgow frühzeitig abgereist, erzählt der Hoteldirektor, weil sich die Frau unsicher gefühlt hat.

Sebastian Sebald sagt trotzdem: „Vielleicht wird das hier irgendwann zu einem In-Viertel.“ Vielleicht ist das eine Phase, die man überstehen muss – wie in anderen Großstädten auch. Vielleicht ist die jetzige Phase nicht das schlimme Ende, sondern der Anfang von etwas Neuem. Ein Hotel nach dem anderen hat zuletzt hier eröffnet. Die Investoren vertrauen dem Bahnhofsviertel jedenfalls mehr denn je. „Alles müsste sich entzerren“, sagt der Hoteldirektor, „das wäre die Lösung.“

Anwalt Serdal Altuntas, 42, lebt mit seiner Familie im Bahnhofsviertel, er hat hier auch seine Kanzlei. Seine Ehefrau betreibt hier eine Apotheke. Die Familie hat sich vor Jahren absichtlich für das Viertel entschieden. Weil es ihnen gefallen hat. Doch inzwischen hat sich viel verändert, sagt er. Er geht mit der Tochter nicht mehr in den anliegenden Nußbaumpark zum Spielen, weil sich dort die Drogenszene trifft. Er geht manchmal bei Rot über die Ampel, weil er den Gestalten um sich herum nicht traut. Und die Altuntas’ haben sogar schon eine ganz praktische Konsequenz gezogen. Als ihre Tochter auf die Welt kam, haben sie beschlossen, eine ihrer Apotheken zu schließen, um ein bisschen kürzerzutreten. Sie haben sich für ihre umsatzstärkste Apotheke entschieden – das war die in der Landwehrstraße. „Das ist uns leicht gefallen“, sagt er. „Wir haben fast kein Personal mehr gefunden.“

Sorgt sich um das Viertel: Anwalt Serdal Altuntas.

Reinhard Sigel, 42, verkauft genau in jener Landwehrstraße Brettspiele und Mangas. „Das Bahnhofsviertel“ sagt er, „kann Münchens Probleme nicht alleine tragen.“ Warum, fragt er überspitzt, „kann Bogenhausen nicht ein paar Probleme übernehmen?“ Ein paar als Mönche verkleidete Bettler, ein paar Drogenabhängige. „Das würde uns helfen.“ Eine seiner Verkäuferinnen wurde kürzlich auf dem Weg nach Hause von einem Mann angequatscht, „ob sie zehn Minuten Zeit hätte und sich 500 Euro verdienen wolle“. Der Mann wollte Sex, natürlich. Ein anderes Mal hat ihr ein Wildfremder über die Wange gestreichelt.

Vorfälle nehmen zu: Ladenbesitzer Reinhard Sigel.

Die kleinen Vorfälle nehmen zu. Immer wieder kommen Drogenabhängige in den Laden und wollen Handys verkaufen, manchmal schlafen sie im Hinterhof. Hoffnung macht Sigel der Ordnungsdienst, der im neuen Jahr Streife gehen soll, und die Stadtreinigung, die öfter sauber machen will. Denn es muss sich was ändern, sagt er, „sonst müssen wir irgendwann schließen.“ Weil sich die Kunden, viele sind Jugendliche, nicht mehr ohne weiteres hertrauen. Das will natürlich keiner. Zuletzt die Menschen, für die das Bahnhofsviertel kein Schreckgespenst, sondern seit vielen Jahren Heimat ist.

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