„Demonstration einer Überlegenheit“: Regina K., 34, soll versucht haben, Schwangere heimtückisch zu ermorden. Neben ihr Anwalt Hermann Kühn und Pflichtverteidigerin Daniela Rose.

Versuchter Mord in neun Fällen

Die Hebamme, die töten wollte

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München – Sie sollte Babys auf die Welt helfen, doch sie versuchte wohl, die Mütter umzubringen: Regina K., 34, steht seit Dienstag vor Gericht, weil sie im Klinikum Großhadern Patientinnen Blutverdünner verabreicht haben soll. Das Motiv der Hebamme ist unklar. Doch einige Taten hätten verhindert werden können.

Die Hebamme, die neun Schwangere im Kreißsaal fast umgebracht haben soll, blickt selbstbewusst in die Kameras der Fotografen und der Fernsehteams. Sieben, vielleicht acht Minuten lang. Regina K., 34, geboren in Gießen, derzeit Häftling im Münchner Frauengefängnis, zuletzt wohnhaft in Otterfing im Kreis Miesbach, verzieht keine Miene. Die unscheinbare, blasse Frau mit den halblangen braunen Haaren lässt die Blitzlichter regungslos an sich abprallen. Genauso wie die Anklageschrift, die die Staatsanwältin im Prozess am Münchner Landgericht kurz darauf verlesen wird. Eine knappe Stunde lang.

Keine Geste, keine Mimik, kein Kopfschütteln, nichts. Die frühere Hebamme aus dem Klinikum Großhadern ist ein Rätsel – und sie wird es wahrscheinlich noch lange bleiben. Ihr Verteidiger Hermann Kühn aus Augsburg kündigte bereits am ersten Verhandlungstag einen langen Indizienprozess an, über 90 Zeugen sind an voraussichtlich 52 Verhandlungstagen geladen. Die Anklageschrift hat 247 Seiten. „Wir werden uns“, sagt er, „zum Anklagevorwurf nicht äußern.“

Als die Ärzte den Schnitt setzen, fließt literweise Blut

Die Vorwürfe sind ungeheuerlich. Was hier im Saal B-175 verhandelt wird, ist der Albtraum jeder Frau: Regina K. soll Hochschwangeren beim Kaiserschnitt heimlich Heparin in die Infusionsflasche gespritzt haben. Heparin ist ein Blutverdünner (siehe Kasten). Als die Ärzte den Schnitt setzen, um die Babys aus dem Bauch der Mütter ins Leben zu holen, fließt Blut, literweise. Die Frauen hören nicht mehr auf zu bluten. Sie sind dem Tod nahe, nur Notoperationen und Bluttransfusionen können sie retten.

Es ist eine Chronologie des Schreckens und auch des Systemversagens, die die Staatsanwaltschaft München I in ihrer Anklage auflistet. Es hat nämlich immer wieder Hinweise gegeben, dass mit der kinderlosen Hebamme Regina K., die im zu großen schwarzen Anzug im Gerichtssaal sitzt, was nicht stimmt – trotzdem stand sie immer wieder im Kreißsaal.

Die Serie der versuchten Morde, so sieht es die Staatsanwaltschaft, beginnt am 30. September 2011 im Krankenhaus Bad Soden, dem früheren Arbeitgeber von Regina K. im Main-Taunus-Kreis. Tanja G., eine 33-jährige Kaiserschnitt-Patientin, hört nicht auf zu bluten. Sie bekommt Massentransfusionen, bei einer Nachoperation muss die Gebärmutter entfernt werden. Tanja G. überlebt, aber nach dem Krankenhaus nimmt sie ein Jahr Antidepressiva. Sie wollte weitere Kinder.

Drei Wochen später der nächste Fall: Nina B., 37, verliert nach der Geburt ihrer Tochter viel Blut. Auch sie überlebt dank Bluttransfusionen, ein Hämatom in ihrem Unterbauch muss später abgesaugt werden.

Am 6. Dezember 2011 verliert Ulrike A., 27, beim Kaiserschnitt viel Blut. Sie wird zwei Mal nachoperiert.

Am 29. Januar 2012 herrscht erneut Ausnahmezustand im Kreißsaal von Bad Soden. Die Patientin Nicola B., 41, braucht 44 Transfusionen, um ihren Blutverlust auszugleichen, und zwei Nachoperationen. Bei einer OP wird der frischgebackenen Mutter die Gebärmutter entfernt, weil die Ärzte so die Blutung stillen wollen.

In allen vier Fällen hat Regina K. Dienst. Alle vier Frauen hatten laut Anklage Heparin verabreicht bekommen.

Einen Verdacht gegen die Hebamme gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, erst ein weiteres Opfer führt zu Regina K. Eine hochschwangere 30-Jährige kommt am 5. April 2012 ins Krankenhaus. Die Hebamme nimmt die Frau in Empfang, untersucht sie und führt eine Tablette mit dem Wirkstoff Misoprostol in die Scheide der Patientin ein. Sonst wird das Medikament bei Schwangerschaftsabbrüchen eingesetzt. Kurz darauf hat die Hebamme Feierabend. Zum diensthabenden Arzt soll sie zum Abschied gesagt haben, er werde keine ruhige Nacht haben.

Schon bald setzen bei der Schwangeren die Wehen ein. Der Arzt untersucht sie und findet Tablettenreste. Ein Notkaiserschnitt rettet womöglich Mutter und Kind das Leben. Jetzt wird den Kollegen in Bad Soden klar, dass nur Regina K. dahinter stecken kann. Sie wird vom Dienst freigestellt.

Eigentlich hätte das perfide Treiben im Kreißsaal spätestens jetzt ein Ende haben können. Hat es aber nicht – Regina K. klagt damals gegen die Freistellung vom Dienst. Die Klinik schließt einen Vergleich mit ihr: Beide Seiten vereinbaren Stillschweigen über den Tabletten-Vorfall. Die Hebamme bekommt sogar ein Arbeitszeugnis, Note „gut“. Trotzdem informiert der Chefarzt die Hebammenaufsicht in Hessen über die seltsame Ex-Mitarbeiterin. Es passiert: wieder nichts. Denn Regina K. zieht nach Oberbayern, die hiesige Hebammenaufsicht bekommt von den Vorwürfen nichts mit.

Hier beginnt sie neu, ihre berufliche Laufbahn scheint makellos. Bei der Hebammenschule in Kiel, wo sie die Ausbildung machte, war sie eine der Klassenbesten. Ehemalige Kolleginnen beschreiben sie als fachlich geschätzt und introvertiert. Nach der Festnahme sagte sie einem Mordermittler: Die Vorwürfe stimmen nicht. Die Staatsanwaltschaft kann derzeit nur über ihre Motive mutmaßen: „Zur Aufwertung ihres Selbstwertgefühls“, heißt es, „und zur insgeheimen Demonstration einer Überlegenheit.“ Über ihre persönlichen Hintergründe wird am ersten Prozesstag nichts bekannt.

Der Ex-Chef warnt die Münchner Klinik vor Regina K.

Fest steht, dass Regina K. Mitte Juli 2012 am Klinikum Großhadern anfängt. Ihr früherer Chefarzt aus Bad Soden erfährt davon und warnt seinen Kollegen, den Leiter der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in München, in einem Brief. Es kommt zu einem Personalgespräch. Regina K. streitet die Vorwürfe ab. Die Verantwortlichen in München glauben ihr, zumindest teilweise. Sie sagen ihr, dass sie unter besonderer Beobachtung stehe. In den Kreißsaal darf sie trotzdem.

Anfangs gibt es keine Auffälligkeiten, doch im Sommer 2013 wird Regina K. für mehrere Monate arbeitsunfähig, sie hat Probleme mit Hüfte und Rücken. Dann kehrt sie zurück, aber die Verantwortlichen reduzieren ab Ende April 2014 ihre Arbeitszeit um die Hälfte. Das soll Regina K. wütend gemacht haben.

Am 24. April 2014 beginnt auch im Klinikum Großhadern eine merkwürdige Serie von fast tödlichen Zwischenfällen bei Problemschwangerschaften. Die 38-jährige Sybille K. verblutet beinahe im Kreißsaal, in dem auch Regina K. Dienst hat. Die Ärzte müssen nach dem Kaiserschnitt ein Tuch in der Bauchwunde lassen – um das Blut aufzusaugen. Sie wird mehrere Stunden operiert, die Mutter und das Baby überleben. Einen knappen Monat später ein ähnlicher Zwischenfall, wieder betreut Regina K. die Schwangere. Noch einen Monat später verblutet eine weitere Mutter fast. Alle drei Frauen haben Heparin im Körper.

Jetzt wird der Anästhesist im Klinikum Großhadern misstrauisch. Er verdächtigt Regina K. – und weiht einen kleinen Kollegenkreis ein. Die Mediziner vereinbaren, die Hebamme ab jetzt genau zu beobachten, sie nicht mehr bei Kaiserschnitten hinzuziehen. Am 24. Juni 2014 entfernen sie sogar die Heparin-Ampullen aus den Kreißsälen. Doch anderswo in der Klinik ist Heparin weiter problemlos zugänglich.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: 25. Juni 2014, der nächste Vorfall. Wieder steht ein Kaiserschnitt bevor. Die 40-jährige Katharina O. ist mit Zwillingen schwanger. Regina K. betreut sie: Die Ärzte, die nur Stunden vorher dringend vor der Hebamme gewarnt haben, sind alle nicht greifbar oder verhindert. Keiner soll mitgekriegt haben, dass Regina K. schon wieder Blutverdünner in die Infusion geschmuggelt haben soll. Katharina O. verblutet fast, sie muss mehrfach operiert werden. Die Ärzte sichern sämtliche Infusionsbehälter, ein Labor in Frankfurt untersucht sie – und findet Heparin. Der Beweis. Erst jetzt, am 18. Juli 2014, wird die Hebamme verhaftet. Ihr droht eine langjährige Haftstrafe, die Staatsanwaltschaft legt ihr neun versuchte Morde zur Last. Allerdings sagt Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch, dass man gerade prüfe, ob es auch bei der Ausbildungsstätte der Angeklagten in Kiel zu Ungereimtheiten gekommen sei.

Eines der Opfer war als Nebenklägerin im Gerichtssaal: Nicola B., die in Bad Soden entbunden hat. „Dort wurde die Sache sehr lange unter den Tisch gekehrt“, sagte ihre Anwältin. „Aber es ist nicht umsonst eine Mordanklage, bei der Heimtücke als Mordmerkmal im Raum steht.“ Den bisherigen Erkenntnissen zufolge soll Regina K. ihre Opfer willkürlich ausgewählt haben.

Trotz der auf den ersten Blick drückenden Beweislast sagte Hermann Kühn, der Anwalt von Regina K.: „Das Ganze ist eine sehr, sehr dünne Geschichte.“ Kühn verlas auch eine Erklärung, wonach er den von der Staatsanwaltschaft bestellten Rechtsmediziner als Sachverständigen ablehnt. Der sei befangen, weil er an der Ludwig-Maximilians-Universität arbeitet – zu der gehört auch das Klinikum Großhadern.

Kühn verwies außerdem darauf, dass Regina K. ihren Arbeitgeber bereits verklagt hat. Sie ist mit ihrer Kündigung nicht einverstanden.

Der Blutverdünner

Der Wirkstoff Heparin sorgt dafür, dass das Blut langsamer gerinnt. Ärzte setzen ihn ein, um Thrombosen zu verhindern: Weil das Blut dünner wird, kann es in den Blutgefäßen nicht so leicht verklumpen. Erforderlich ist das etwa bei Patienten, die durch einen Knochenbruch ihr Bein längere Zeit nicht bewegen können oder bei bettlägerigen Senioren. Auch bei Herz-Krankheiten wird Heparin genutzt, damit das Blut leichter fließt. Da Heparin die Gerinnung des Blutes verlangsamt, hören aber auch Wunden nicht so schnell auf zu bluten. Bei einer Überdosis kann die Blutgerinnung völlig aussetzen. Blutungen an einer großen Wunde, wie sie bei Operationen oder einem Kaiserschnitt entstehen, sind dann kaum zu stoppen. Bei Schwangeren, die den Verdünner manchmal ebenfalls zur Thrombose-Vorsorge bekommen, verhindert die Plazentaschranke, dass das Baby über den Blutkreislauf Heparin abbekommt. Im Fall der Opfer von Regina K. hätten die Säuglinge aber durch den Blutungsschock der Mutter sterben können.

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