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Der Wind verteilt die Schadstoffe des Heizkraftwerks Nord ungleichmäßig.

Quecksilber-Ausstoß

Heizkraftwerk Nord: Viel Schadstoff, wenig Auswirkung

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München - Der Quecksilber-Ausstoß des Kohleblocks im Heizkraftwerk Nord (HKW) ist kaum noch zu verringern. Das bescheinigt ein Experte den Stadtwerken. Warum er aber Zahnplomben und Fischgerichte für weitaus problematischer hält.

Warum es nach Ansicht von Fachleuten nichts bringt, den Kohle-Block 2 des HKW abzuschalten, hat Bernd Franke am Freitag bei einer Pressekonferenz erläutert. Der Wissenschaftler vom renommierten Heidelberger ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung hat die Situation untersucht. Es liegt ihm fern, die Gefahren des Umweltgifts Quecksilber kleinzureden. „Wir haben ein Problem“, betont Franke. Wie berichtet, schädigt Quecksilber Nerven und Gehirn, besonders bei Kindern und Ungeborenen. 7,2 Kilogramm des giftigen Elements hat Block 2 im Jahr 2014 freigesetzt. Das ist viel – oder wenig, je nach Betrachtungsweise, denn die Sache ist kompliziert.

Wer verstehen will, welche Rolle das Kraftwerk Nord bei der Quecksilberbelastung in München und Umgebung spielt, muss zwischen Emission und Immission unterscheiden. Bei der Emission, also dem, was nach der aufwändigen Abgasreinigung noch aus dem 130 Meter hohen Schornstein kommt, ist das HKW der Münchner Spitzenreiter: Die beiden Müllverbrennungs-Blöcke (zusammen 14,1 kg), der Kohleblock (7,2 kg) und die Klärschlammverbrennung in Großlappen (0,1 kg) bliesen laut Franke im Jahr 2014 insgesamt 21,4 Kilogramm Quecksilber in die Luft. Straßenverkehr (6,2 kg), Erdgas-Verbrennung (5,4 kg), Ölheizungen (2,5 kg) sowie Holz- und Pellet-Öfen (0,5 kg) brachten es zusammen nur auf 14,6 Kilogramm.

Aber all das macht nur einen Bruchteil der Quecksilber-Immission aus, also der Menge, die in der Luft und letztlich auch im Boden der Stadt ankommt. Dieser Wert nämlich ist laut Franke von nationalen und internationalen Quellen bestimmt, denn das Gift verbreitet sich durch die Atmosphäre auf der ganzen Welt. Die größten Emittenten sitzen laut einer Studie in China, Indien Afrika und Südamerika. Von dort stammt eine Grundbelastung, die im Großraum München ebenso wie im gesamtdeutschen Durchschnitt bei 1,5 Nanogramm pro Kubikmeter Luft liegt. Das Kraftwerk Nord setzt da nach den Zahlen der ifeu-Studie nur noch 0,0029 Nanogramm drauf – also etwa zwei Promille. Selbst am sogenannten „maximalen Aufpunkt“ nordwestlich des Kraftwerks, wo witterungsbedingt besonders viel Quecksilber aus dem HKW-Schornstein ankommt (siehe Grafik), ist der Zuwachs auf 0,022 Nanogramm beschränkt. Zum Vergleich: Der Zuwachs durch Straßenverkehr am Problempunkt Landshuter Allee ist mit 0,22 Nanogramm zehnmal so groß.

Frankes Fazit: „Die zusätzliche Belastung durch das Heizkraftwerk Nord ist minimal. Ein Problem ist sie nicht.“

Die Grafik zeigt, wo die Luft besonders dick ist.

Ohnehin, so Franke, nehme der Mensch anerkannten Studien zufolge das meiste Quecksilber durch Amalgam-Zahnplomben und durch Lebensmittel auf, insbesondere durch Fisch. Nur wer überdurchschnittlich viel Fisch esse, überschreite die von Experten empfohlenen Grenzwerte. Der Grund: Langfristig gelangt das Quecksilber aus der Atmosphäre in die Böden und wird von dort in die Gewässer gespült. Es gelangt in die Nahrungskette und reichert sich in den Fischen an. Selbst wenn man heute weltweit jegliche Quecksilber-Emission stoppen könnte, werde der Quecksilbergehalt von Fisch erst in hundert Jahren sinken, schätzt Franke. Allerdings sind nicht alle Fische im gleichen Maß belastet, wie eine Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EBL) zeigt. Wer auf die wertvollen Omega-3-Fettsäuren nicht verzichten wolle, dem rät Franke zu Lachs und Hering. Sie enthalten laut EBL weniger als 40 Mikrogramm Quecksilber pro Kilogramm, bieten aber mit 1800 (Lachs) beziehungsweise 2480 Milligramm je 100 Gramm (Hering) besonders viel Omega-3-Fettsäure. Schwertfisch (1212 Mikrogramm Quecksilber), Tunfisch, Hecht, Hummer und Brasse sollte man wegen besonders hoher Quecksilberwerte eher meiden.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema: "Populistische Forderung"

Man arbeite permanent daran, den Quecksilberausstoß des Kraftwerks Nord weiter zu senken, betonte SWM-Versorgungschef Stephan Schwarz. Allerdings sei der Kohleblock weitgehend ausgereizt. Man werde sich verstärkt den Müllverbrennungs-Blöcken 1 und 3 widmen. Warum Block 1 trotz vergleichbarer Filtertechnik fast achtmal so viel Quecksilber freisetzt wie Block 3, sei noch nicht ganz geklärt, so Schwarz: Seine Theorie: Es liegt am Müll. In Block 3 werde hauptsächlich der Münchner Hausmüll verbrannt. Block 1 werde von großen Fahrzeugen angefahren, die Müll von weit her anliefern. Eventuell, so Schwarz, gebe es darin besonders stark mit Quecksilber belastete Chargen.

Der Kohleblock 2, so Experte Franke, gehöre zu den saubersten Kohlekraftwerken in ganz Deutschland. Es unterbiete schon jetzt den ab 2019 in Deutschland geltenden Grenzwert „um den Faktor 9“ und auch den strengen US-Grenzwert. Frankes Fazit: „Vordringlich erscheint die Emissionsminderung bei den großen Emittenten in Deutschland, vor allem bei Braunkohlekraftwerken.“

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