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Etwa 70 Teilnehmer kamen zu dem Vernetzungstreffen am Montagabend, sie stehen für Helferkreise von insgesamt mehreren tausend Mitgliedern. 

Wird das eine neue Bürgerrechtsbewegung? 

Helferkreise: Der Aufstand der Leisen beginnt

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Unter Münchner Asylhelfern rumort es. Seit Jahren arbeiten sie daran, Geflüchtete zu integrieren – oft gegen Widerstände aus Politik und Gesellschaft. Nun wollen sie sich neu organisieren, stärker einmischen – und den Marienplatz besetzen. 

München - Thomas Lechner sitzt am Rand der Bühne, auf der sich sonst Nachwuchsrocker austoben, und wirft Bilder an die Wand: von Bürgern, die 2011 Spaniens Plätze bevölkern und diskutieren. Er spricht leise, und es ist mucksmäuschenstill, als er den einen Satz sagt: „Es geht um die Frage: Ist es möglich, aus der täglichen Arbeit mit Flüchtlingen eine neue Bürgerrechtsbewegung zu begründen?“ 

Tausende engagieren sich, werden sie jetzt laut?

Elvira B. : Ich begleite Flüchtlinge aufs Amt für Migration. Ich will wissen, warum so viele Asylanträge abgelehnt werden. Das ist politischer Wille. 

Großer Applaus von den rund 70 Leuten, die seinem Aufruf und ihrem Herzen gefolgt sind: In der Kranhalle des Feierwerks haben sich am Montagabend Münchner Flüchtlingshelfer getroffen, um ein ganz neues Ding auf die Beine zu stellen. Lange Zeit hielten die Münchner still, während oberbayerische Engagierte seit Monaten auf die Barrikaden gehen. Erst am Samstag hatten 1000 Helfer aus ganz Oberbayern an der Bavaria gegen die aktuelle Asylpolitik protestiert. Dass Geflüchtete mit geringen Bleibechancen nicht arbeiten dürfen, dass nach Afghanistan abgeschoben wird, dass etablierte Parteien wie gelähmt wirken aus Angst vor einer erstarkenden Rechten: All das erregt den Zorn und die Verzweiflung vieler, die täglich mit Geflüchteten zu tun haben und dafür viele Wochenstunden ableisten – ehrenamtlich. 

Tausende Münchner engagieren sich. Bei nahezu jeder Unterkunft veranstalten Helfer mit Geflüchteten Kochabende, begleiten sie zu Behörden, lernen mit ihnen Deutsch oder suchen Wohnungen. Hinzu kommen einige Bündnisse und Plattformen. Und dann gibt es Leute wie Lechner, der hauptberuflich das Veranstaltungsteam im Feierwerk leitet und sich bei Heimaten e. V. engagiert. Kürzlich beschrieb er in einem offenen Brief an die Helfer, wie aus seinem Ehrenamt ein fester Wille erwachsen ist, sich politisch einzumischen – befördert auch durch den „Trump-Effekt“. 

Praktische wie auch politische Anliegen

Gemeinsam mit Marina Lessig, die bei der Caritas arbeitet, präsentierte Lechner nun einen gut strukturierten Arbeitsabend mit klarem Ziel: die „Ehrenamtsvollversammlung“ aller Flüchtlingshelfer zu planen, die am 23. April auf dem Marienplatz stattfindet. 

Nikolaus Hoenning O‘Carroll: Etablierte Parteien verlieren Anhänger, weil sie nicht mehr bei den Menschen sind. Ich hoffe, hier entsteht eine neue Bewegung. 

Auf Lechners Frage, was den Helfern auf den Nägeln brenne, schossen die Hände in die Höhe. Einige hatten eher praktische, andere politische Anliegen. So sagte Andrea Borger, Pfarrerin in der Sendlinger Himmelfahrtskirche, es müsse darum gehen, Solidarität herzustellen zwischen Geflüchteten und Einheimischen, die sich an den Rand gedrängt fühlten. Der Makler Mischa Kunz will das Thema Wohnen vorantreiben. Antonia Veramendi, Leiterin der SchlaU-Schule, kritisierte, dass der Freistaat vielen Jugendlichen eine Ausbildung verunmöglicht. Einer französischen Helferin macht der „Le-Pen-Effekt“ Sorgen: „Was für ein Europa wünschen wir uns?“ Weitere Themen: wie Einheimische und Geflüchtete mehr in Kontakt kommen, wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge arbeitet, wie ein europäisches Einwanderungsrecht aussehen oder wie die Unterbringung verbessert werden kann. 

Lesen Sie hier ein Interview mit Marina Lessing vom Oktober 2015: „Bringt Flüchtlinge wieder nach München“

Stark spürbar waren zwei Dinge: Die Helfer fühlen sich nicht etwa durch den Alltag mit den Geflüchteten ernüchtert, sondern durch eine permanent wankende Asylpolitik. Und: Viele glühen förmlich vor politischem Elan. Die meisten waren stellvertretend für ihre Helferkreise gekommen, denen insgesamt etwa 800 Leute angehören. 

„Wir brauchen einen Aufstand der Leisen“

Lechner rechnet fest damit, dass die Sache weiter Fahrt aufnimmt. Nächstes Treffen: am 25. März im Feierwerk. Es gilt viel zu organisieren: die interne Kommunikation, die Durchführung auf dem Marienplatz, sogar ein Arbeitskreis „Essen“ hat sich gebildet. 

Bettina R.: Wir müssen uns politisch einsetzen und zeigen, dass es eine breite gesellschaftliche Mehrheit für Geflüchtete gibt. Der Hass darf nicht den Diskurs dominieren. 

Für die Kundgebung rechnet Lechner mit mehreren tausend Teilnehmern. Statt nur „gegen“ etwas zu demonstrieren, sollen sich Diskussionskreise bilden. „München ist toll“, sagte Lechner. „Aber wir müssen das Unaufgeregte durchbrechen. Wir brauchen einen Aufstand der Leisen. Wir müssen sichtbar machen, dass wir die Gesellschaft sind. Die politischen Repräsentanten sind in der Krise. Wir wollen Demokratie wieder mit Inhalten füllen.“ 

Lechners Vorbild bleibt Spanien. Dort entstand aus der früheren Protestbewegung die linkspopulistische Partei Podemos. Bei den Parlamentswahlen 2016 holte sie mehr mehr als 20 Prozent der Stimmen und wurde damit drittstärkste Kraft im Land.

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