Vom Hinterhof zur schmucken Braustätte

München - Der kleine Giesinger Bräu hat Großes vor: Er will einen Marktanteil von einem Prozent - und Trikot-Sponsor der Löwen werden. Jetzt errichtet die Brauerei in Obergiesing ein größeres Brauhaus samt Stüberl und Biergarten.

Von Bettina Stuhlweissenburg

Ein windiger Vorbau aus durchsichtigem Plastik und Wasserlachen auf dem Boden - einladend sieht der Eingang zum Giesinger Bräu in einem Hinterhof in der Birkenau nicht aus. Doch auf den 45 Quadratmetern eines ehemaligen Stalls gärt feinster naturtrüber Gerstensaft. Unfiltriert, nicht wärmebehandelt und nur vier Wochen haltbar.

Brauer Flo Sommer, Tirolerhut und blaue Arbeitshose, stapft durch die Lachen Richtung Abfüllanlage. Der 29-Jährige ist einer von sechs Mitarbeitern und verantwortlich für die vier angehenden Brauer und Mälzer, die hier ihre Ausbildung machen. „Gerade in München, der angeblichen Bierstadt, ist die Vielfalt an Bieren und Brauereien ziemlich überschaubar“, grantelt er. Neben ihm steht eine spanische Praktikantin an einem Holztisch und klebt Etiketten auf die Flaschen. Von Hand - wie alles, was in der winzigen Biermanufaktur gemacht wird.

Nicht zuletzt die Uniformität des Münchner Bieres veranlasste Sommer vor sieben Jahren, der Metallbranche den Rücken zu kehren - und fortan sein eigenes Bier zu brauen. „Ich war mit der Gesamtsituation unzufrieden und habe nach Alternativen gesucht“, sagt er. 2005 traf er Steffen Marx, der mit seinem Studium des Brauwesens auch nicht glücklich war: „Das war mir zu theoretisch“, sagt der 35-Jährige in Gummistiefeln, der die Geschäfte der Brauerei führt. Also gründete Marx den Giesinger Bräu, der damals noch Bierlaboratorium hieß - und Sommer stieg mit ein.

Gerade mal 900 Hektoliter Bier können Marx und Sommer jährlich brauen, für mehr reichen die Kapazitäten nicht. Dabei steigt die Nachfrage stetig, oft ist der Giesinger Bräu ausverkauft - und die Kunden, die das Bier in Bügelflaschen meist direkt in der Brauerei kaufen, sind enttäuscht. Höchste Zeit also, in eine größere Immobilie umzuziehen. Marx und Sommer haben auch schon eine gefunden: Das Anwesen an der Obergiesinger Martin-Luther-Straße 2 soll bis November 2013 umgebaut und mit einer neuen Brau- und Abfüllanlage ausgestattet werden. Auf 600 Quadratmetern wollen Marx und Sommer dann jährlich 13 000 Hektoliter ausstoßen. Auch ein Bräustüberl samt Biergarten soll es geben. Wie hoch die Investitionssumme ist, will das Duo nicht verraten, doch nach Informationen unserer Zeitung sind es 2,8 Millionen Euro.

Als Konkurrent zu den großen Münchner Brauereien sehen sie sich nicht: „Wir wollen einen Marktanteil von einem Prozent in München und Umgebung erreichen und Trikot-Sponsor der Löwen werden“, sagt Marx. Auch für einen Ausschank auf dem Oktoberfest interessiert er sich nicht: „Das ist mir zu kommerziell. Wir wollen auf die Auer Dult, wo es schön gemütlich ist.“ Sollte jedoch in zehn Jahren einer fragen, ob sie ihr Bier nicht auch auf der Wiesn ausschenken wollen, „dann denken wir drüber nach“, sagt Marx.

Der Giesinger Bräu setzt nicht auf Masse, sondern auf Spezialitäten: Er braut Helles, Weißbier und das Starkbier „Sternhagel“ mit einem Alkoholgehalt von 9,5 Prozent nach dem bayerischen Reinheitsgebot, das heuer sein 525-jähriges Jubiläum feiert. Aber zusätzlich braut er auch Frucht- und Gewürzbiere wie den „Weihnachtstrunk“ mit Zimt, Mandarine und Nelke. „Die konservativen Biertrinker sagen freilich erst ,Pfui Deifi, mog i ned‘. Aber wenn sie es probiert haben, schmeckt’s ihnen“, sagt Sommer, dem nur natürliche Zutaten ins Gewürz- und Fruchtbier kommen. Sein Kollege Marx ergänzt: „Wir zahlen zwar Biersteuer, aber sobald wir den Damenstrumpf mit Gewürzen in den Sudkessel hängen, dürfen wir es nicht mehr Bier nennen. Uns ist das wurscht, den Leuten schmeckt es trotzdem.“

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