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„Rund um den Ostbahnhof“: Die Grafik zeigt den Siegerentwurf des Büros „03 München“ für das Viertel. Das Media Works Gelände (violett) besteht bereits.

Hinter'm Ostbahnhof: Der Traum vom zweiten Haidhausen

München - Wo heute die Party-Tempel liegen, soll ein neues Viertel entstehen. Bürohochhäuser sind geplant und Wohnbauten an lauschigen Grünzügen.

Es ist eines der letzten Areale der Innenstadt, das die Stadtplaner noch zum Träumen bringt: Das riesige alte Industriegebiet zwischen Ostbahnhof, Rosenheimer- und Aschheimer Straße. Sein Standort könnte besser kaum sein: Im Dreieck zwischen Stadtzentrum, Messestadt und Flughafen, mit perfekter Bahn-Anbindung, fast direkt am Mittleren Ring. Hier feilen Architekten und Fachleute der Stadt an ihrer Vision eines neuen Münchner Stadtviertels.

Wo die Elserhallen standen soll dieser Prachtbau künftig Büros und ein Hotel beherbergen (Nr. 1 in der Grafik oben).

Die Dimensionen sind beeindruckend: 40 Hektar umfasst das Areal, das die Planer „Rund um den Ostbahnhof (Rost)“ nennen. Hier sollen bis zu 1000 neue Wohnungen entstehen, dazu rund 10 000 Arbeitsplätze in Büros, Geschäften und Gastronomie. Das alte Industriegebiet wäre kaum wiederzuerkennen. Derzeit ist das Areal vor allem durch zwei Party-Zonen bekannt: Die „Kultfabrik“ auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände und die „Optimolwerke“. Beide sollen abgerissen werden, um dem Neubaugebiet Platz zu machen. Noch ist unklar, wann und wie die Stadt ihre Vision verwirklichen kann. Doch die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

Ein neues Haidhausen

Ein Vorbild für das neue Stadtviertel fanden die Planer, als sie einen Blick auf die andere Seite der Bahngleise warfen. Dort liegt Haidhausen. „Ein Viertel mit angenehmen Proportionen, wo man sich gern aufhält“, sagt Michael Wimmer vom Architektenbüro 03 München, das den Planungswettbewerb für „Rost“ gewann. Seine Idee: östlich der Bahnlinie eine Art modernes Haidhausen zu errichten. Das Rezept: Eine dichte Bebauung – aber mit vielen kleinen Plätzen, Treffpunkten und grünen Oasen.

Im Entwurf von 03 München werden selbst die Straßen zu Parks: Ausgedehnte Grünstreifen sollen sich durch das neue Viertel ziehen, an deren Seiten jeweils schmale Fahrbahnen für Autos und Radler verlaufen – ähnlich wie etwa am Bordeauxplatz. In der Mitte befände sich jeweils ein Platz mit Bäumen, Bänken oder Spielflächen für Kinder. Diese Grünbänder laufen auf einen zentralen Park zu – der mit dem Namen „Kunstpark“ an den alten Namen des Partygeländes erinnert. Um dieses grüne Herz soll ein Großteil der Wohnbauten entstehen (in der Grafik: orange). In deren Erdgeschossen stellen sich die Planer Lokale und Geschäfte vor.

Auch die Verkehrswege ändern sich: Die geschwungene Grafinger Straße verschwindet. Künftig führt eine „Neue Grafinger Straße“ geradenwegs in das Viertel hinein.

Schicke Arbeitsplätze

Die triste Friedenstraße entlang der Bahngleise soll sich in eine exklusive Büromeile verwandeln (in der Grafik: blau). Medienagenturen oder Grafikdesigner könnten hier einziehen. Und die Planer denken nicht bloß an eine schnöde Zeile mit Büroblocks: Hochhäuser sollen an einzelnen Punkten bis zu 80 Meter aufragen und dem Viertel ein prägendes Gesicht geben. Das Flaggschiff: ein imposanter Hochhausturm gegenüber dem Ostbahnhof. Einige Gebäude sollen zudem hochwertiges Gewerbe beherbergen – die Planer denken etwa an Betriebe in Forschung und Entwicklung (in der Grafik: rot).

Der Fokuspark

Für ein Fleckchen ist die Vision schon konkret ausgearbeitet: Das ehemalige Gelände der Georg-Elser-Hallen an der Rosenheimer Straße. Die alten Bauten sind bereits abgerissen, hier plant die IVG Immobilien den „Fokuspark“: Ein Gebäudetrio, dessen Markenzeichen ein 15-stöckiger Hochhaus-Turm werden soll. Darin könnte ein Hotel seine Türen öffnen und Firmen würden in Designerbüros mit Dachterrassen residieren. Doch die Investoren sind angesichts der Finanzkrise noch vorsichtig: Sie wollen den Bau erst errichten, wenn er auch tatsächlich vermietet ist. Viele Hürden Bis das neue Viertel gebaut wird, sind noch viele Hürden zu nehmen: etwa das langwierige Bebauungsplan-Verfahren.

Es soll heuer beginnen – und kann zwei Jahre dauern. Daher wird auch die Party am Ostbahnhof nicht so bald enden. Kultfabrik und Optimolwerke haben Genehmigungen bis Ende 2010 – und wollen Verlängerung beantragen. Unklar ist auch, ob der Entwurf von 03 München ohne Kompromisse umgesetzt werden kann. Bisher konnte die Stadt den Großhandel Hamberger an der Friedenstraße noch nicht zum Umzug bewegen, um dem neuen Park Platz zu machen. Die Planer haben daher alternative Varianten entworfen, bei denen der Park und einige Gebäude anders platziert sind – für den Fall, dass Hamberger bleibt. Die Planungen für das Brachland an der Orleansstraße stocken ebenfalls. Hier sind Bauten mit Wohnungen, Büros und Gewerbe vorgesehen. Doch solange nicht feststeht, wie der neue zweite S-Bahn-Tunnel verläuft, kann nicht weitergeplant werden. Auch die Finanzkrise könnte das Projekt gefährden. Denn die Stadt baut die Gebäude nicht selbst – das sollen private Investoren tun. Ob das in Krisenzeiten klappt, ist unklar. Doch die Stadt vertraut auf die Attraktivität des Standorts. Und sollte es wirklich zu wenig Nachfrage geben, könne man die Planung anpassen, hieß es. Bis etwa 2015, so die Hoffnung der Planer, könnten Teile ihrer Vision Wirklichkeit werden.

Von Johannes Patzig

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