"Könnten wir es uns leisten, würde ich vielleicht aufhören zu arbeiten": Jana S. fühlt sich an der Grenze der Belastbarkeit und ist wütend auf die Politik.  

Hohe Mieten, fehlende Kitas und immer Zeitdruck

Familien an der Belastungsgrenze: Eine Münchner Mutter erzählt

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München - Jana S. ist Mutter. Und berufstätig. Als Familie, sagt sie, kommt man in München langsam an die Belastungsgrenze. Hohe Mieten, fehlende Kita-Plätze, fehlende Ferienbetreuung, Verkehrswahnsinn: Ihren Ärger über all das hat sich S., von der Seele geschrieben – in einer E-Mail an die Stadtspitze.

S. arbeitet im Vertriebsinnendienst, ihr Mann ist Software-Entwickler. Mit ihrer Tochter (6) und ihrem Sohn (2) leben sie in Forstenried. Die 41 Jahre alte Mutter bringt auf den Punkt, was der ganz alltägliche Wahnsinn der meisten Münchner Familien ist. Sie fordert die Stadt deshalb auf, mehr an die Familien zu denken, wenn schon der Bund nicht in die Gänge kommt.

Frau S., wie lebt es sich so am Stadtrand?

Es ist schon schön, wenn man direkt am Wald lebt! Tür auf, die Kinder können raus. Aber mit Stadtleben hat das hier nichts zu tun. Ich fühle mich tatsächlich an den Rand gedrängt. Früher wohnten wir in Thalkirchen, das war super. Doch als unser Sohn unterwegs war, musste wir aus der Zweizimmer-Wohnung raus. Und eine bezahlbare Vierzimmer-Wohnung ist fast nur hier draußen zu finden.

Für Kita und Job im Zick-Zack durch die Stadt

Was stört Sie konkret an der Randlage?

Es gibt hier keine Krippe, so dass wir mit unserem Sohn allmorgendlich zum Westpark müssen. Schon von Thalkirchen war das kein Katzensprung, aber von Forstenried ist es richtig weit. Und: Früher ging es mit dem Auto halbwegs flott über den Luise-Kiesselbach-Platz. Doch seit der Tunnel eröffnet ist, dauert alles viel länger, weil es einen riesigen Rückstau gibt. Ich brauche meist 25 Minuten zur Krippe – für eine Strecke, die ohne Stop-and-Go in der Hälfte der Zeit zu schaffen wäre – und dann 15 Minuten zu meiner Arbeit in Germering.

Und eine Krippe im Nachbarviertel, etwa Solln?

Da gäbe es welche. Aber dann muss ich mit dem Auto morgens durch das Nadelöhr Liesl-Karlstadt-Platz, das wäre noch schlimmer. Immerhin gibt es zwei Kindergärten in unserem Viertel. Ich hoffe, im nächsten September bekommen wir dort einen Platz.

Wohin muss Ihr Mann?

Er fährt mit der U-Bahn nach Schwabing-Nord und braucht eine Stunde einfach – weil die Bahn oft im Tunnel steht, wo sich auch alles staut. Wir haben selten gemeinsame Abendessen. Ich verstehe ja, dass München eine heißbegehrte Stadt ist. Aber ich frage mich, wann der Verkehr endgültig kollabiert.

Was fordern Sie von der Stadt?

Warum gibt es keine Sprengel-Kitas? So wie bei Grundschulen: dass alle Kinder eines Sprengels in eine Kita gehen. Stattdessen bekommt man irgendwo einen Platz und hat dann weite Wege. In die Grundschule unserer Tochter gehen Kinder, die in 14 verschiedenen Kindergärten waren. Das ist doch Wahnsinn!

In der Grundschule wird die Betreuung noch schwieriger

Doch die Probleme hören nicht auf, wenn der Krippenplatz gefunden ist...

In der Schulzeit gehen die Betreuungsnöte weiter. Die Grundschule unserer Tochter hat zwölf Klassen, es gibt aber nur zwei städtische Hortgruppen. Und darin waren heuer gerade mal sechs Plätze frei! Zum Glück haben wir einen Platz in einer der sechs privaten Mittagsbetreuungsgruppen bekommen. Dort arbeiten keine Pädagogen, dafür sehr engagierte Eltern, die Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und Spielen organisieren. Das ist gut so. Größter Nachteil: Anders als beim Hort gibt es keine Ferienbetreuung. Und jetzt sagen Sie mir mal, wie wir 14 Ferienwochen abdecken sollen!

Wie?

Mein Mann und ich haben jeweils sechs Wochen Urlaub. Dann machen wir aber keinen Tag gemeinsam Urlaub. Und es fehlen immer noch zwei Wochen. Ich habe unsere Tochter für ein Programm für die kommenden Herbstferien angemeldet – und gerade die Absage bekommen. Noch dazu sind die Ferienkurse teuer, kosten um die 150 Euro pro Woche. Bei zwei Kindern im Grundschulalter sind das später 1000 Euro im Monat! Und ich kann meine Tochter auch nicht vom einen Programm hier ins nächste dort schicken.

Hätte die Schule eine Ganztagsklasse, gäbe es dasselbe Ferien-Problem.

Genau. Mit der Ganztagsschule wäre uns nicht geholfen, weil da auch kaum Ferienbetreuung angeboten wird. Noch dazu finde ich, im Gegensatz zum Hort, das Ganztagsmodell zu starr: Dann haben die Kinder immer bis 16 Uhr Schule und dürfen nie, auch nicht ausnahmsweise, früher raus.

In NRW gibt es eine Hortplatz-Garantie

Leben die Großeltern nicht in der Stadt?

Unsere Eltern wohnen 400 beziehungsweise 550 Kilometer weit entfernt. Unsere Tochter bleibt dort bisher maximal eine Woche. Und wenn sie herkommen, müssen sie bei uns wochenlang im Wohnzimmer schlafen. Wir haben uns bei einem Verein sogar um Leihgroßeltern bemüht – aber man sagte uns: Mit zwei Kindern in Forstenried haben Sie schlechte Chancen. Das war’s.

Wie haben Sie den Kita-Streik überstanden?

Ich hatte Glück, dass mein Arbeitgeber so kulant ist. So konnte ich morgens für ein paar Stunden ins Büro, während mein Mann daheim aufgepasst hat. Da unser Sohn ein Krippenkind ist, bekamen wir keinen Notfallplatz. Mittags habe ich meinen Mann abgelöst, und er hat bis spätabends gearbeitet. Ich war auch bei den Demonstrationen dabei.

Was fordern Sie?

Ich habe gehört, dass es in Nordrhein-Westfalen eine Hortplatz-Garantie gibt. Das bräuchten wir in Bayern auch! Was bringt uns der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, wenn der Ärger in der Schulzeit weitergeht? Soll unsere Tochter schon mit sechs Jahren ein Schlüsselkind werden? Oder soll ich täglich um 11.30 Uhr meine Arbeit beenden?

Wieviel arbeiten Sie?

Ich schaffe gerade so 26 Stunden pro Woche, wegen der buchbaren Betreuungszeiten und der unterschiedlichen Lage der Einrichtungen. Und bin ständig unter Zeitdruck, vor allem die Kinder rechtzeitig abzuholen, damit sie nicht im Regen stehen. Es ist ein ständiges Gehetze: Zieht euch an! Los, los, Mami kommt sonst zu spät! Dann denke ich oft: Das bin doch nicht ich! Dieser Stress, so will ich nicht leben.

Für 150 Euro Betreuungsgeld kann niemand zuhause bleiben

Sie könnten das Betreuungsgeld nehmen und daheim bleiben...

Ja, genau. Für 150 Euro bleibt doch keiner zuhause, der sich das nicht eh leisten kann! Ich verstehe nicht, warum man etwa am Ehegatten-Splitting festhält und nicht längst ein Familiensplitting einführt, wie in unseren Nachbarländern. Ich habe auch schon Bundeskanzlerin Merkel und Familienministerin Schwesig geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen. Dabei nützen Familien der Gesellschaft doppelt: Wir kriegen Kinder und gehen arbeiten. Warum bekommen wir nicht deutlich mehr Steuervorteile? Stattdessen zahlen wir viel Geld für Kitas.

Die Gebühren sind nach Einkommen gestaffelt. In München zahlt den Höchstsatz, wer mehr als 60.000 Euro im Jahr verdient.

Ja, aber monatlich 420 Euro Höchstsatz ist auch viel Geld. Zumal es in Nachbargemeinden wie Ismaning oder Neuried deutlich günstiger ist. Und in Berlin, das doch pleite ist, kosten Kita-Plätze die Eltern gar nichts. Warum ist das bundesweit so unterschiedlich? Hier können die Kommunen doch Einfluss nehmen.

Familien am Rande der Erschöpfung

Was haben Sie vor?

Wenn wir es uns leisten könnten, würde ich vielleicht aufhören zu arbeiten. Zumindest für ein Jahr, um durchzuschnaufen, weil ich nicht mehr kann, weil die Rahmenbedingungen hier in München und Bayern nicht stimmen. Will die Politik das? Ich habe eine kaufmännische Ausbildung gemacht und arbeite gerne. Soll ich hinschmeißen, weil niemand eine gute Familienpolitik auf die Reihe kriegt? Meine Freundinnen in Magdeburg haben diese Probleme nicht. Ich bin sehr gerne Mutter. Und ich weiß, dass es anderen Menschen viel, viel schlechter geht als uns. Aber ich erwarte, dass die Kommune für Familien tut, was sie kann. Darum habe ich den drei Bürgermeistern geschrieben. Weil sie es in der Hand haben. Und damit nicht nur mein Mann und meine Kollegen den Frust abkriegen.

Haben Sie schon eine Antwort auf Ihre E-Mail?

Aus Bürgermeister Josef Schmids Büro kam immerhin eine personalisierte Eingangsbestätigung.

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