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Kam mit Bewährung davon: die Ausbilderin vor Gericht.

Frau (32) zu Bewährungsstrafe verurteilt

Horror-Ausbilderin missbrauchte Lehrlinge

München - Ein Jahr lang hat eine Ausbilderin des Kolping-Bildungswerks ihre Schützlinge zu sexuellen Handlungen und Gewalt gezwungen, zeigte ihnen Pornos, spottete über ihre Körper. Nun wurde die Frau verurteilt – zu einer Bewährungsstrafe.

„Wir eröffnen Perspektiven für junge Menschen.“ Mit diesem Satz wirbt das Kolping-Bildungswerk im Internet für sein sozial ausgerichtetes Ausbildungsprogramm. Man ist stolz darauf, Jugendlichen eine Chance zu geben, die es aufgrund ihrer Verhaltensschwächen nicht leicht haben im Leben. Der Platz im Bildungswerk soll für sie der Start in eine bessere Zukunft sein – zum Beispiel im Ausbildungshotel „Am Herrgottseck“. Doch für einige Lehrlinge, die im September 2010 dort anfingen, begann stattdessen eine Zeit der Angst. Missbrauch, Gewalt und Demütigung sollten ihr erstes Ausbildungsjahr bestimmen. Erst jetzt, zwei Jahre später, kommen die unglaublichen Vorgänge ans Licht.

Die Frau, die die jungen Menschen monatelang quälte, saß am Donnerstag auf der Anklagebank im Saal A225 des Münchner Amtsgerichts. Zwischen September 2010 und August 2011 war Johanna R. (32, Name geändert) verantwortlich für sieben Auszubildende, die sich in dem Hotel zur Fachkraft im Gastgewerbe schulen ließen – Frauen und Männer, einer noch minderjährig. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, die sie später rückhaltlos einräumte, sind schwer zu ertragen.

Einen jungen Mann streichelte sie während des Unterrichts im Genitalbereich, bis er eine Erektion bekam. Dann befahl sie einem Mitschüler, weiterzumachen. Einen Azubi zwang sie, sich vor der Gruppe auszuziehen. Dann lachte sie über die Größe seines Penis. Mehreren Jugendlichen zeigte sie einen Porno, in dem ein Mann Sex mit einem Pferd hat. Dann behauptete sie, einer der Azubis stehe auf Hunde. Eine Jugendliche stiftete sie an, ihrem Mitschüler in die Genitalien zu treten. Mehrfach schlug sie selbst den Männern in den Intimbereich, folgte ihnen in die Dusche. Wenn einer etwas sage, drohte sie, sei er seinen Ausbildungsplatz los.

„Es war permanent etwas“, sagte die Polizeibeamtin, die später die Ermittlungen gegen Johanna R.. leitete, vor Gericht. Der jüngste Auszubildende habe am meisten abbekommen. „Der Junge hatte durchgehend Angst. Es war ihm alles sehr, sehr peinlich.“ Ständig habe die Ausbilderin über Sex gesprochen, dabei habe er sich damit noch gar nicht ausgekannt. „Er hat gemerkt, dass etwas schiefläuft, aber er hat sich nicht zu helfen gewusst.“ Erst nachdem Johanna R. ein Jahr später gekündigt hatte, vertraute sich eines der Opfer einer Mitarbeiterin des Kolping-Bildungswerks an.

Dort habe der Vorfall die Arbeit im vergangenen Jahr überschattet, sagt Vorstandsmitglied Alfred Maier. „Wir waren alle entsetzt und haben uns gefragt: Wie konnte das passieren?“ Bis zu dem Tag, als alles aufflog, habe es überhaupt keine Anzeichen für derartige Vorfälle gegeben. Johanna R. sei als engagierte Mitarbeiterin bekannt gewesen, sie war seit vier Jahren im Haus tätig. „Wir haben noch am selben Tag Kontakt nach außen aufgenommen“, sagt Maier. Das Bildungswerk wird zwar nicht von der Kirche finanziert, arbeitet aber eng mit der Erzdiözese München-Freising zusammen. Dort habe man die Übergriffe gemeldet und die Polizei eingeschaltet. Zudem zog man externe Berater für die Opfer hinzu, die die Jugendlichen in der Gruppe und auch einzeln betreuten. Sechs von ihnen schlossen die Ausbildung 2012 laut Alfred Maier ab, einer ergriff einen anderen Beruf. „Unsere Sozialpädagogin steht bis heute mit allen Opfern in Kontakt“, sagt Maier. „Sie haben es relativ gut überstanden.“

Doch wieso haben die Jugendlichen, die größtenteils schon volljährig waren, so lange geschwiegen? Sozialpädagogin Christine Rudolf-Jilg kennt derartige Fälle. Sie arbeitet bei Amyna, einem Münchner Institut für die Prävention von sexuellem Missbrauch. „Der Missbrauch von Schutzbefohlenen ist von den psychischen Folgen her vergleichbar mit familiärem Missbrauch“, sagt sie. „Die Opfer sind in einer für sie ausweglosen Situation. Sie werden von jemand anderem bestimmt. Das weckt furchtbare Ohnmachtsgefühle.“ Hinzu kommt die besondere Situation im Kolping-Bildungswerk: Die Jugendlichen weisen Verhaltensschwächen in verschiedenen Formen auf, sind zum Teil lernbehindert. „Diese jungen Menschen leben in einer noch größeren Abhängigkeit vom Hilfesystem“, sagt Rudolf-Jilg. „Eine Drohung wirkt bei ihnen viel massiver.“ Zudem sei es für benachteiligte Jugendliche schwer zu reflektieren, dass die Qual nur von einer Person ausgehe. „Sie denken oft, da steckt ein ganzes System dahinter.“ Gerade bei Jugendlichen könne Missbrauch die sexuelle Entwicklung schwer beeinträchtigen. Typische Folgen seien Panikattacken, Konzentrationsstörungen, der Rückzug aus dem sozialen Umfeld. „Je länger es dauert, umso schlimmer sind die Folgen.“

Johanna R. arbeitet heute als Assistentin in einem Hotel außerhalb Münchens. Sie ist in Therapie und machte vor Gericht keine Angaben dazu, wie es zu den Übergriffen kommen konnte. „Ein solcher Fall beschäftigt die Gerichte nur selten“, sagte die Richterin. Die Angeklagte habe auf niederträchtige Weise ein Herrschaftssystem aufgebaut. Die Demütigung der Jugendlichen sei mit dem Strafrecht nur ansatzweise zu fassen. Am Ende wurde die 32-Jährige zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und muss 5500 Euro an eine Kinderschutz-Einrichtung zahlen. Positiv wertete die Richterin das Geständnis. Vor dem Prozess hatte Johanna R. noch behauptet, die Jugendlichen hätten sich gegen sie verbündet.

Ann-Kathrin Gerke

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