„Ich will die Wahrheit“

München - Die Witwe des NSU-Opfers Theodoros Boulgarides findet die schleppende Aufklärungsarbeit des Staates unerträglich

Am 15. Juni 2005 wurde der griechische Unternehmer Theodoros Boulgarides als siebtes der zehn Opfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in seinem Laden an der Trappentreustraße im Westend erschossen. Vor drei Jahren flogen die rechtsextremen Täter auf. Seitdem versuchen Politik und Justiz, den Fall auszuleuchten. Gelungen ist das nur zum Teil, viele Fragen sind offen. Zum Beispiel, wie die Terrorbande um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, die beide Selbstmord begingen, sowie Beate Zschäpe, die in München vor Gericht steht, ihre Opfer aussuchten. Witwe Yvonne Boulgarides, wirft dem Staat vor, eigene Interessen über die der Opfer zu stellen. Im Interview fordert sie totale Auklärung und erzählt, wie die Polizei sie damals verdächtigte, selbst die Mörderin zu sein.

-Frau Boulgarides, der Mord an ihrem Mann ist jetzt mehr als neun Jahre her. Seit drei Jahren wissen Sie, dass es sich bei den Tätern wohl um rechtsextreme Terroristen handelt. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Ich bin hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Wut. Mal überwiegt das eine, mal das andere. Ich denke fast jeden Tag daran, und wenn ich mich mit Freunden oder der Familie treffe, dann ist der Mord an Theo eigentlich immer ein Thema bei uns, auch jetzt noch.

- Worüber sprechen Sie dann?

Zum einen über die erste Zeit nach der Tat. Unser Leben war ja komplett aus den Fugen geraten - mein eigenes und das meiner Töchter. Aber dann auch über diesen Einschnitt, als Mundlos und Böhnhardt in Eisenach starben. Da gab es schon immer Merkwürdigkeiten, und jetzt bekomme ich als Nebenklägerin im NSU-Prozess viel mit, was mich sehr befremdet.

-Was zum Beispiel?

Dass Beamte im Zeugenstand bestimmte Informationen nicht sagen dürfen, weil sie nur eingeschränkte Aussagegenehmigungen bekommen. Da stellt der Staat seine eigenen Interessen über meine. Ich will die Wahrheit. Eine meiner Töchter hat einmal gesagt, sie hat Angst, dass der Mörder stirbt, weil dann nie herauskommt, warum Papa ermordet wurde. Viele Leute bis hinauf zur Bundeskanzlerin haben versprochen, dass alles aufgeklärt werden soll. Aber warum wurden dann Akten vernichtet? Und warum weiß man so wenig über die Rolle der Geheimdienste?

-Erinnern Sie sich noch, wie Sie vom Tod Ihres Mannes erfahren haben?

Eine meiner Töchter ist von ihrer Cousine angerufen worden, die in der Nähe des Ladens war. Sie sagte, du musst ganz stark sein, dein Papa ist tot. Meine Tochter ist dann hysterisch geworden. Sie hat nur geschrien und geweint. Ich wollte wissen, was los ist. Sie hat gesagt: Der Papa ist tot. Dann habe ich seinen Cousin angerufen, und der hat gesagt, die Polizei sei im Laden. Meine Erinnerung für diesen Tag verschwimmt dann. Ich weiß, dass ich Abends allein auf dem Sofa lag und meine Töchter zusammen im Kinderzimmer waren.

-Wie ging es weiter?

Am nächsten Morgen habe ich im Radio gehört, Theo habe drei Schüsse in den Kopf bekommen. Das wusste ich da noch gar nicht, das war schockierend. Später hat die Polizei mich zum Verhör abgeholt, auch meine Töchter. Und dann gingen die Beschuldigungen gegen uns los. Die Polizisten erzählten mir, Theo sei bei Edelhuren gewesen und habe sich in die verliebt oder habe mit Glücksspiel oder Drogen zu tun gehabt. Und eine meiner Töchter haben sie gefragt, ob er sie angefasst habe. Sie haben auch mich verdächtigt.

-In welcher Weise?

Sie haben gesagt, ich soll’s jetzt zugeben, dass ich meinen Mann ermordet habe. Da habe ich sarkastisch geantwortet, ich bin vorher durch Deutschland gefahren und habe sechs Türken ermordet, damit es nicht so auffällt. Aber irgendwann war ich so mürbe, dass ich mich selber gefragt habe, ob mein Mann vielleicht wirklich ein Doppelleben geführt hat. Hat er aber nicht.

-Wann kamen Ihnen Zweifel, dass die Polizei die richtige Spur verfolgte?

Schon bald, spätestens nach dem Mord in Kassel ein knappes Jahr später. Das war ja wieder dieselbe Waffe, und am Tatort, in dem Internetcafé, war angeblich rein zufällig ein Verfassungsschutzbeamter. Ab da habe ich mir immer mehr Gedanken darüber gemacht, wie die Morde zusammenhängen, dass das Fremdenhass gewesen sein kann, dass es einen rechtsradikalen Hintergrund gibt. Das wollte aber lange keiner hören - bis die beiden Uwes in Eisenach starben.

-Was erhoffen Sie sich von den Ermittlungen und dem Prozess?

Dass die Wahrheit herauskommt. Das ist mir wichtiger als ein hartes Urteil. Ich glaube, dass wir erst die Spitze des Eisbergs kennen. Ich möchte auch, dass der Staat uns endlich ernst nimmt. Zum Empfang beim Bundespräsidenten haben sie mir zum Beispiel einen Dolmetscher für Griechisch angeboten. Dabei bin ich aus Hannover und durch und durch deutsch. Und ich möchte endlich verstehen können, warum mein Mann ermordet wurde. Ich weiß nicht, wie ich das Thema sonst je abschließen kann.

Interview: Christoph Lemmer

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