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Der Imam und der Pfarrer: Benjamin Idriz (links) und Rainer Maria Schießler gestern in der Wittelsbacherschule.

Imam Idriz und Pfarrer Schießler

Debatte um Islamisten: „Ideologien kann man nicht zerbomben“

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München - In einer Mittelschule diskutieren ein Imam, ein katholischer Pfarrer, ein CSU-Politiker und eine muslimische Schülerin über Integration. Was davon zu halten ist, wenn die ihnen nicht die Hand geben will, da ist man sich nicht einig. Den Schülern im Publikum geht es um etwas anderes: Sie haben Angst vor dem Terror.

Gegen Gewalt. Für Toleranz. Es gibt Aussagen, auf die man sich schnell einigen kann. Auch dann, wenn ein Imam mit dem Integrationsbeauftragten der Staatsregierung zusammensitzt. Natürlich sind Benjamin Idriz und Martin Neumeyer beide entsetzt von den Taten in Paris und Istanbul. Beide halten Terrorismus für eine große Gefahr für das friedliche Zusammenleben. Spannend wird es erst bei den praktischen, alltäglichen Fragen – und, wenn es um die richtigen Konzepte gegen Terrorismus geht.

Bei den Neunt- und Zehntklässlern der Wittelsbacherschule im Glockenbachviertel stand gestern morgen eine spannende Podiumsdiskussion auf dem Stundenplan. Neben Idriz und Neumeyer diskutierten noch Pfarrer Rainer Maria Schießler von der benachbarten Maximilianskirche und eine 15-jährige muslimische Schülerin über gelungene und gescheiterte Integration von Muslimen.

Doch wo fängt Extremismus überhaupt an? Pfarrer Schießler betonte, es gebe ihn in allen Religionen. Wo man den eigenen Glauben für den richtigen und den eines anderen für falsch halte, fange Extremismus an. An die Christen, die Angst vor dem Islam haben, gerichtet, sagte er: „In München sind die Kirchen leer, es sinkt die Zahl der Katholiken.Wir müssen uns auch wieder mehr um uns selbst kümmern.“

Derzeit aber tobt vor allem eine aufgeregte Debatte über die Muslime. Warum Jugendliche freiwillig in Syrien kämpfen? Idriz betonte, insgesamt würden die Moscheegemeinden gute Integrationsarbeit leisten. „Viele dieser Jugendlichen sind frustriert, haben soziale Probleme, Gewalt in den Familien erlebt.“ Das wollte CSU-Mann Neumeyer so nicht stehen lassen. „Das ist zu kurz gesprungen“, sagte er. Auch andere haben soziale Probleme. Es ist ja kein Automatismus, dass man dann in den Krieg zieht.“

Differenzen taten sich in einer ganz alltäglichen Frage auf. Das muslimische Mädchen mit Kopftuch auf dem Podium hatte den Männern vorher nicht die Hand geben wollen – aus religiösen Gründen. Neumeyer und Schießler fanden das unproblematisch. Ausgerechnet Idriz, der Imam, betonte, er fände wichtig, dass Lehrer so einen Wunsch akzeptieren. Idriz warb aber dafür, es im Sinne einer gelingenden Integration Hände zu schütteln. „Der Koran hat das nicht verboten“, sagte Idriz. „Und ist es wirklich so wichtig für eine muslimische Frau, nicht die Hand zu geben?“

Idriz, der in München eine westlich orientierte Moschee errichten will, warb einmal mehr für neue Konzepte. In der Stadt gebe es kaum Moscheen, in denen auf Deutsch gepredigt werde, sagte er. „Deutschland ist, was die Imame betrifft, weiter von der Türkei abhängig.“ Das Ergebnis der von Ankara entsandten Imame: Sie erreichten die Jugendlichen nicht mehr, deren Lebenswelt sie nicht verstehen – und die ja häufig fast oder gar kein Türkisch oder Arabisch mehr können. Idriz setzt da große Hoffnung auf die Zukunft: Wenn die ersten an deutschen Universitäten ausgebildeten Imame in den Moscheen antreten.

Das ist Zukunftsmusik. Heute verbinden viele Schüler mit dem Islam vor allem die Angst vor Terror, das wurde in der Fragerunde deutlich. Warum Menschen sich denn umbringen?, fragte eine. Ob der Terror jetzt auch nach Deutschland komme, ein anderer? Fragen, die Neumeyer und Co auch nicht so recht beantworten konnten. „Ideologien kann man nicht zerbomben“, erklärte der Integrationsbeauftragte lediglich. Damit dürfte er den Schüler, der besorgt gefragt hatte, ob der Kampf gegen den „IS“ die Gefährdung in München nicht noch erhöhe, nicht beruhigt haben. Im Gegenteil.

 

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