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Gedränge im Hörsaal: Deutschlandweit steigt der Anteil der Akademiker in München am schnellsten. 

Immer mehr Akademiker

München: Der Boom hat einen Beigeschmack

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München - In München steigt der Anteil der Akademiker deutschlandweit am schnellsten, alleine im vergangenen Jahr um drei Prozent. Und die Wirtschaftskraft nimmt immer weiter zu. Doch Mieterschützer und Handwerker sehen die Entwicklung auch mit Sorgen.

Eine schöne Wohnung in München zu finden ist oft wie ein Lottogewinn. Während der Wohnungssuche fühlen sich Bewerber aber, als gehe es um einen neuen Arbeitsplatz. Denn Vermieter schauen auf dem aufgeheizten Wohnungsmarkt längst nicht mehr nur, ob die Bewerber sympathisch und zuverlässig wirken. Man sichtet ausführliche Unterlagen – inklusive beruflichem Lebenslauf. Besonders gut im Rennen ist, wer einen akademischen Abschluss hat. „Da geht der Vermieter davon aus, dass die Zahlungsfähigkeit größer ist“, erklärt die Münchner Mietervereins-Chefin Beatrix Zurek.

Die Chancen für Arbeiter, Handwerker, normale Angestellte hingegen sinken. Und der Trend hält an, denn in München leben immer mehr Akademiker, wie jetzt eine Erhebung von Immobilienscout24 und der Wirtschaftswoche zeigt. In keiner größeren deutschen Stadt ist der Zuwachs demnach so groß wie in München. Allein im Jahr 2015 stieg der Anteil der Angestellten mit Hochschul-Abschluss unter allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 3,2 Prozent. Stolze 28,5 Prozent der Münchner Arbeitnehmer sind inzwischen Akademiker. Höhere Werte erreichen nur die beiden vergleichsweise kleinen Universitäts-Städte Erlangen (31,2 Prozent) und Jena (30,2 Prozent). Im Westen und Norden der Republik hingegen gibt es noch wahre Arbeiterstädte: In Gelsenkirchen lag der Wert bei gerade einmal 9,3 Prozent, in Bremerhaven gar nur bei 9,1.

Erklären lässt sich der Boom mit den großen Universitäten und Forschungszentren – und mit Konzernen wie der Allianz, BMW und der Münchner Rückversicherung, die allesamt sehr viele Uni-Absolventen beschäftigen. Gut möglich, dass die Werte in den kommenden Jahren weiter steigen: Alle Prognosen gehen davon aus, dass in der Stadt noch hunderttausende weitere Jobs entstehen werden.

Eine Tendenz, die auch Schattenseiten hat – zum Beispiel auf dem Wohnungsmarkt. Mietervereins-Chefin Zurek appelliert an die Eigentümer, auch an Menschen mit ganz normaler Berufsausbildung zu vermieten. „Jeder Vermieter ist gut beraten, für eine gesunde Mischung zu sorgen“, sagt sie. Denn auch dort, wo nur Betuchte unter sich sind, könnten für Vermieter schnell Nachteile entstehen. „Dann“, sagt Zurek, „entsteht oft eine schwierige Erwartungshaltung unter den Mietern“.

Auch Handwerkskammer-Präsident Georg Schlagbauer sieht die Entwicklung mit Sorge. Gerade für Auszubildende sei die Wohnungssuche in München sehr schwierig. Schlagbauer hofft, dass noch mehr Firmen selbst Wohnungen für ihre Mitarbeiter bauen – und wirbt für das Image der Nicht-Akademiker. Er verweist auf eine Studie, die er kürzlich vorgestellt hat. Demnach verdienen Handwerks-Meister durchschnittlich nicht schlechter als Akademiker, haben genauso viel Personalverantwortung und Entwicklungschancen. „Mit einer dualen Ausbildung hat man die gleichen Aussichten“, sagt Schlagbauer. Es zeige sich, dass es sich für junge Leute weiter lohnt, alle Berufswege in Betracht zu ziehen. „Die belegte Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss jetzt noch stärker in die Öffentlichkeit.“

Zurek hofft, dass auch die, die eine vergleichsweise niedrige Bezahlung haben, in München weiter eine Wohnung finden. Politisch setzt sie da auf Genossenschaften und städtischen Wohnungsbau. Und Zurek weist darauf hin, dass auch bestimmte Akademikergruppen sich oft schwer tun, Vermieter von sich zu überzeugen. Zum Beispiel Geisteswissenschaftler, die den Ruf haben eher am Taxi-Steuer als in der Chefetage zu landen. Und Juristen. Die, sagt Zurek, verdienen zwar oft gut. Hätten bei Vermietern aber den Ruf, sich oft und gerne zu streiten.

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