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Nach sechzig Jahren schließt das Schuhaus Rindle in Pasing seine Pforten.

Trauriger Trend verändert die Stadt

Immer mehr kleine Läden dicht: Hier stirbt München

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  • Ramona Weise
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München - Der große Report über den traurigen Trend des Geschäfte-Sterben in den Münchner Vierteln, der unsere Stadt verändert. Warum kleine Händler und Boutiquen reihenweise aufgeben müssen.

Es ist jedes Mal, als würde ein Stück München sterben: Wenn wieder einer dieser kleinen, speziellen Läden schließen muss, die doch den Charme ­unserer Stadtviertel ausmachen. Es werden immer mehr – die steigenden Mieten, die Konkurrenz durch das Internet oder fehlende Nachfolger sind oft der Grund. Die tz hat einige Läden besucht, die zumachen müssen, und mit Politikern über das Problem ­gesprochen. Wir finden: Es langt! Wir wollen den Münchner Charme retten! Bitte schreiben Sie uns eine Mail an lokales@tz.de, wenn einem Geschäft in Ihrer Nähe die Schließung droht. Wir bleiben für Sie am Ball!

Viertel-Politiker schlagen Alarm

BA-Chef Wolfgang Neumer sagt: Im Bezirk Altstadt-Lehel gebe es gar keine solchen Läden mehr

Die Politiker der Innenstadt beobachten das Ladensterben schon lange mit Sorge. Alexander Miklosy (Rosa Liste), Vorsitzender des Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt - Isarvorstadt, sagt: „Bestimmte Branchen können sich im Viertel einfach nicht mehr halten. Andere Branchen wiederum dehnen sich krakenmäßig aus.“ Das Glockenbachviertel etwa brauche nicht noch einen zusätzlichen Friseur, und nicht noch eine weitere Gaststätte mit Feiernden, die Anwohner in der Nacht wach hielten. Was erhalten werden müsste, seien normale Handwerker-Läden. Der Schlosser. Der Glaser. Der Schreiner im Hinterhof, wie Pumuckls Meister Eder. Aber die haben es schwer.

Ein häufiges Prozedere, das Miklosy beobachtet: Vermieter legen kleinere Läden zusammen zu einem großen – und schon zieht wieder eine Filiale einer Kette ein. „Die Filialisten können Mieten bezahlen, die sich andere nicht mehr leisten können.“

Im nördlichen Lehel etwa, so berichtet auch der BA-Vorsitzende Altstadt-Lehel, Wolfgang Neumer (CSU), gebe es mittlerweile schlichtweg keine kleinen Läden mehr, die noch zumachen könnten. „Die Mieten kann sich keiner mehr leisten.“ Sein Stellvertreter, Wolfgang Püschel (SPD), nennt ein weiteres Problem: Es gebe oftmals keine jungen Leute, die einen alteingesessenen Laden übernehmen wollten. „Dadurch verschwinden auch viele kleine Geschäfte aus Altersgründen der Betreiber.“

Drei Fragen an das Planungsreferat München zur Situation der Geschäfte

1. Das Sterben von kleinen Geschäften in unserer Stadt: Wie schätzt das Planungsreferat die Lage ein?

Sprecher Martin Klamt: Steigende Mieten sind gerade für kleinere Geschäfte ein Problem. Generell ist die Entwicklung auch im Zusammenhang mit dem zunehmenden Online-Handel zu sehen. Insbesondere vor diesem Hintergrund wird der Druck auf den traditionellen, kleinteiligen Einzelhandel weiter zunehmen. Doch eine verträgliche kleinteilige Mischung ist ein Kennzeichen der europäischen Stadt: Sie ist dem Planungsreferat im Bestand und bei neuen Quartieren wichtig.

2. Was unternimmt die Stadt, um gegenzusteuern?

Klamt: Sie unterstützt an Standorten in Bestlage – wie etwa dem Rathaus – den traditionellen Facheinzelhandel durch faire und umsatzorientierte Mieten. Damit will sie eine kleinteilige Einzelhandelsstruktur und Branchenvielfalt fördern. Dies kann von Seiten der Kommune jedoch nur auf die begrenzten stadteigenen Liegenschaften angewendet werden. Eine darüber hinausgehende Einmischung in den Markt ist mit den Grundsätzen unserer Wirtschaftsordnung nicht vereinbar.

3. Kann die Stadt nicht versuchen, gegen das ­Zusammenlegen von kleinen Geschäften zu größeren Einheiten vorzugehen?

Klamt: Dies ist für die Stadt rechtlich leider nicht ohne weiteres möglich. Es würde helfen, wenn die privaten Eigentümer der jeweiligen Immobilien kleinteiligere Strukturen fördern würden. Nicht zuletzt kann auch die Kundschaft selbst durch den Einkauf in solchen Geschäften deren Wirtschaftlichkeit in guten Lagen unterstützen.

Ex-Ski-Star Ertl-Renz gibt auf

Martina Ertl-Renz, früher Ski-Star, heute Geschäftsfrau, mit ihrem Mann Sven Renz vor dem gemeinsamen Laden.

Sie handeln, bevor es zu spät ist: Ex-Skistar Martina Ertl-Renz (43) und ihr Mann Sven Renz (42) verlassen mit ihrem Sportgeschäft Ertl/Renz Ende Mai die schicke Brienner Straße und geben den Handel mit Sportkleidung auf. „Wir erkennen die Zeichen der Zeit. In Zeiten des Onlinehandels lohnt sich der textile Einzelhandel nicht mehr“, sagt Sven Renz zur tz. Künftig konzentriere sich das Paar nur noch auf die Kernkompetenzen: Maßanfertigung von orthopädischen Sportschuh-Einlagen und Skischuhen sowie die individuelle Laufschuhberatung. „Da heben wir uns auch von der Online-Konkurrenz ab.“ Zu diesem Zweck brauche man keine Top-Lage mit Laufkundschaft. Renz: „Unsere Stammkunden und Zielkunden, die von Ärzten geschockt werden, finden uns auch in einem anderen Geschäft.“

Alle wollten nur Rabatte

Klaudia Burger mit Mitarbeiter Randolph Gelin.

An besonders nervigen Tagen verweilt ein Kunde im Laden, probiert alles an – und kauft das Lieblingsteil dann daheim online. Klaudia Burger (51) hat es satt. Sie wird ihr Modegeschäft Slips am Gärtnerplatz im Juni schließen – nach 27 Jahren. „Es macht mir einfach keine Freude mehr.“

Dabei hat die Geschäftsfrau ihren Beruf geliebt, hat mit einem Designer-Unterwäsche-Laden angefangen und diesen zu einer bekannten Mode-Adresse in München gemacht. „Ich suche mein Sortiment sorgsam und mit viel Liebe aus. Manche meiner Stücke gibt es nur 150 Mal auf der Welt. Aber die Wertigkeit der Mode ist durch Massenware von Filialisten wie Zara und H&M und den Onlinehandel verlorengegangen.“

Klaudia Burger sagt, sie verdiene immer noch Geld, könne auch die Miete noch bezahlen. Aber der Anteil der Kunden, die nur noch nach einem Rabattschild suchen, werde immer höher. „Ich verkaufe ohnehin schon sechs Monate im Jahr reduzierte Ware, an der ich nichts verdiene.“

Die Entwicklung, immer alles billiger haben zu wollen, wolle sie nicht weiter unterstützen. Um die Stammkunden tut es Klaudia Burger leid. Und um verdiente Mitarbeiter wie Randolph Gelin (58, Foto). „Aber es geht einfach nicht mehr. Ich werde wieder etwas Neues, Schönes erschaffen – ohne Mode.“

Fünfmal mehr Miete

Margit Muggenthaler nach 20 Jahren ihr Antiquitäten-Geschäft in der Fraunhoferstraße 1 im Glockenbach zugemacht.

Ihre Miete steigerte sich innerhalb von 20 Jahren von 1000 Euro im Monat auf das Fünffache! „Mit meinem Produkt Antiquitäten ist es schwierig, das noch reinzuholen“, sagt Margit Muggenthaler (60). „Andererseits wüsste ich aber auch nicht, mit welchem Angebot diese Miete zu stemmen wäre.“ Deswegen hat Muggenthaler nach 20 Jahren ihr Antiquitäten-Geschäft in der Fraunhoferstraße 1 im Glockenbach zugemacht, vorher war sie 15 Jahre in der Fraunhofer 9. Irgendwann werde es in der In-Straße gar keine kleinen Läden mehr geben, befürchtet sie. Doch ganz aufhören wollte die Münchnerin nicht: Mit ihrem verbliebenen Kostüm- und Accessoires-Verleih für Film und Theater ist sie seit Weihnachten ins neue Geschäft von Schwiegertochter Alva Morgaine Pilz (29) in der Hans-Sachs-Straße 9 eingezogen. In der „Wunderkammer für Vintage, Unikaute & Kostbarkeiten“ hat Muggenthaler zwei Räume bezogen. Für eine „sehr moderate Miete“, wie sie sagt.

Leute kaufen, wo es billiger ist

Vor 55 Jahren hat Rosina Rindle (80) mit ihrem Mann Egon das Schuhgeschäft Rindle der Schwiegereltern übernommen – spätestens Ende nächster Woche sperrt sie den Laden in der Bäckerstraße 8 in Pasing für immer zu. Grund: Immer mehr Kunden blieben aus. „Die Entwicklung ist mittlerweile leider normal“, sagt Rosina Rindle. „die Menschen wollen zwar Beratung und Service, sie kaufen dann aber dort, wo sie es billiger kriegen.“ Ihre Schwiegereltern hatten das Schuhgeschäft einst in der Planegger Straße gegründet, zogen dann um und eröffneten Anfang der 50er Jahre ein paar Straßen weiter. Besonders für Menschen mit Fußproblemen war Schuh Rindle immer eine gute Adresse. Schon vor fünf Jahren wollte Rosina Rindle aufhören, ihrer Mitarbeiter zuliebe aber blieb sie. Doch jetzt ist Schluss. „Traurig bin ich nicht, schon eher froh, dass ich die Verantwortung los habe.“ ◀ Foto: Achim Schmidt

Kündigung nach 27 Jahren!

Seit 27 Jahren gibt es den Büro-, Zeichen- und Grafikbedarf „Weber“ - im Dezember 2017 soll Schluss sein.

33 Prozent mehr Miete im Monat, im Jahr etwa 25.000 Euro mehr. Das sei für seinen Schreibwarenladen einfach nicht zu erwirtschaften, sagt Markus Arendt (53). Seit 27 Jahren gibt es den Büro-, Zeichen- und Grafikbedarf „Weber“ in der Westermühlstraße im Glockenbachviertel. Arendt hat das Geschäft 1998 von den Schwiegereltern übernommen, seit einigen Jahren gibt es dort auch eine Post-Stelle.

Doch Ende Dezember soll für das beliebte Geschäft Schluss sein. Der Vermieter, die Bauer Media Group aus Hamburg, hat Arendt gekündigt, weil er die Mieterhöhung nicht stemmen kann. Ähnlich geht es auch einem Goldschmiedeatelier und einem Friseurladen an der Ladenzeile Holzstraße/Westermühlstraße. Der Aufschrei im Viertel ist groß. Der Schreibwarenladen sucht nun einen neues Geschäft mit 150 bis 250 Quadratmetern Fläche: „Vielleicht überlegt ein Hausbesitzer im Viertel doch, ob er in einen leeren Laden statt einer Kneipe nicht doch lieber uns nehmen möchte.

Sanierung – und dann?

Gustavo Hinojosa muss seinen Laden wegen der Sanierung des Ruffinihauses schließen.

Gustavo Hinojosa ist umgeben von tanzenden, lachenden Figuren. Ihm selber ist nicht zum Lachen: Er hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Sein Laden muss wegen der Sanierung des Ruffinihauses schließen – und ob er danach wiedereröffnen kann, steht in den Sternen. Der gebürtige Kolumbianer hat 2015 den Laden für „Holzschnitzereien und Antiquitäten“ am Rindermarkt von einem Münchner Ehepaar übernommen, das den Laden zu einem wahren Schmuckstück gemacht hatte. Sie übergaben ihn nur deshalb an Hinojosa, weil er versprach, ihn genau so zu erhalten. Nur hier gibt es die typischen Moriskentänzer-Figuren zu kaufen (bekannt durch das Glockenspiel), Schon als er den Laden übernahm, war klar, dass das Ruffinihaus saniert werden muss – nur nicht wann. Dann stand schnell fest, dass er den Laden bis Ende 2017 räumen muss. Für die Zeit danach aber muss sich Hinojosa wieder ganz neu als Mieter für das Ruffinihaus bewerben.

Kugelspiel: Aus der Traum nach 8 Jahren

Chefin Nina Buske (43) hatte das „Kugelspiel“ vor acht Jahren eröffnet - jetzt zieht sie um.

Liebevoll bestickte Krabbeldecken, bunte Kissen mit Namen, handgenähte Kleider aus Biostoffen oder Wolle: All das (und noch viel mehr) fanden die Kunden im „Kugelspiel“ in der Reichenbachstraße. Chefin Nina Buske (43) hatte das Kindermodengeschäft vor acht Jahren eröffnet. Nun zieht sie aus. In den letzten zwei Jahren war der Umsatz eingeknickt. „Zuletzt kam nur noch ein Drittel der Kunden, die früher bei mir eingekauft haben“, sagt Nina Buske. „Nicht einmal mehr der Samstag war ein guter Tag.“ Jetzt zieht die 43-Jährige ins „Karusa“ in der Humboldtstraße 6, wo sie neben vielen anderen Künstlern einen Raum für ihre selbst gemachte Ware gemietet hat. Kaufen kann man ihre Sachen auch in der Hands Gallery (Pariser Str. 21). Und wie schwer fällt ihr der Abschied aus der Reichenbachstraße? „Ich bin froh, dass die Belastung weg ist“, sagt Nina Buske. „Und schön ist, dass wenigstens nicht alles umsonst war in den letzten acht Jahren und ich meinen treuen Kundenstamm mitnehmen kann.“

Der Ausverkauf: „Traurig“

Letzter Tag bei Tamaras Jeans an der Müllerstraße.

Noch heute wenden sich Leute auf Facebook an sie, fragen: „Was ist mit Ihrem Laden? Wir wollen bei Ihnen einkaufen...“ Doch den Laden gibt es nicht mehr. Schon 2014 musste „Tamaras Jeans“ in der Müllerstraße 1 schließen. Fast 38 Jahre nach Eröffnung.

Im April 1977 hatten die Eltern von Tamara Rohleff (46) das Geschäft gegründet. Ein Laden nur mit Jeanshosen. Nach ihrer Lehre 1994 übernahm ihn Tamara. 2012 der Schock: Ihr Vermieter kündigte plötzlich. Mit der Bemerkung: „Ihr Geschäft passt nicht mehr in dieses Viertel. Ziehen Sie doch an den Ostbahnhof.“ Tamara weiß noch genau, wie sie sich gefühlt hat. „Ich bin da gestanden und konnte nichts sagen.“ Sie war ja in dem Laden groß geworden, in einer Zeit, als die Kunden noch zum Einkaufen und Ratschen kamen, wo noch Leben war im Viertel. Vor drei Jahren dann kam der letzte Tag. Der Ausverkauf. „Es fühlte sich so unglaublich traurig an“ – gerade auch für ihre Eltern, die den Laden einst aufgebaut haben.

Ramona Weise, Andrea Stinglwagner, Nina Bautz und Martina Williams

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