Immer mehr Migranten selbstständig

München - Während Deutsche immer seltener Unternehmen gründen, machen sich in München immer mehr Zuwanderer aus den neuen EU-Staaten selbstständig, viele mit Erfolg. Eine Branche ist dabei besonders beliebt.

Manche folgen der Familientradition. Für andere bietet die Selbstständigkeit die Freiheit, nach der sie suchen. Und für wieder andere ist es eine Notlösung. Notlösung deshalb, weil sie sonst allenfalls als Hilfsarbeiter ein Auskommen fänden. Fest steht: Der Einstieg in die gewerbliche Selbstständigkeit übt auf Zuwanderer eine besondere Anziehungskraft aus.

Diesen Schluss lässt jedenfalls die Münchner Gewerbestatistik zu. In der letzten Dekade hat die Erweiterung der Europäischen Union deutliche Spuren hinterlassen. Bislang steht nur für das Jahr 2011 das vollständige Datenmaterial zur Verfügung. Das aber zeigt: Seit 2004 haben die Gewerbeanmeldungen durch Deutsche regelmäßig abgenommen: Von rund 16 000 auf knapp 13 000 im Jahr 2011. Offenbar sind Menschen aus der Bundesrepublik derzeit lieber angestellt als auf sich selbst gestellt.

Zuwanderer aus dem Ausland dagegen meldeten 2004 etwa 7000 Gewerbe an, im Jahr 2011 waren es fast 11 000. Der Schritt in die Selbstständigkeit ist denkbar einfach. Beim Kreisverwaltungsreferat gibt es für 45 Euro einen Gewerbeschein - und schon kann es losgehen. Auch nach Nationalitäten lässt sich die Entwicklung aufschlüsseln. So erreichten das Interesse von Polen an der Selbstständigkeit 2006 mit 2465 Gewerbeanmeldungen eine Spitze. 2004 hatte sich Polen der EU angeschlossen (siehe Grafik).

Ungarn, die ebenfalls seit 2004 Unions-Europäer sind, nahmen einen etwas längeren Anlauf. 2008 gab es dann aber bereits 2214 Gewerbeanmeldungen - und damit mehr als in diesem Jahr von Polen beantragte Gewerbescheine. 2007 trat Rumänien der EU bei, 2010 meldeten 1774 Rumänen ein Gewerbe an. 2011 pendelten sich die Zahlen aller drei Nationalitäten auf etwa gleichem Niveau ein: Jeweils etwa 1700 Polen, Ungarn und Rumänen gingen im vorvergangenen Jahr den Weg in die Selbstständigkeit.

Münchens Wirtschaftsreferent, der SPD-OB-Kandidat Dieter Reiter, sieht in der regen Selbstständigkeit von Migranten „eine Bereicherung des Stadtlebens“. Zuwanderer mit erfolgreicher Eigeninitiative werden von der Stadt geehrt. Der jährlich vergebene Phönix-Preis, dotiert mit 3000 Euro, wird unter mehreren Siegern aufgeteilt. So ist die Auszeichnung denn eher als Geste der Anerkennung denn als Unternehmensförderung zu sehen.

Eines der von Migranten gegründeten Paradeunternehmen ist die OSB AG, die Software- und Systementwicklungen hauptsächlich für Arbeitsmaschinen anbietet. Der Stammsitz liegt auf der Schwanthalerhöhe. Der Bosnier Denis Sisic gründete die Firma 2003. Mittlerweile beschäftigt er in seiner Aktiengesellschaft 450 Mitarbeiter, hat 13 Niederlassungen in ganz Deutschland und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von zuletzt 32 Millionen Euro. Die Stadt verlieh der AG den Phönix-Preis „für etablierte Unternehmen“.

Aber auch kleineren Betrieben zollt die Wirtschaftsbehörde ihren Respekt. Die Brüder Demirtas etwa, die die „Fritz Mühlenbäckerei“ betreiben, wurden als erfolgreiches „Kleinunternehmen“ ausgezeichnet. Für „Phönix“-preiswürdig wurde auch „Dr. Ana Feinkost“ befunden. Die beiden Inhaberinnen konnten sich in der Sparte „Gründungsunternehmen“ hervortun. Seit 2009 versenden sie hochwertige Waldpilze.

Unter den von Migranten gegründeten Unternehmen hat sich aber ein Sektor als besonders attraktiv herausgestellt: Der Bau. Statt als lohnabhängige Mitarbeiter verdingen sich viele Zuwanderer als ihr eigener Chef und übernehmen Aufträge, die sie auf eigene Rechnung erfüllen. Hier findet sich eine große Zahl jener Subunternehmen, die Arbeiten für die Auftraggeber in die Hand nehmen.

Rund 39 Prozent der von Zuwanderern angemeldeten Gewerbe sind Baufirmen. 19 Prozent, so hat die amtliche Statistik ausgewertet, erbringen „sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen“. Im Handel und mit Kfz-Reparaturen versuchen sich sechs Prozent. Freiberufler in Wissenschaft und Technik sind ebenfalls mit sechs Prozent beteiligt. Das Gastgewerbe haben weitere sechs Prozent für sich auserwählt. Breit gestreut sind die Tätigkeiten bei den übrigen 21 Prozent der Gewerbe.

Unter allen Münchner Gewerbetreibenden mit Migrationshintergrund sind Türken am häufigsten vertreten - mit 36 257 Gewerbescheinen. Kroaten können 22 053 vorweisen, Österreicher 20 159. Erst dann folgen Italiener und Griechen mit jeweils knapp 20 000 Freibriefen für die Selbstständigkeit.

Auch räumlich lassen sich die Haupt-Gewerbezonen in der Stadt ausmachen: Zwischen 2004 bis 2011 sind für die Ludwigs- und Isarvorstadt mit 13 700 die meisten Gewerbescheine ausgestellt worden. Schwabing-Freimann hat 12 400 zu bieten, die Maxvorstadt 12 000.

Freilich steckt hinter der hohen Gewerberate bei Zuwanderern auch ein Problem: das Sprachdefizit. Viele Migranten haben zwar eine respektable Bildung in der alten Heimat erworben, haben in Deutschland aber wenig Chancen auf eine Festanstellung in anspruchsvolleren Branchen, weil ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichen.

Von Eberhard Geiger

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