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Ältere Leute geben sich aus verschiedenen Gründen der Sucht hin: etwa Vereinsamung oder Trauer.

Immer mehr Senioren trinken

München - Alarmierende Zahlen über die Generation Rentner: Immer mehr Senioren greifen zur Flasche und trinken.

Vor Monaten rief Martha S. (alle Namen geändert) aus München ihre Schwester Johanna an: „Hör mal“, sagte die junge Frau, „das mit Papa, das geht so nicht weiter.“ Zusammen nahmen die beiden den Kampf auf – gegen den Alkoholismus im Alter, der in der Bevölkerung grassiert.

Der Vater war nach dem schnellen Tod seiner geliebten Ehefrau in ein Loch gefallen – und da nicht mehr herausgekommen. Der 71-Jährige, der früher Lehrer war, saß nur noch in seiner Wohnung im Berchtesgadener Land und trank. Die besorgten Töchter wandten sich an die Suchtberatung der Caritas in Berchtesgaden. Dort bekam Werner S. die Hilfe, die er brauchte. Er machte stationär einen Entzug, jetzt ist er in ambulanter Therapie – es geht ihm schon viel besser.

Senioren und Suchtprobleme – ein Tabu?

Wie ein aktueller Bericht der Suchtberatungsstellen und Sozialpsychiatrischen Dienste des Bezirks Oberbayerns zeigt, ist die Zahl der Hilfesuchenden über 65 Jahren von 2007 auf 2009 um mehr als ein Drittel (38,5 Prozent) auf 677 gestiegen. Auch bei der Altersgruppe darunter (50 bis 64) verzeichnen die Dienste 28,5 Prozent mehr Ratsuchende, im Jahr 2009 waren dies 3582 Personen. „Und diese Entwicklung wird sich fortsetzen“, sagt die Koordinatorin für Psychiatrie und Suchthilfe beim Bezirk, Sylvia Henrich. Sie geht davon aus, dass viele ältere Menschen mit Suchtproblemen bislang noch nicht den Mut fanden, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Manchmal schlagen die Kinder Alarm – wie im Fall von Werner S. Oft auch die Ehepartner, falls es sie noch gibt. „Und einsame Trinker, die kaum soziale Kontakte haben, fallen dem Hausarzt auf“, sagt Rainer Hoffmann. Er ist Leiter der Caritas in Bad Reichenhall.

Dort wird das Forschungsprojekt „Alter und Sucht“ über einen Zeitraum von zwei Jahren durchgeführt. Es sollen neue Wege gefunden werden, die Senioren von ihrer Sucht zu befreien. Hoffmann erklärt, weshalb: „Ein 70-Jähriger fühlt sich in einer Therapiegruppe fehl am Platz, wenn lauter 30-Jährige um ihn herumsitzen.“ Zudem hänge die Einsicht und die Bereitschaft, mit dem Trinken aufzuhören, stark vom Alter ab, und auch die Wirkung des Trinkens. Ein Junger habe Angst, seine Zukunft zu zerstören. Ein alter Mensch habe weniger Zukunftsangst, leide aber körperlich viel stärker unter einem Vollrausch. Woran liegt es nun, dass immer mehr ältere Menschen zur Flasche greifen? „Etwa Vereinsamung“, so Sylvia Henrich vom Bezirk.

Doch dies ist nur ein Aspekt. Pensionär Werner S., um den sich Hoffmann von der Caritas kümmerte, brauchte Abstand von seiner Trauer, von der Wohnung, in der ihn jeder Gegenstand an seine tote Frau erinnerte. Oder die Dame Ende 60, die jahrzehntelang in der Arztpraxis ihres Mannes mitgearbeitet hatte. Psychisch war sie schon immer auffällig, hatte häufig depressive Phasen. Seit ihr Mann vor vier Jahren eine Affäre gestanden hat, trinkt sie quartalsmäßig. Das bedeutet, sie ist wochenlang nüchtern, wenn sie sich aber dem Alkohol hingibt, dann massiv. Ihren Mann beschimpft sie im Rausch und schlägt um sich. Der Internist hat seine Frau vor die Wahl gestellt: Therapie oder Scheidung! Eine der Alkoholiker-Gruppen der Caritas in Berchtesgaden fing sie schließlich auf.

Carina Lechner

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