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Notstand in der Notaufnahme.

Brief eines Rettungssanitäters

Notaufnahmen in Not: Münchens überlastete Krankenhäuser

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In den Münchner Krankenhäusern kommt es immer öfter zu Engpässen in der Notaufnahme. Rettungssanitäter klagen über lange Wartezeiten bei der Übergabe von Patienten und lange Fahrwege. Der Rettungszweckverband sieht die Notfallversorgung jedoch gewährleistet.

Ein Rettungssanitäter macht sich in einem anonymen Brief an diese Zeitung Luft. „Die Versorgung der Patienten ist nur noch mittels Zwangsbelegung der Krankenhäuser möglich“, schreibt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Es gebe zu wenig Betten in den Kliniken. „Patienten liegen auf den Gängen und das über Stunden“, schreibt er.

Keine Kapazitäten: Die Notaufnahmen der Münchner Kliniken haben immer öfter keine Möglichkeit mehr, neue Patienten aufzunehmen. Vorgestern Abend um 19 Uhr hatte etwa nur ein Krankenhaus noch Luft (siehe Grafik oben).

Mittwochvormittag, 10 Uhr. Der Blick auf das vom Rettungszweckverband München betriebene Portal Ivena E-Health, das die Integrierte Leitstelle für den Einsatz aller Rettungswagen nutzt, zeigt: 15 der aufgelisteten 19 Münchner Kliniken haben keine Kapazitäten für die Notfallversorgung mehr. Lediglich bei der Klinik des Augustinums, beim Klinikum Martha-Maria, dem Städtischen Klinikum Bogenhausen und bei der Fachklinik für Naturheilwesen und Innere Medizin in Harlaching zeigt die Ampel grünes Licht. Hier können noch Patienten mit dem Rettungswagen eingeliefert werden. Am Dienstagabend um 19 Uhr ein noch drastischeres Bild: Zu diesem Zeitpunkt gibt es in keiner Münchner Klinik Aufnahmemöglichkeiten.

Akute Notfallpatienten, etwa Schwerstverletzte, würden natürlich trotzdem in der nächstgelegenen Klinik versorgt, sagt Roland Dollmeier, Geschäftsleiter des Rettungszweckverbands. „Die Notfallversorgung ist gewährleistet.“ Derzeit gehe es saisonbedingt eng zu. „Im Januar ist immer mehr los, und jetzt haben wir auch noch Glatteisunfälle.“ Ein großes Problem will Dollmeier nicht erkennen. „Wenn es eines gäbe, würde die Integrierte Leitstelle der Berufsfeuerwehr uns das mitteilen.“

Das sehen Mitarbeiter der Notaufnahmen anders. „Seit einer Woche geht das durch die Decke“, sagt einer, der aus Angst um seinen Job anonym bleiben möchte. In der Stadt kursiert eine schwere Influenza-Welle – die Grippe ist hochansteckend, für Ältere und Schwache kann sie tödlich sein. „Trotzdem liegen die Patienten stundenlang auf dem Gang. Jeder, der vorbei läuft, kann sich anstecken.“ Influenza-Patienten müssen eigentlich sofort isoliert werden – doch dafür fehlt Platz.

Auch Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) spricht von „offenbar nicht mehr ausreichenden Kapazitäten“ in den Notaufnahmen. Seine Rettungsdienst-Mitarbeiter berichteten von einer „sehr angespannten“ Situation bei der Aufnahme von Patienten. Diese führe dazu, dass die Sanitäter und Notärzte länger vor Ort in der Klinik warten müssen, bis die Übergabe stattfinden kann. „Im Endeffekt heißt das eine größere Arbeitsbelastung und kürzere Pausen für unsere Leute“, betont Stärk. Die Überlastung zeige sich auch daran, dass Patienten immer öfter in weiter entfernte Kliniken gefahren werden müssten.

Dass das Problem sich verschärft hat, beobachtet auch Alfred Schallerer, der als Notarzt für das Chirurgische Klinikum München Süd Krankenhäuser anfährt. „Es kommt immer öfter vor, dass wir auf der Suche nach einem Bett mehrere Kliniken anfahren müssen oder am Notfallort lange warten müssen, bis wir überhaupt losfahren können.“ So gebe es etwa den Fall, dass er mit einem Intensivpatienten, der beatmet werden muss und instabil ist, 15 Minuten warte, bis ihm ein Klinikum zugeteilt werde. Das liege dann bisweilen aber am anderen Ende der Stadt.

Dass Patienten in Krankenhausfluren liegen, habe es immer gegeben, macht Dollmeier klar. „Das sind aber Menschen, die bereits eine Notfallversorgung bekommen haben, für die es aber kein Bett im Haus gibt.“ Diese Patienten müssten auf den Transport in eine andere Klinik warten. Dass Notaufnahmen überlastet seien, liege auch daran, dass sie zunehmend mit Menschen mit Bagatellerkrankungen voll seien, die glaubten, schneller behandelt zu werden als bei ihrem Hausarzt.

Das sieht auch das LMU-Klinikum in Großhadern und der Innenstadt so. Viele Patienten müssten „eigentlichvon niedergelassenen Ärzten oder den Bereitschaftspraxen versorgt werden“. Eine vorübergehend auftretende Überlastung der Notaufnahmen sei auf Krankheitswellen und witterungsbedingt gehäufte Unfälle zurückzuführen.

Generell, sagt Dollmeier sei die Klinikdichte in München groß, doch auch die Zahl der Patienten sei gestiegen. Das zeigt sich an den Zahlen des Rettungsdienstberichts 2015: In München ist die Zahl der Krankentransporte von 2005 bis 2014 um 26 Prozent gestiegen. Hier gebe es das „Problem mit der zunehmenden Zahl an Patienten, die einen Rettungsdienst in Anspruch nehmen, obwohl sie zu niedergelassenen Ärzten gehen könnten“, erklärt Professor Karl-Georg Kanz, Bereichsleiter Chirurgische Notaufnahme im Klinikum rechts der Isar.

Notarzt Schallerer sieht als Ursache für die Not in den Notaufnahmen auch den Pflegekräftemangel in den Kliniken – und bei den Sparmaßnahmen der Häuser. Ganze Stationen wurden in den vergangenen Jahren geschlossen, hunderte Betten gestrichen. Dazu kommt die alternde Gesellschaft. „Ältere Menschen können durch bessere medizinische Versorgung immer länger am Leben gehalten werden. Die Angehörigen wollen das auch: Kaum ein älterer Mensch stirbt noch zu Hause“, sagt Schallerer.

Nina Bautz, Caroline Wörmann, Carina Zimniok

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