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Andrea Betz, die Leiterin der Flüchtlingshilfe der Inneren Mission, ist stolz auf das, was ihre 650 Ehrenamtlichen geleistet haben. Die wichtigste Aufgabe für 2017 sei nun, die Gemeinschaft stark zu halten und Anfeindungen nicht nachzugeben.

Interview

Leiterin der IM-Flüchtlingshilfe: „Vieles muss jetzt nachgebessert werden“

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München - Die Leiterin der Flüchtlingshilfe der Inneren Mission Andrea Betz blickt zurück auf ein turbulentes Jahr. Im Interview erzählt sie, wo nach nachgebessert werden muss.

Die Innere Mission hat heuer 6500 Flüchtlinge in 20 Münchner Unterkünften aufgenommen. Darunter sind etwa 2000 unbegleitete Kinder und Jugendliche. Im Landkreis München kümmerte sie sich um weitere 800 Menschen. Andrea Betz, Leiterin der Flüchtlingshilfe der Inneren Mission, erklärt, was gut gelaufen ist und wo 2017 nachgearbeitet werden muss.

Frau Betz, ist 2016 im Vergleich zum turbulenten Vorjahr etwas Ruhe im Flüchtlingsbereich eingekehrt?

Andrea Betz: Von den Fakten her auf alle Fälle. Zugangszahlen haben sich reduziert, unsere Stellen sind alle besetzt, wir haben alles gut strukturiert. Gefühlt ist es immer noch sehr dynamisch. Vor allem, weil es täglich Schlagzeilen über Flüchtlinge gibt, die uns beschäftigen. Vieles ist emotional aufgeheizt und es gibt polarisierende Meinungen, mit denen wir professionell umgehen müssen.

Ihr Resümee zu 2016?

Betz: Besonders beeindruckend war das Engagement der Zivilgesellschaft. Es haben sich stadtübergreifend so viele ehrenamtliche Helferkreise gebildet – so etwas habe ich bisher nicht erlebt. Wir haben 650 Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe. Besonders wertvoll war das Signal, das von ihnen gegen Ressentiments und fremdenfeindliche Haltungen ausging und ausgeht. Ein Beispiel: Bei einer Unterkunft flogen schon, als noch gar keine Flüchtlinge da waren, gefährliche Gegenstände über den Zaun. Prompt und sehr klar positionierten sich Ehrenamtliche gemeinsam mit dem Bezirksausschuss und „München ist bunt“ dagegen. Wir senden damit jeden Tag Zeichen der Solidarität. Das ist dankenswerterweise oft gelungen im vergangenen Jahr.

Die Helfer werden trotz vieler negativer Schlagzeilen nicht weniger?

Betz: Nein. Die Menschen machen sich ein Bild vor Ort und lassen sich nicht von Nachrichten abschrecken. Nur die Form des Engagements hat sich geändert. Anfangs haben viele Ehrenamtliche Akuthilfe geleistet, zum Beispiel Pullover und Babynahrung verteilt. Jetzt geht es auch um weitergehende Hilfen wie Patenschaften für Flüchtlinge oder Hilfe bei den Hausaufgaben.

Wie schneidet die Stadtverwaltung ab?

Betz: Der Münchner Stadtrat hat schnell erkannt, wie wichtig ein Gerüst für das Ehrenamt ist. Mit den Ehrenamtskoordinatoren hat er eine wichtige Struktur geschaffen. Im Ehrenamt braucht es Regeln und Absprachen, damit die Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen funktioniert. Ein weiteres Positivbeispiel: Die Stadt finanziert Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche in den Unterkünften. Diese Frühförderung ist enorm wichtig. Derartiges kenne ich von anderen Städten nicht. Da kann man dem Münchner Stadtrat nur danken.

Das klingt alles sehr gut. Wo hakt es noch?

Betz: Vor einem Jahr ging es um schnelle Hilfe. Vieles, was in der Eile entstand, muss jetzt nachgebessert werden. Damals war wichtig, dass jeder ein Dach über den Kopf hatte und medizinisch versorgt war. Jetzt merken die Akteure dass differenzierte Hilfen notwendig sind: Die Frauen brauchen teilweise geschütztere Unterbringungsformen, Menschen mit Handicaps eine adäquate Versorgung. In der Asylsozialberatung, vor allem im Bereich der Erstaufnahme, braucht es dringend eine ausreichende Finanzierung der Dolmetscherkosten. Für viele Themenbereiche sind Übersetzungen in Muttersprache einfach unabdingbar.

Wie weit ist München in Sachen Integration?

Betz: Es gibt jetzt mehr Integrations- und Sprachkurse. Das ist gut. Aber viele Menschen haben keinen Zugang. Zum Beispiel Frauen mit Kindern nehmen meist nicht teil, wenn sie niemanden für die Kinderbetreuung haben. Da sind spezielle Angebote nötig, wie wir sie etwa in „Treffam – Treffpunkt Familie International“ anbieten. Schwierig ist auch das neue Integrationsgesetz. Da geht es größtenteils um Forderungen und Sanktionen. Das fördert nicht die Integration. Wir brauchen mehr Möglichkeiten, dass alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben und es mitgestalten können. Gesellschaft sind wir alle.

Wie klappt das?

Betz: Wir hatten zum Beispiel eine Aktion: Kindergartenkinder haben zusammen mit Kindern aus einer Flüchtlingsunterkunft Plätzchen gebacken, und dann kam noch der Nikolaus. Wir hatten erst Sorge, ob das klappt, weil sie diese Bräuche ja gar nicht kennen. Aber die Kinder waren total begeistert und wissen jetzt eben, dass in Deutschland vor Weihnachten Plätzchen gebacken werden und der Nikolaus kommt – weil sie es selbst erlebt haben. Zu oft wird da noch separiert.

Wie ist die Stimmung bei den Flüchtlingen?

Betz: In der Erstaufnahme haben die Menschen viele Ängste. Sie wissen nicht, wie es weitergeht mit ihnen, haben zudem große Angst, rückgeführt zu werden. In den Gemeinschaftsunterkünften gibt es Strukturen, die es den Menschen erlauben, sich selbst zu versorgen: Sie können selbst kochen, ihre Wäsche waschen. Das ist ihnen sehr wichtig. Doch alle plagen Zukunftssorgen. Vor allem die Familien mit Kindern.

Was sind die größten Herausforderungen für kommendes Jahr?

Betz: München ist Modellkommune. Das bedeutet, es gibt einen Personalschlüssel von 1:100 in der Asylsozialberatung und die Träger müssen nicht – wie sonst üblich – einen eigenen finanziellen Beitrag leisten, was in dieser Größenordnung auch nicht möglich wäre. Den Trägern muss das weiterhin und auch außerhalb der Modellkommune ermöglicht werden. Die Asylsozialberatung hat eine ganz besonders wichtige Funktion in den Unterkünften und im Gemeinwesen. Besonders wichtig wird aber 2017, unsere Gemeinschaft, die Ehrenamtlichen und die Mitarbeitenden stark zu halten. Um fremdenfeindlicher Stimmung klar entgegenzutreten.

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