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Mit solchen Anzeigen suchen Fahrgäste des MVV nach ihren Flirts. Ob schon einmal jemand Erfolg hatte, ist unbekannt. 

Anbandeln in den Öffentlichen

Internet-Portal für Flirts: Der MVV spielt Amor

München - Täglich begegnen sich die Münchner in U- und S-Bahnen, in Bussen und Trambahnen. Und manchmal funkt es nicht nur in der Oberleitung. Ein Portal des MVV hilft Flirtwilligen, sich nach einer romantischen Fahrt wiederzufinden.

Täglich begegnen sich die Münchner in U- und S-Bahnen, in Bussen und Trambahnen. Und manchmal funkt es nicht nur in der Oberleitung. Ein Portal des MVV hilft Flirtwilligen, sich nach einer romantischen Fahrt wiederzufinden.

VOn Judith Issig

Eine überfüllte S-Bahn im Feierabendverkehr. Eine dicht gedrängte, anonyme Masse in Wintermänteln, die Gesichter bläulich erhellt vom Display der Smartphones. Nasse Hunde unter den Sitzen, ein Drängeln und Quetschen an den Türen. Das ist wirklich nicht der Ort für romantische Begegnungen, wo die Traumprinzen und Frauen fürs Leben warten?

Wenn es mal wieder länger dauert in der Bahn, kann man immerhin anbandeln

Mit solchen Anzeigen suchen Fahrgäste des MVV nach ihren Flirts. Ob schon einmal jemand Erfolg hatte, ist unbekannt.

Falsch gedacht. Wenn es mal wieder stockt auf der Stammstrecke, vertreiben sich viele Münchner die Zeit, indem sie mit ihren Leidensgenossen anbandeln. Wo es eng ist, da entsteht zwangsweise Kontakt, und das geht auch anders als mit einem wütenden „Erst aussteigen lassen!“ Ein schüchternes Lächeln über die anderen Fahrgäste hinweg, ein intensiver Blick und – für die ganz Mutigen – vielleicht sogar ein, zwei Sätze, die man mit dem Gegenüber wechselt. Inmitten der gestressten Smartphonezombies schwebt dann ein Hauch von Amore durch die U-Bahn.

Aber an der nächsten Haltestelle beendet der Schaffner den kleinen Flirt abrupt. „Zurückbleiben bitte!“ Die Türen schließen sich – und einer steht draußen auf dem Bahnsteig, der andere sitzt drinnen und fährt davon. Mit viel Glück winkt der Unbekannte nochmal, bevor die Bahn im Tunnel verschwindet. Und dann kommt der Augenblick, in dem beide bemerken, dass sie nicht einmal den Namen des Anderen kennen. Wie kann sich dieses potenzielle Traumpaar so je wiederfinden?

Der MVV bietet schüchternen Münchnern eine zweite Chance. Denn schließlich darf es nicht bei diesem letzten Winken bleiben, damit die Märchenhochzeit stattfinden kann. Seit über zehn Jahren schon gibt es die Seite „MVV Flirtwillige“ auf der Homepage des MVV. Wer seinen U-Bahn-Flirt wiederfinden will, kann hier eine klassische Er sucht-/ Sie sucht-Anzeige aufgeben – die Rettung für all die Flirt-Anfänger, die sich wieder mal nicht getraut haben. „Man hat nicht den Mut, die Person anzusprechen. Schlicht und einfach hat man plötzlich Angst einen Korb zu kassieren“, gesteht Helen, die hofft, jetzt über das Flirtportal den aufregenden Unbekannten wiederzufinden.

Viel Romantik und Poesie

Mit solchen Anzeigen suchen Fahrgäste des MVV nach ihren Flirts. Ob schon einmal jemand Erfolg hatte, ist unbekannt.

Wer sich durch die Gesuche klickt, bekommt den Eindruck, jeden Tag verpassen Münchner ihre Chance auf die große Liebe. „Leider musste ich am Kolumbusplatz aussteigen. Da haben wir uns nochmals richtig in die Augen geschaut und uns angelächelt. Ich würde dich gern kennenlernen.“ Neben typischer Kontaktbörsenprosa spielen die Fahrgäste hier ihr poetisches Talent aus. Ein Herr Anfang 40, der sich selbst als „sehr tätowiert, viele Piercings, extrem muskulös“ beschreibt, hatte eine schöne Begegnung in der U6 am Sendlinger Tor. „Hach, ich habe dich sehr lange ganz verträumt angesehen. Ich weiß nicht, ob du mich gesehen hast, aber wenn, bitte melde dich, Süßer. In Liebe . . .“

Auch die Damen lassen sich in Sachen Poesie nicht lumpen: „Wir unterhielten uns kurz mit Worten… Unsere Augen sprachen dabei in einer wunderschönen Art und Weise miteinander... Leider musste ich am Odeonsplatz aussteigen.... Sehen sich unsere Augen wieder?“ Love is in the air zwischen Olympiaeinkaufszentrum und Wettersteinplatz. Selbst die Busfahrerin mit der verspiegelten Sonnenbrille und der Fahrgastbefrager aus dem 231er-Bus werden sehnsüchtig gesucht.

Doch so mancher kommt auch auf wildere Gedanken auf dem Weg zur Arbeit: „Ich hatte einen roten Minirock an und du hast mir sehr intensiv zwischen die Beine geschaut. Würde dich gerne treffen.“

Der MVV hält sich raus, löscht aber zu derbes

Die Homepage-Administratoren des MVV haben die Seite zwar im Blick und löschen im Zweifelsfall auch zu derbe Annoncen, jedoch hält sich der MVV weitestgehend heraus aus den Anbandelungsversuchen seiner Passagiere. „Die Seite ist ein Selbstläufer“, erklärt Beate Brennauer, Sprecherin des MVV. Ein bis drei Gesuche werden täglich eingestellt. „Aber leider wissen wir nicht, ob da tatsächlich was läuft.“ Von keiner einzigen Romanze, die Wirklichkeit geworden ist, hat Brennauer gehört. „Das Portal ist einfach zu unbekannt“, das vermuten viele, die ein Gesuch aufgegeben, aber keine Antwort bekommen haben. Oder aber der kleine Zauber war wohl doch nur Einbildung. „Die Person hat die Situation wohl anders wahrgenommen“, fürchtet „happyamor“. Selbst bei diesem Pseudonym hat es leider nicht geklappt mit der großen Liebe im öffentlichen Nahverkehr.

Aber wer schaut schon auf einer Seite des MVV nach, irgendwo in den Tiefen des Internets. Seit Mitte Dezember gibt es das Portal deswegen auch auf Facebook – 159 Likes hatte „MVV Flirt“ gestern. Quasi nichts verglichen mit den Seiten „Spotted: Stabi“ oder „Spotted: MVV“, Facebook-Seiten, die vor einigen Jahren viel Erfolg mit dem Prinzip als Plattform für die zweite Chance hatten. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter diesen 159 Likes die Person ist, die der Deckel zum eigenen Topf wäre – sehr gering. Und entsprechend erfolglos bleibt wohl meistens auch die Suche.

In Berlin geht man offensiver vor

Die Berliner gehen da offensiver vor. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bieten das Portal „Meine Augenblicke“ an. Celine und Jennifer – in Berlin erfahren die Passagiere oft wenigstens die Namen ihrer Traumfrauen, wenn sie hier eine Anzeige einstellen. Und tatsächlich: Ein Pärchen, das sich über die Seite gefunden hat, hat sich schon bei der BVG bedankt.

Also, liebe Münchner, ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Etwas mehr Mut, etwas mehr Gelassenheit und dann wird sich die große Liebe schon finden – vielleicht auch in der U-Bahn, wenn der MVV ein bisschen Amor spielt.

Judith Issig

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