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Interview mit OB Ude, Teil 1: Verliert die Altstadt ihr Gesicht?

München - Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht diskutieren - aber wir tun es trotzdem. Und zwar mit Oberbürgermeister Christian Ude. Unser heißes Thema: neue Architektur in der Altstadt. Dies ist der erste Teil unseres zweiteiligen Interviews mit OB Ude über Münchens Architektur.

Stellen Sie sich vor, Sie spazieren durch die Altstadt. Welche Bausünde stört Sie am Meisten?

Ich brauche ja nur aus meinem Fenster zu schauen, dann sehe ich etwas, das mir im Herzen wehtut! Ich habe nicht verstanden, warum dem Kaufhof am Marienplatz so eine solche Betonausstrahlung verpasst wurde. Der Bau hatte vorher eine historisierende Fassade, die die Bombennächte des zweiten Weltkriegs überstanden hatte. Erst wegen des Wirtschaftswunders wurde sie abgerissen. Ich weiß, dass es Architekten gibt, die den Kaufhof wegen seiner modernen Haltung abendfüllend loben können. Aber mir gefällt er nicht.

Auch mancher Bau, der heute geplant wird, stößt Ihnen ja sauer auf. Erst kürzlich rügten sie die Pläne für ein neues Geschäftshaus an der Kaufingerstraße als beliebig und austauschbar. Haben Sie Sorge, dass die Altstadt ihr Gesicht verliert?

Natürlich. Wobei ich nicht zu den Verächtern der Moderne gehöre, die die Verwendung von Stahl und Glas an sich schon für ein Verbrechen halten und die meinen, man müsse im 21. Jahrhundert - wie auf einem Kostümfest - das 19. Jahrhundert nachspielen. Aber es gibt Straßenzüge, in denen man auf die vorhandene architektonische Qualität Rücksicht nehmen muss und nicht einfach einen beliebigen Kasten von der Stange in eine Baulücke quetschen darf. Mich ärgert, wenn die Architektur nichts als Meterware ist.

Greifen Bauherren bei immer öfter zu Meterware?

Eine gewisse Ratlosigkeit in Gestaltungsfragen ist aktuell unverkennbar. Natürlich ist das neue Bauen in alter Umgebung immer schwieriger als das Bauen auf der Grünen Wiese. In der Altstadt muss man Rücksicht nehmen auf den Baustil der Umgebung.

Alt- und Neubauten prallen auch in der Sendlinger Straße aufeinander. Wie finden Sie die Pläne rund um den früheren Sitz des Süddeutschen Verlags?

Das ehemalige SZ-Gebäude liebe ich ganz besonders (siehe Bild oben, d. Red.). Das ist eine unverwechselbare Fassade. Und ich wende mich gerne dem Sportscheck-Bau rechts daneben zu, den halte ich für ein gelungenes Beispiel für modernes Bauen in alter Umgebung. Es ist ein ehrlicher Neubau, der sich dazu bekennt, ein Neubau zu sein. Ein dezentes Gebäude, dem Transparenz wichtig ist. Jetzt schauen wir uns die linke Seite an: Diese Komplimente kann ich dem geplanten Nachfolgebau des AZ-Gebäudes leider nicht machen. Er wirkt lautstark und hat keine Qualität, die mit der Lautstärke nur annähernd mithalten könnte. Die Fassade erinnert an Strickmuster der 50er-Jahre. Ich bin mit damit ausgesprochen unglücklich.

Wie sieht denn eine angemessene Architektur für Münchens Altstadt aus?

Ich will keine münchentümelnde Architektur fordern - davon bin ich weit entfernt. Denn eine typisch münchnerische Architektur gibt es gar nicht. Die Architektur Münchens lebt - mehr als in sonst einer Großstadt - von der Aneignung anderer Stile: ob es französische Schlossarchitektur ist oder die Vorbilder toskanischer Villen fürs Lenbachhaus oder griechischer Bauten für den Königsplatz. Daher würde ich nie sagen, es gibt bestimmte Merkmale, die in Münchner Bauten heute vorkommen müssen. Aber wichtige Orte haben einen hohen Qualitätsanspruch - und dort dürfen keine Allerweltsfassaden gebaut werden.

Wie können Sie als OB dagegen vorgehen?

Es gibt ja viele Leute, die meinen, der Oberbürgermeister entscheide, was gebaut wird und wie es aussehen darf. Das ist nicht der Fall. Ich habe in der Stadtgestaltungskommission, die ja auch nur Empfehlungen geben darf, nur eine Stimme - die ich allerdings manchmal in die Waagschale werfe. Doch meist werden wichtige gestalterische Aufgaben durch Wettbewerbe entschieden, da bin ich häufig nicht einmal im Preisgericht. Also diese monarchistische Vorstellung, es gebe einen Stadtvater, der für die Fassaden verantwortlich ist und bei dem man allen Schmerz über moderne Architektur abladen kann, ist unzutreffend. Ich finde, man sollte viel öfter an die Verantwortung der Bauherren und Architekten erinnern.

Sind nicht auch oft Geldknappheit und hohe Grundstückspreise dafür verantwortlich, dass sich Investoren nur fade Architektur leisten können?

Dieses Argument stimmt häufig, aber in der Fußgängerzone lasse ich es absolut nicht gelten. Wer dort Grund erwirbt, hat so viel auf der hohen Kante, dass er sich eine ordentliche Fassade leisten kann. Wer dort baut, soll sich nicht auf seine Armut rausreden.

Wie sehen die Bürger, die Ihnen schreiben, die Entwicklung der Altstadt?

Ich bekomme meist Briefe älterer, sehr sachkundiger Münchner, die aber manchmal nicht nur Kritik an bestimmten Bauten üben, sondern pauschal die Moderne ablehnen. Sie träumen davon, dass das München, das sie in ihrer Kindheit lieben gelernt haben, in der Architektur immer wieder fortentwickelt wird.

Ist das Interesse der Öffentlichkeit an Architektur größer geworden?

Ja. Wir können es uns heute leisten, auf ästhetische Fragen Wert zu legen. Wir haben gelernt, uns öffentlich einzuschalten und Entwürfe zu kommentieren und nicht nur zu sagen, Gott sei Dank gibt es überhaupt jemanden, der in unserer Stadt investiert. Es ist ein Wohlstandsphänomen, dass man mit Geschmacksfragen so kritisch umgeht.

War das in ihrer Kindheit noch anders?

Ästhetik interessierte in den 50er- und 60er-Jahren nicht. Es interessierte, ob die Wohnungsnot bekämpft wird und ob Firmen Arbeitsplätze schaffen. Einen Fall habe ich als Schüler mit blutendem Herzen miterlebt: Ein Mitschüler war in einem wunderbaren Gründerzeithaus vis-à-vis der Markuskirche aufgewachsen, das seiner Familie gehörte. Es wurde abgerissen um Platz zu machen für den Altstadtring. Das war eine Barbarei! Und die Familie konnte damals kaum jemanden dafür interessieren.

Die Fußgängerzone ist ja auch ein extremes Gemisch aus Altbauten und Nachkriegsprothesen. Aber macht das nicht auch ein Stück weit ihren Reiz aus?

Das Gesicht der Fußgängerzone ist ein ehrliches, in dem Historisches ebenso vorkommt wie Nachkriegszeit, Wirtschaftswunderzeit und Moderne. Ich merke, dass die Menschen sich insgesamt durchaus wohl fühlen mit dieser Mischung. Mein Lieblingssatz: München ist niemals fertig. Es wird sich auch in Zukunft immer wieder ändern. Niemand hat einen Rechtsanspruch auf die Stadt seiner Kindheit, die er auch noch seinen Enkeln aufzwingen will. Die Stadt ist ein lebendiger Organismus.

Interview: Johannes Patzig, Matthias Kristlbauer, Johannes Löhr

Christian Ude über ...

...den neuen Karstadt am Dom: „Das Kaufhaus unterscheidet sich keinesfalls negativ vom Vorgänger, hat sogar Qualitäten, die der Vorgängerbau nicht hatte. Ich würde nicht sagen, dass das ein Durchbruch der Qualität ist, der den Ort groß aufwertet. Ich denke aber, es ist eine angemessene Lösung angesichts der Funktion und des sehr großen Bauvolumens.“

...die neue Münchner Bank (Augustinerstraße): „Hier finde ich es richtig, dass man zu Füßen der Frauentürme nicht eine Glasfassade gestaltet, die den Himmel widerspiegelt und dann die Frauentürme, die ja für Erdverbundenheit stehen, oben herausragen. Eine Glasfassade würde alles zum Fremdkörper machen: den Hirmer rechts, den Anschlussbau links und die Frauentürme oben.“

...den „Apple Store“ (Rosenstraße): „Wenn ich nicht gelegentlich dran vorbeigehen würde, würde ich mich fragen: Ist das in Castrop-Rauxel oder sonst wo in der Welt? Ich erkenne keinen gestalterischen Anspruch, der der Nähe zum Marienplatz gerecht würde. Ich sehe nur den Wunsch, einladend auf Publikumsmassen zuzugehen, egal wie das auf die Abfolge der Fassaden wirkt.“

...den "Schuster" (Rosenstraße): "Es war ja früher eine Merkwürdigkeit, dass einem hier mitten in der Altstadt eine halbe Brandmauer begegnete. Der Wunsch, beim Neubau einen Anschluss an die Fassade nebenan zu erreichen, ist verständlich. Dadurch entstand eine Kurve, die nicht sehr altstadtspezifisch ist. Doch ich denke, es ist eine angemessene Antwort auf eine unlösbare Aufgabe."

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