Kuhglocken-Streit in Holzkirchen: Gericht weist Klage ab - geht der Krieg trotzdem weiter?

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Worte und ihre Mehrdeutigkeit: Eine US-Drohne, ein männliches Piktogramm, Adolf Hitler und eine Villa mit Pool (v. li.) verdeutlichen das Prinzip des Kunstwerks am NS-Dokuzentrum. fkn

Irritierende Bilderflut

München - Ein beeindruckendes Kunstwerk werden die Brüder Heisenberg neben dem NS-Dokuzentrum installieren: Es könne allerdings, so Stadtrat Marian Offman (CSU), „verletzend“ wirken.

Irritieren sollen sie sehr wohl, die Kollagen, die Benjamin und Emanuel Heisenberg für den Außenbereich des NS-Dokuzentrums planen. Die Brüder werden Schlüsseldokumente der NS-Zeit Wort für Wort über 15 Monitore schicken und jeweils mit Bildern versehen. Gestern zeigte Benjamin Heisenberg den Münchner Stadträten schon einmal, wie das aussehen könnte. Was er als Präsentation an die Wand warf, beeindruckte: Schnell getaktet folgten Wort-Bild-Kombinationen aufeinander, eine gewaltige Flut.

Der Clou dabei ist laut Heisenberg, dass die Bilder einen Zusammenhang zwischen der Lebenserfahrung des heutigen Betrachters und den Erfahrungen der Menschen im ,Dritten Reich‘ herstellen. Sie müssen deswegen nicht offensichtlich etwas mit dem Sinn des gezeigten Textes zu tun haben, sondern nur damit, was man mit dem jeweiligen Wort heute in Verbindung bringen kann.

Dabei sind die Sätze an Brutalität bisweilen nicht zu überbieten: Als mögliches Beispiel zeigte Heisenberg einen Auszug aus dem „Jäger-Bericht“. Karl Jäger war ein SS-Standartenführer, der 1941 in Litauen innerhalb weniger Monate 137 346 Menschen erschießen ließ. Sein abscheulich stolzer Bericht ist erhalten und beginnt mit den Worten: „Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, erreicht worden ist.“ In der heisenbergschen Kollage war das Wort „feststellen“ mit drei Spax-Schrauben, das „Ziel“ mit einem jubelnden Tour-de-France-Sieger, das Wort „das“ mit einem Tier-Piktogramm und das Wort „Judenproblem“ mit dem historischen Foto eines Kindes in KZ-Kleidung bebildert. In der schnellen Sequenz - etwa eine Sekunde pro Bild - entstand so ein beunruhigendes, doch faszinierendes Ganzes.

Der Ausdruck „kreative Verstörung“, den Grünen-Stadtrat Siegfried Benker dafür fand, trifft den Effekt. Benker bezeichnete das Kunstwerk als „hervorragend“ und fand damit die Zustimmung beinahe des gesamten Gremiums.

CSU-Stadtrat Marian Offman allerdings äußerte Bedenken. Als Beispiel nannte er das im Jäger-Bericht vorkommende Wort „Rollkommando“. Das hatten Heisenbergs mit einer Gruppe Tour-de-France-Rennradler bebildert. Offman zufolge wäre diese Bild-Text-Kombination verharmlosend. „Alleine die Vorstellung, dass da ein falsches Bild durch die Medien geistert: Für Betroffene der Nazi-Gräuel und ihre Nachkommen kann das verletzend wirken.“ Offman regte darum an, die Bild-Kombinationen vom Stadtarchiv „prüfen“ zu lassen, bevor die Installation auf Sendung geht.

Damit stand er alleine da. SPD-Rätin Monika Renner bezeichnete es sogar als „ungehörig, dass man in künstlerische Inhalte eingreifen möchte“. Das wiederum verbat sich Offman - er sei als Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde den Nachkommen der Opfer verpflichtet. Renners Fraktionskollege Reinhard Bauer betonte, man müsse auf die Sensibilität der Künstler vertrauen. Und Benker meinte, es sei gerade gut, dass die Nazi-Verbrechen in Kontrast mit vertrauten Bildern gestellt würden. Heisenberg erklärte: „Uns war bewusst, dass es an ganz unterschiedlichen Stellen Irritationen geben kann.“ Also werde man für jedes Wort mehrere Bilder verwenden. „Wie zum Beispiel bebildert man das Wort ,Jude‘? Zeige ich einen KZ-Insassen? Woody Allen? Einen orthodoxen Rabbi?“ Es sei die Stärke des Projekts, das Thema über die verschiedenen Assoziationsebenen ins Heute zu transportieren.

Letztlich wurde das 292 000-Euro-Projekt einstimmig beschlossen. Für das Jahr 2013 genehmigte der Ausschuss zudem gut 2,6 Millionen Euro an „Personal- und Sachmitteln“ für das NS-Dokuzentrum. 20,5 Vollzeitangestellte kümmern sich derzeit unter anderem um die Foto- und Medienauswahl für die Dauerausstellung. Nach jetzigem Stand soll das Dokuzentrum im Herbst 2014 eröffnen.

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