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Der erste Stock des Jagd- und Fischereimuseums: Hier hingen Görings Geweihe jahrelang unerkannt, direkt über dem Gemälde von max Emanuel (Mitte). 

Geweihe von Göring

Das Jagdmuseum und die NS-Vergangenheit

München - Nazi-Größe Hermann Göring jagte einst Hirsche. Lange hingen ihre riesigen Geweihe im Jagdmuseum mitten in der Stadt. Nun waren sie Thema im Landtagsausschuss. Der Vorwurf: die fehlende Aufarbeitung der NS-Geschichte des Museums.

Die Vorsitzenden des Jagd- und Fischereimuseums, CSU-Stadtrat Manuel Pretzl und Jürgen Vocke, sind sich zwar in ihrer Sache einig, aber persönlich sehr gegensätzlich.

Vocke, ein Mann mit thüringischen Wurzeln, wird schnell emotional. Pretzl hingegen ist ein nüchterner Analytiker. Als am Mittwochmorgen im Landtagsausschuss einige Politiker um Sepp Dürr (Grüne) den beiden vorwerfen, die nationalsozialistische Geschichte ihres Museums mehr oder minder leugnen zu wollen, sieht sich Vocke gezwungen, das zu berichtigen. Innerlich bebt er, bleibt aber beherrscht: „Im Gegensatz zu anderen Museen haben wir eine sehr kleine NS-Geschichte. Unser Museum wurde zwar 1938 gegründet, aber schon 1940 wieder geschlossen.“ Zudem möchte Vocke jeden Zweifel an seiner politischen Gesinnung ausschließen. „Meine Vorfahren haben wegen den Nazis alles verloren. Warum sollte ich irgendetwas leugnen?“, sagt er.

Warum Vocke und Pretzl am Mittwochmorgen im Landtagsausschuss zur Rede gestellt wurden, hat eine lange Vorgeschichte. Ende der 1940er-Jahre schoss Göring extra für ihn gezüchtete Hirsche in seinem Lieblingsjagdrevier Rominten. Die Tiere hatten Namen wie Odin, Matador, Augustus oder Leutnant. „Die Hirsche waren eigentlich zu jung, aber Göring hatte wohl Angst, dass sie bei Revierkämpfen sterben könnten. Deshalb jagte er sie“, sagt Pretzl.

2005 wurden die Medien aufmerksam

Die Geweihe der getöteten Tiere tauchten irgendwann wieder auf und landeten im 1966 wiedereröffneten Jagdmuseum. Dort hingen sie eine Weile, bis in den 70ern vereinzelt Kritik aufkam. Im Jahr 2005 folgte der mediale Aufschlag vom Bayerischen Rundfunk. Journalisten des Programms „Zeitspiegel“ kritisierten die unkommentierte Zurschaustellung von Hirschgeweihen mit eindeutiger Nazi-Geschichte. Weitere acht Jahre vergingen, bis die Süddeutsche Zeitung auf die Geweihe erneut aufmerksam wurde. Im 2013 erschienenen Artikel „Odins Hautgout“ stellte der Autor einen Zusammenhang zwischen Göring, den Geweihen und der Nazi-Vergangenheit her. Die Verantwortlichen des Museums reagierten – und hingen Ende 2013 die betreffenden Exponate ab. Doch der Landtag war nun auf Görings Geweihe aufmerksam geworden. Einige Abgeordnete forderten eine Ausschusssitzung, die im Juli 2014 beschlossen wurde und nun am Mittwochmorgen – nach einigen Verschiebungen – stattfand.

Pretzl: Für eine umfassende Aufarbeitung fehlt das Geld

Mittlerweile ist viel passiert. Nicht nur, dass Odin, Matador, Augustus und Leutnant seither nicht mehr an der Museumswand hängen. Pretzl und Vocke wurden aktiv. Druckfrisch erschien das Buch „Die Geschichte des deutschen Jagd- und Fischereimuseums“. Darin weist die Autorin Cornelia Oelwein ausdrücklich auf die NS-Vergangenheit des Museums hin. Detailreich nennt sie die Gründer Christian Weber und Theodor Mantel sowie deren Verstrickungen in das NS-Regime. Dem Museum fehle es laut Pretzl notorisch an Geld. „Wissen Sie, je heißer das Wetter, desto geringer sind unsere Einnahmen durch Eintrittsgebühren. Und wenn es im Sommer ein paar Tage richtig warm wird, dann veranlasse ich manchmal, dass meine eigene Bezahlung verspätet überwiesen wird“, sagt Pretzl. Für eine adäquate, umfangreiche Aufarbeitung der NS-Historie fehle daher schlicht das Geld.

Die Geweihe bleiben unter Verschluss

Odin, Matador, Augustus und Leutnant bleiben vorerst unter Verschluss. Pretzl und Vocke stimmen grundsätzlich der Haltung der Mitglieder im Landtags-Ausschuss zu: Unkommentiert könne und wolle man die NS-Geweihe nicht mehr aufhängen. „Sobald wir die Mittel haben und kommentierende Schilder erstellen können, werden wir die Geweihe vielleicht wieder aufhängen und ausdrücklich auf deren NS-Herkunft hinweisen“, sagt Pretzl. Bis dahin bleiben zwei der vier Platzhalter im Museum leer. Denn schon lange kommen keine Geweihe mehr hinzu.

Die meisten Jagd-Exponate stammen übrigens von Graf Arco-Zinneberg (1811-1885), einem Mann, der für die Trophäen in ganz Europa herumreiste. Mit dessen Sammlung wurde das Jagdmuseum einst eingerichtet.

Hüseyin Ince

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