Vor 60 Jahren: Das erste „Rama Dama“

München - „Rama dama – Räumen tun wir!“, rief vor 60 Jahren der damalige Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer. Ihm folgten mehr als 7500 freiwillige Helfer. Sie schaufelten die Stadt von ihren Kriegstrümmern frei. Das erste „Rama dama“ sorgte für neuen Schwung in der Bevölkerung, berichten Zeitzeugen heute.

Es war ein Bild, das die Geschichte Münchens prägte: Mit Spitzhacke und Schaufel auf ihren Schultern zogen tausende Müncher vor genau 60 Jahren los, um die Stadt vom Schutt zu befreien. Vier Jahre nach Kriegsende zeugten die zahlreichen Trümmerberge noch immer von den verheerenden Bombenangriffen. „Rama dama!“, rief der damalige Oberbürgermeister Thomas Wimmer die Münchner zu dieser Gemeinschaftsaktion auf – auf Hochdeutsch: „Räumen tun wir!“ Damit prägte Wimmer einen Begriff, „der auch heute noch gemeinschaftliche Aufräumaktionen im öffentlichen Raum bezeichnet“, erklärt Manfred Heimers vom Stadtarchiv München.

„Es war ein sonniger Tag“, erinnert sich heute Alfred Preißer, einer der vielen freiwilligen Helfer, an den 29. Oktober 1949. Der damals 23-Jährige arbeitete zu der Zeit als Journalist in der Lokalredaktion des Münchner Merkur. Früh am Morgen, noch vor acht Uhr, traf er sich mit seinen Kollegen aus der Redaktion am Marienplatz. „Da stand nichts mehr außer dem alten Rathaus“, erzählt Preißer. Überall nur Steine, Schutt und Trümmer. Voller Elan packten alle gemeinsam zu und schaufelten den ganzen Tag. „Die Stimmung war gut“, sagt der Journalist. Man habe zwar nicht viel miteinander geredet, weil alle sich auf das Schaufeln konzentrierten, aber alle seien fröhlich dabei gewesen. „Ich habe noch immer das Geräusch der vielen Schaufeln im Ohr“, beschreibt Preißer. „Das Geräusch, wenn die Schaufeln über den Boden schleifen.“

Mehr als 7500 freiwillige Helfer folgten an diesem Samstag Ende Oktober 1949 dem „Rama-dama“-Ruf vom Wimmer Dammerl. „Es ging zu wie auf den Goldfeldern von Klondyke“, schreibt der Münchner Merkur am Montag nach der Räum-Aktion. Alle waren dabei – Politiker, Schüler, Studenten, Arbeitslose. Auch der damalige Oberbürgermeister Thomas Wimmer mischte sich mit einer Schaufel unter die Menschen. In seinem blauen „Steierjöpperl“ erkannten ihn die Wenigsten, schreibt der Münchner Merkur und die Redaktion kürte ihn deshalb mit dem „Preis für die beste Maske“. In der Rosenstraße packte Wimmer kräftig mit an und sorgte mit Gesang für gute Stimmung.

Die Idee zu der Schutträum-Aktion kam übrigens von unserer Zeitung. Der Leiter der US-Zivilverwaltung für München, George Godfrey, hatte sich in einem Gespräch mit dem Redakteur Walter Schöll darüber beschwert, warum noch niemand den Trümmern in der Stadt zu Leibe gerückt sei. „Ich schilderte ihm meine Gedanken und meinte, dass die Münchner Bürger eigentlich nur darauf warteten, den Schutt wegzuräumen und ihre Stadt zu säubern, wenn sie nur die technischen Mittel dazu bekämen“, schreibt Walter Schöll am 28. Oktober in der Zeitung.

Die technischen Mittel wurden bereit gestellt: 22 Bagger, 180 Kippwagen, über 300 Handladewagen und 50 Lastwagen waren an dem Tag im Einsatz. Bis zum Abend schufteten Alfred Preißer und seine Kollegen auf dem Marienplatz. Die körperliche Arbeit fiel ihnen nicht schwer. „Damals war man das gewohnt“, erzählt Preißer. „Wir mussten immer irgendwo anpacken. Wir waren immer in Bewegung.“ Mehr als 15 000 Kubikmeter Schutt trugen die Münchner zusammen. Nur ein kleiner Teil dessen, was noch auf den Münchner Straßen lag – insgesamt 7,5 Millionen Trümmer. Doch für Alfred Preißer hatte die gemeinsame Räum-Aktion einen symbolischen Charakter: „Es ging ein Ruck durch die Bevölkerung“, sagt er. Bei den Menschen sei das Gefühl entstanden, es müsse irgendwie weiter gehen. „Plötzlich wollten alle die Stadt wieder aufbauen.“

Auch Heidi Fruhstorfer, deren späterer Ehemann Georg die „Rama Dama“-Aktion mit dem Fotoapparat festhielt, erinnert sich an das Gefühl, beim Aufbau mithelfen zu wollen. „Jeder hat mitgemacht“, sagt die Fotografin heute. Als damals erst Siebenjährige stapelte Fruhstorfer mit ihren Klassenkameraden in der Schule die Ziegelsteine auf oder trug Kübel mit Schutt. Wenn die Fotografin sich heute an die Zeit der Nachkriegsjahre erinnert, ist sie stolz auf das Engagement der Münchner: „Keine andere Stadt war so schnell aufgeräumt wie München.“

Kerstin Lottritz

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