Musikpreis für Dusko Goykovich

Die Jazz-Karriere begann auf einer Speisenkarte

  • schließen

München - Musik, so sagt Jazz-Trompeter Dusko Goykovich, sei das Wichtigste in seinem Leben. Dass er heute Abend den Musikpreis der Landeshauptstadt erhält, ist für ihn so etwas wie die Krönung seiner Karriere. Ein Treffen mit dem Mann, der den Münchner Jazz geprägt hat wie kaum ein anderer.

Dusko Goykovich empfängt die Gäste im Café Gast am Gasteig – im Außenbereich, „weil ich mein Glas Wein und meine Zigarette mag“, wie er entschuldigend sagt. Die Lippen sind noch leicht gerötet. Goykovich hat gerade in einem der Probenräume geübt. „Trompete muss man jeden Tag üben“, sagt der 83-Jährige nachdrücklich. Und trotzdem dauere es Jahre, „den eigenen Sound zu finden“ – jenen individuellen Trompetenklang, an dem man die großen Jazz-Trompeter wie Dizzy Gillespie, Louis Armstrong oder eben Dusko Goykovich sofort erkennt.

Der Weg dahin, erzählt Goykovich und zieht an seiner Zigarette, war lang. 1931 im bosnischen Jajce geboren, studierte er klassische Musik in Belgrad. Als er, gerade 25 Jahre alt, dem Ruf des Jazz folgte und aus dem sozialistischen Jugoslawien in den Westen kam, „da hatte ich nur meine Trompete dabei und das, was ich am Leib trug“, erinnert er sich. „Und fünf Dollar von einem Freund, die ich in der Trompete versteckt hatte.“

Er knüpfte erste Kontakte zur internationalen Jazzszene, spielte in Max Gregers Bigband und bei Kurt Edelhagen, trat mit dem European Youth Orchestra, in dem auch der junge Albert Mangelsdorff mitspielte, beim Newport Jazz Festival auf. Goykovich lebte seinen Traum – und eine Speisenkarte half ihm dabei.

„Ich wollte ans Berklee College of Music in Boston, um dort Komposition und Arrangement zu studieren“, erzählt Goykovich. Doch die Studiengebühr war unerschwinglich, und Stipendien gab es nur auf Empfehlung. In Frankfurt erzählte er das beim Frühstück seinem Freund und Vorbild Art Farmer, in dessen Band er am Abend zuvor gespielt hatte. „Da hat Art die Speisenkarte genommen und auf die Rückseite eine Empfehlung für mich geschrieben“, erzählt Goykovich und strahlt wie ein Lausbub vor dem Christbaum. Stan Getz und Oscar Pettiford, die daneben saßen, unterschrieben gleich mit. Goykovich durfte studieren.

1968 kam Goykovich nach München. „Hier war damals das Zentrum des europäischen Jazz, und das ist es heute noch“, sagt er. Meine Wahlheimat“ nennt der Mann, der längst einen deutschen Pass hat, die Stadt. Zwar gibt es das alte Schwabinger „Domicil“ nicht mehr, in dem er fast jede Nacht spielte. Doch es gibt den Jazzclub Unterfahrt, und es gibt die Jazzabteilung der Musikhochschule und die Übungsmöglichkeiten im Gasteig, die Goykovich für wegweisend hält.

Von Auftritten in aller Welt – allein elf Mal war er in Japan, wo er sogar einen eigenen Fanclub hat – kehrt Goykovich immer wieder gern an die Isar zurück. Inzwischen ist er 83, joggt täglich, um sich fit zu halten, und spielt, weil er die langen Flüge scheut, „lieber in Ingolstadt als in Japan“. Aber ans Aufhören denkt er keine Sekunde. „Keep swinging“, ist seine Devise die viel über seine Musik verrät: Goykovich ist im Swing verwurzelt, mit dem Herzen im Bebop daheim und im Kopf für Neues offen, solange es melodiös ist. Ein Balladen-Spezialist, der Reminiszenzen an den Balkan ebenso souverän einbindet, wie er sich in seiner jüngsten CD „Latin Haze“ lateinamerikanischen Rhythmen widmet.

Dass er das Glück hatte, „mit den Weltmeistern zu spielen“, hat Dusko Goykovich nicht eitel gemacht, sondern dankbar. Beweisen muss er niemandem mehr etwas. Ein Grandseigneur des Jazz, den die Münchner Saxophonistin Carolyn Breuer beinahe ehrfürchtig „ein Stück Jazzgeschichte“ nennt. Einen der letzten noch offenen Träume hat er sich 2013 erfüllt, als er mit den Brandenburger Symphonikern eine CD einspielte. Es gebe Pläne, das Projekt in anderen Ländern zu wiederholen, berichtet er.

Ansonsten hält sich der Bandleader, Komponist und Weltklasse-Trompeter mit eigenen Plänen zurück. Es sei an der Zeit, „die Fackel weiterzugeben“, sagt er. So, wie er einst von Art Farmer, Miles Davis, Dizzy Gillespie und Clark Terry gelernt hat, fühlt er sich jetzt den jungen Jazzern verpflichtet, denen er viele seiner Arrangements und Kompositionen geschenkt hat. Zusammen mit Claus Reichstaller und dessen Schülern an der Hochschule für Musik plant er ein Projekt in Belgrad, denn auch der Austausch zwischen Ost und West ist ihm ein Anliegen.

Es gebe heute viel mehr gute junge Jazzmusiker als früher, beobachtet der welterfahrene Senior. „Aber sie kriegen keine Jobs. So viel Platz gibt’s nicht im Jazz“. Nicht zuletzt, weil es bei vielen Rundfunksendern, auch beim Bayerischen Rundfunk „nie eine feste Jazzband gegeben“ habe. Sich auf das Abenteuer Jazz einzulassen, erfordert noch immer Mut und Passion.

Vielleicht ist dem vielfach ausgezeichneten Goykovich deshalb der Preis, den er heute Abend überreicht bekommt, wichtig wichtiger als alle bisherigen. Zum einen, weil der Preis nur alle drei Jahre und nicht nur für Jazz vergeben wird. Zum anderen, und wieder blitzt ein Lausbubenlächeln in Goykovichs Gesicht auf, „weil es der erste Preis ist, der mit einer Geldprämie verbunden ist“. Das war für den Mann, der nach 65 Jahren im Universum des Jazz alles gesehen zu haben glaubte, „eine angenehme Überraschung“.

Peter T. Schmidt

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mutmaßlicher Islamist in München vor Gericht: Mittel zum Bombenbau gefunden
Ein mutmaßlicher Islamist, der in München vor Gericht steht, soll den Bau einer Bombe geplant haben. Die Polizei fand eine Anleitung zum Bombenbau.
Mutmaßlicher Islamist in München vor Gericht: Mittel zum Bombenbau gefunden
Signalstörungen behoben: Verkehrslage bei der S-Bahn normalisiert sich
Pendler sind in München auf die S-Bahn angewiesen. Doch immer wieder gibt es Störungen, Sperrungen und Ausfälle. Wir informieren Sie in unserem News-Ticker.
Signalstörungen behoben: Verkehrslage bei der S-Bahn normalisiert sich
Wohnen, Pendeln, Arbeiten: Experten sagen, ob wir in München oder auf dem Land (besser) leben werden
Die Preise? Nahezu unbezahlbar. Der Wohnraum? Immer knapper. Und trotzdem ziehen noch mehr Menschen nach München und ins schöne Umland. Führende Experten stellen für uns …
Wohnen, Pendeln, Arbeiten: Experten sagen, ob wir in München oder auf dem Land (besser) leben werden
Ist sie Ihnen aufgefallen? Seit Sonntag gibt es eine akustische Neuerung in U-Bahnen und Trams 
Schluss mit „Nächster Halt“: Ab sofort erklingt in U- und Trambahnen nur noch ein kurzes Klingelsignal, bevor die Haltestelle genannt wird. Die Rückmeldungen sind …
Ist sie Ihnen aufgefallen? Seit Sonntag gibt es eine akustische Neuerung in U-Bahnen und Trams 

Kommentare