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Der Postulator: Johannes Modesto ist mit der Seligsprechung von Fritz Gerlich (linkes Foto) und Romano Guardini (rechtes Foto) betraut.

Auf der Suche nach Wundern

Er ist der Seligmacher von München

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Am Samstag wird das Seligsprechungsverfahren für den NS-kritischen Publizisten Fritz Gerlich und den Religionsphilosophen Romano Guardini eröffnet. Einem Mann kommt dabei eine besondere Rolle zu: Er heißt Johannes Modesto – und er muss mindestens ein Wunder nachweisen.

München – Johannes Modesto, Jahrgang 1960, zweifacher Familienvater und Doppeldoktor in Theologie und klassischer Philologie, braucht ein Wunder. Ganz dringend. Aber das Schwierigste an so einem Wunder, das ist der Beweis.

Das weiß kaum einer besser als dieser gläubige, freundliche, blitzgescheite Mann, der schon mit sechs Jahren Ministrant war und für das Erzbistum München und Freising gerade an einer Spezialmission arbeitet – an einer doppelten Seligsprechung. Für Fritz Gerlich (1883-1934) und für Romano Guardini (1885-1968). Mit einem Festgottesdienst im Liebfrauendom eröffnet der Münchner Kardinal Reinhard Marx am Samstag das offizielle Verfahren. Für Katholiken ist das ein außergewöhnlicher Moment. Durch eine Seligsprechung kommen herausragende Christen ins ewige Gedächtnis der Gläubigen. Doch der Weg dorthin ist mühsam.

Modesto sagt: „Wenn die Isar plötzlich stillsteht, dann kann das ein Wunder sein.“ Aber man kann es nachträglich kaum beweisen. Es ist ein Wunder, das kirchenrechtlich nicht so richtig verwertbar ist. „Heilungswunder sind am besten nachzuvollziehen“, sagt der Experte. Es gibt Krankenakten, es gibt vielleicht sogar noch Angehörige, es gibt Ärzte, die man befragen kann. Genau so einem Wunder ist er gerade auf der Spur. „Es ist eine Heilungsgeschichte“, sagt Modesto, mehr will er nicht verraten. Aber der Religionsphilosoph Guardini soll einen Menschen geheilt haben. Nur wenn sich das bewahrheitet, dann kann er auch seliggesprochen werden. Für eine Heiligsprechung bräuchte es laut Kirchenrecht sogar noch ein zweites Guardini-Wunder. Das alles muss man wissen, um Modestos Rolle zu verstehen. Er ist Postulator, so heißt das Amt. In Rom hatte er eine monatelange Schulung, wo er alle Feinheiten von Selig- und Heiligsprechungen lernte.

Er sichtet schon bald alle Dokumente, die es über die potenziell Seligen gibt. Natürlich hat er Hilfe von Historikern, Theologen und Ärzten. Es werden Zeugen befragt, die über das Leben von Gerlich und Guardini Auskunft geben. Alle Gläubigen sind dazu aufgerufen, dem Erzbistum Informationen zukommen zu lassen. Dabei geht es auch um Hinweise auf Verfehlungen, problematische Äußerungen oder Schlimmeres. Die Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens ist ein wichtiger Schritt, aber es ist kein Freibrief, dass die Person auch seliggesprochen wird. Das Ganze mündet in zwei Büchern, die Modesto in den nächsten Jahren anfertigen wird. Sie dürfen jeweils nicht mehr als 500 Seiten haben, auch so eine Richtlinie. Aber zwei dicke Wälzer werden es schon werden.

Nach Abschluss des Verfahrens werden die Akten der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse zugeleitet. Das letzte Wort hat dann Franziskus: Bei einer Seligsprechung stellt die katholische Kirche durch Urteil des Papstes fest, dass ein gestorbener Mensch vorbildlich aus dem Glauben gelebt hat und Christus in besonderer Weise nachgefolgt ist. „Ich schreibe alles auf Italienisch“, sagt Modesto, „dann geht es vielleicht schneller.“

Aber wer waren diese beiden bayerischen Männer, die seliggesprochen werden sollen? Fangen wir mit Romano Guardini an. Er zählt zu den einflussreichsten katholischen Denkern des 20. Jahrhunderts. Als führendes Mitglied der katholischen Jugendbewegung und der Liturgiebewegung bereitete er der kirchlichen Erneuerung lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil den Weg. Als Professor prägte er Generationen. Der gebürtige Veroneser wuchs in Mainz auf. Dort wurde er 1910 zum Priester geweiht und nahm ein Jahr später die deutsche Staatsbürgerschaft an. 1922 wurde er Professor, 1939 verfügten die Nationalsozialisten seine Zwangspensionierung. Nach dem Krieg nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf. 1948 folgte der Ruf nach München, wo er bis zu seiner Emeritierung 1962 lehrte. „Mich fasziniert seine Offenheit“ sagt Modesto. „Seine Idee, das Christentum mit der Moderne zusammenzubringen.“

Bei Gerlich ist alles komplizierter. Er führte ein Leben voller Brüche. Der Historiker war in den 1920er-Jahren Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“, der Vorgängerin der „Süddeutschen Zeitung“. Anschließend formte er als Herausgeber ab 1930 die bis dahin politisch harmlose Zeitschrift „Illustrierter Sonntag“ zu einem Kampfblatt um und gab ihr den Titel „Der gerade Weg“. Mit publizistischen Attacken versuchte er, die Machtergreifung der Nazis zu verhindern. 1933 wurde Gerlich verhaftet und blieb ohne Prozess eingesperrt, bis er im Sommer 1934 nach Dachau gebracht und erschossen wurde.

Bei ihm ist es so: Für die Seligsprechung muss kein Wunder gefunden werden, stattdessen muss Modesto nachweisen, dass seine Mörder aus Hass auf Gerlichs Glauben gehandelt haben. Und dass er letztendlich als christlicher Märtyrer starb. Beide Seligsprechungen laufen völlig getrennt voneinander.

Gerlich stammte aus einer calvinistischen Familie, studierte in München und landete zunächst im bayerischen Archivdienst. Seine politischen Ansichten wechselten zwischen linksliberal und nationalkonservativ. Ein Habilitationsprojekt scheiterte, auch die Bewerbung um ein Abgeordnetenmandat. Als Hauptschriftleiter bei den „Münchner Neuesten Nachrichten“ stützte er ihren antirepublikanischen Kurs, zunächst auch mit Sympathien für die NS-Bewegung. Die Begegnung mit der oberpfälzischen Mystikerin Therese Neumann, genannt Reserl von Konnersreuth, führte zu einer Lebenswende. Zunächst wollte Gerlich sie als Schwindlerin entlarven, dann konvertierte er 1931 zum Katholizismus. Im Kreis um Neumann, die angeblich mit Wundmalen Christi stigmatisiert war, fand Gerlich Mitstreiter für seine neue Mission, den geistigen Kampf gegen die Nazis.

Gerlich war ein Arbeitstier, dem Alkohol zugeneigt, Kettenraucher und auf seine Art ein brillanter Denker. „Er war unheimlich wissbegierig“, sagt Modesto, der ein Bild von Gerlich in seinem Arbeitszimmer hängen hat, „in ihm brannte ein inneres Feuer.“ Aber der Postulator sagt auch: „Wer seliggesprochen wird, muss Vorbildfunktion haben. Aber er muss kein Engel gewesen sein.“ Der Münchner Historiker Paul Hoser hat gerade erst auf Schattenseiten in Gerlichs Leben hingewiesen. In den frühen 1920er-Jahren habe er den ehemaligen bayerischen Minister von Frauendorfer durch einen vernichtenden Artikel in den Tod getrieben, schreibt er in einem neuen Aufsatz. Hoser holt noch weiter aus: „Gerlich war sehr intolerant. So bekämpfte er im ,geraden Weg‘ nicht nur rasant den Nationalsozialismus, sondern machte jeden, auch jeden Theologen, nieder, der nur die geringsten Zweifel an Therese Neumann vorbrachte.“

Die Nazis bezeichneten das Phänomen der Resl von Konnersreuth schon früh als Schwindel. „Dies dürfte Gerlichs plötzlichen Hass auf die Nationalsozialisten erklären“, schreibt Hoser. Modesto hat ihn bereits letztes Jahr angefragt, ob er als Experte zur Verfügung steht. Der Postulator will auch kritische Stimmen zu Wort kommen lassen. Er sagt: „Alles muss auf den Tisch. Es ist eine Detektivarbeit.“ Er wird, so viel ist jetzt schon klar, fast das ganze nächste Jahrzehnt mit den beiden Männern verbringen. Mit seinem Werk über Gerlich will er 2020 oder 2021 fertig sein, mit Guardini ein paar Jahre später, weil es viel mehr Dokumente gibt. Für katholische Verhältnisse ist das schnell: Der Seligsprechungsprozess von Schwester Maria Fidelis Weiß aus Sachsenkam dauert bereits 81 Jahre.

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