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Auch München soll „Smart City“ werden: Bürgermeister Schmid im Gespräch mit Professorin Wolfrum.

Diskussion über die "Smart City"

Stadt der Zukunft: Wird München zur Smart City?

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München - Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Wie werden wir wohnen, mobil sein, leben? Auch München steht angesichts seines Wachstums vor großen Herausforderungen – und soll zur „Smart City“ werden. Was das ist, erkundete nun eine illustre Diskussionsrunde.

Die Stadt ist im Stress. Schon heute lebt jeder zweite Mensch im urbanen Raum, das Land entleert sich. Städte stehen vor riesigen Herausforderungen, müssen immer mehr Menschen versorgen. Da wirkt das geflügelte Wort von der „Smart City“ oft wie ein Heilsversprechen: Neue, digitale Technologien sollen helfen, die Zukunft zu gestalten. Per Smartphone frage ich meinen Kühlschrank, ob er noch Milch hat. Mein selbstfahrendes Carsharing-Auto bringt mich heim. Gärten wachsen auf Hochhaus-Dächern. Alles funktioniert digital, jeder ist vernetzt.

Doch was viele Bürger spannend finden und teils schon umsetzen, macht vielen anderen Angst. Wer soll da mithalten können, wo bleibt das Menschliche – und verschwindet bei aller Verdichtung und Optimierung nicht das Wohlgefühl von Urbanität: urige Ecken zu entdecken, auf Bürgersteigen Bier zu trinken?

Fest steht: Die Stadt verändert sich – und das muss gestaltet werden. „Die Stadt der Zukunft – smart und lebenswert“ hieß die Diskussion am Dienstagabend in der BMW-Welt. Eingeladen hatte die „UnternehmerTUM“, das Innovationszentrum an der Technischen Universität, das Gründungen von Start-up-Unternehmen begleitet und von BMW-Milliardärin Susanne Klatten ins Leben gerufen wurde. Entsprechend hoch war die Dichte an jungen, hippen Gründern: Mit 650 Teilnehmern war der Saal voll besetzt, überall wurde getwittert.

Und gelauscht: den Stadtplanern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsbürgermeister Josef Schmid (CSU). In Freiham, sagte dieser, entstehe eine Modellregion für die „Smart City“. München insgesamt wolle sich auf vier Feldern dazu mausern: Verkehr (Stichwort Mobilitätsinseln), regenerative Energien (Stichwort Geothermie), energetische Häusersanierung und mehr Bürgerbeteiligung. Wie genau letztere aussehen könnte, dazu wurde Schmid nicht konkreter. Zuvor hatte der Stadtplaner Julian Petrin dargestellt, wie Bürger in Hamburg und Berlin einzelne Bauprojekte erfolgreich mitgestaltet haben – „abseits klassischer Stadtentwicklung“.

Florian Bieberbach, Geschäftsführer der Stadtwerke München, nannte als Herausforderungen für die SWM: Man arbeite intensiv an einer App, die alle Verkehrsmittel verknüpft und einem den schnellsten Weg weist. Ein großes Thema werde, angesichts des Klimawandels, die Kälteversorgung. Zudem gelte es, Energie komplett aus erneuerbaren Quellen und emissionsfrei zu erzeugen.

Peter Schwarzenbauer, Vorstandsmitglied bei BMW, muss sich von Google jagen lassen: „Wir arbeiten stark am vollautonomen Fahren“, sagte er. Das selbstfahrende Auto werde „auf jeden Fall“ kommen. Zurzeit sei es spannender als je zuvor, die Mobilität werde sich in den kommenden zehn Jahren dramatisch verändern. Zugleich mahnte er an, dass eine smarte Stadt nicht nur kameraüberwacht sein dürfe, sondern liebenswert bleiben müsse.

Doch wie will man die Bürger mitnehmen, sie mitplanen lassen, ihnen Freiräume geben? Es gebe ja auch die neue Lust am Selbermachen, sagte Petrin, etwa beim Urban Gardening. Doch was große Stadtentwicklungs-Projekte angeht, herrschte nicht nur Euphorie auf dem Podium. Bieberbach berichtete, wie der Glasfaser-Ausbau ein wahrer „Häuserkampf“ gewesen sei, obwohl von schnellem Internet alle profitierten. Schwarzenbauer mahnte, neue Technologien müssten besser erklärt werden.

Städtebau-Professorin Sophie Wolfrum sagte, wenn sich gesellschaftliche Strukturen änderten, erzeuge das immer Widerstand – wie früher etwa gegen die Kanalisation oder einen Schlachthof. Die Diskussion um Chancen und Risiken müsse immer neu geführt werden. Wolfrum erinnerte auch an Hürden wie etwa das Baurecht. Petrin bilanzierte, „smart“ bedeute nicht nur digital, sondern auch sozial.

Jürgen Enninger, bei der Stadt zuständig für Kultur- und Kreativwirtschaft, verspricht sich viel vom neuen Gründer- und Innovationszentrum, das ab 2017 im Kreativquartier an der Dachauer Straße gebaut wird. Rund 40 Startups sollen dort im Austausch mit Stadtplanern an Produkten und Lösungen für die Stadt der Zukunft arbeiten: beispielsweise einer App wie „Park Here“, die freie Parkplätze findet. Die Startups will die UnternehmerTUM unter ihre Förder-Fittiche nehmen. Laut deren Geschäftsführer Helmut Schönenberger ist es wichtig, dass sich Leute auch mal interdisziplinär und spielerisch mit Ideen beschäftigen, ohne dass daraus gleich millionenschwere Unternehmen werden.

Und die Verwaltung? Ob sich der Stadtrat bewusst sei, dass der digitale Wandel sich auch auf politische Organisationsprozesse auswirken werde – Stichwort Bürokratie-Abbau, fragte Moderator Dominik Wichmann. „Tja“, antwortete Schmid. „Das Bewusstsein entwickelt sich gerade.“

Christine Ulrich

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