Jugendstil im Bahnhofsviertel

München - Jedes Haus hat eine Geschichte. Auch das Jugendstilhaus im Bahnhofsviertel. Dort haben wir uns umgeschaut.

Die Schwanthalerstraße in der Ludwigsvorstadt ist nicht gerade für architektonische Glanzlichter bekannt. Hier, zwischen Bavariaring und Sonnenstraße, verkaufen Geschäftsleute in schlichten Nachkriegsbauten Früchte und türkische Spezialitäten, es gibt jede Menge Büros und Dienstleistungs-Unternehmen. Ein wahres Schmuckstück reiht sich auf Hausnummer 79 ein: ein Jugendstilbau mit farbig ausgeschmückter Fassade und kunstvollem Balkongitter.

1905 beauftragt der Münchner Apotheker Andreas Krammer den Architekten August Zeh, das bestehende Haus an selber Stelle umzubauen und aufzustocken. Dieser hatte bereits die Gebäude an der Landwehrstraße 67 und am Bavariaring 4 im Jugendstil ausgeschmückt.

Mit dieser Kunstform um 1900 wandten sich August Zeh und andere Baumeister ab vom Klassizismus, weg von der neuen Gotik und dem Neo-Barock, hin zu Neuem, Frischem und Aufgeklärtem. Der Name dieser kunstgeschichtlichen Epoche geht auf die Münchner illustrierte Kulturzeitschrift „Jugend“ zurück. Das Jugendliche dieses Stils spiegelt sich auch an der Schwanthalerstraße 79 wieder: hell, heiter und voller Leichtigkeit.

Wie ein Spitzenvorhang überziehen kleinteilige Fassadenreliefs die Front. In Grün, Gold und Beige gehaltene Elemente zieren den Bereich oberhalb des ersten Stocks bis hinauf zum geschwungenen Giebel. Mit Sinn-Sprüchen preist der Architekt die Kunst. Ein aufbäumendes Pferd und ein wild gewordener Stier an der Mauer der ersten Etage verleihen dem Gesamtbild Dynamik.

Fertiggestellt im Jahr 1905, verfügte bereits jede Wohnung, die jeweils ein ganzes Stockwerk ausfüllte, über ein eigenes Badezimmer. Heute beinhaltet das Haus Wohnungen in den oberen Etagen, im Rückgebäude befinden sich Verlags-Büros sowie eine Fachberatungsstelle für die Rechte der Opfer von Frauenhandel (Jadwiga) und der Vereinssitz des Kameradenkreises der Gebirgstruppe München.

Interessant ist vor allem der Laden im Erdgeschoss: Das „NähWerk“ ist eine Boutique, eine Schneiderei - und auch ein Café, alles in einem. Die Besucher bekommen Kaffee-Spezialitäten, Kuchen und Mittags-Gerichte serviert, können Hosen zum Abändern vorbeibringen, Kleider nach Maß anfertigen lassen, Accessoires einkaufen oder Räumlichkeiten für eine Party inklusive Catering mieten.

Und das alles mit sozialem Hintergrund: Das „NähWerk“ ist ein Integrationsbetrieb des Weißen Raben und zählt zu den größten Beschäftigungsunternehmen in Bayern. Mit kreativen Ideen sorgen Fachkräfte dafür, dass die Schwächeren unserer Gesellschaft gebraucht werden. So finden etwa in der Schneiderwerkstatt Menschen mit Handicap eine dauerhafte Beschäftigung und erhalten die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Dieses Haus ist also nicht nur äußerlich eine Ausnahmeerscheinung in der Ludwigsvorstadt.

von Corinna Erhard

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