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Meike Harms mag es mobil: Die 35-Jährige ist aber nicht mehr mit dem Auto, sondern nur noch mit dem Rad und dem ÖPNV unterwegs.

Das beweist die Aktion Auto-Fasten

Münchner haben getestet und belegen: Es geht auch ohne Auto

Der Diesel steht heftig in der Kritik, Elektro-Autos werden zu einer ernsthaften Alternative. Und Carsharing ist mittlerweile eine smarte Sache. Ingrid Roemer und Meike Harms haben „gefastet“: Sechs Wochen ohne Auto - jetzt wollen sie nicht mehr damit aufhören.

München - Wer eine Vollzeitstelle, Kinder und ein Haus auf dem Land hat, ist ohne Auto aufgeschmissen - denkt man zumindest. Die Aktion „Auto-Fasten“ des Umweltvereins „Green City“ im Februar beweist das Gegenteil: Zwei der fünf Teilnehmer haben nun tatsächlich ihr Auto verkauft.

Unter dem Motto „300 Kilo Kohlendioxid weniger in nur sechs Wochen“ hatten die fünf Teilnehmer ihren Autoschlüssel gegen ein MVV-Ticket getauscht. Ingrid Roemer und Meike Harms wollen es aber nicht dabei belassen. Nach dem Auto-Fasten haben beide dem Auto weitgehend entsagt. „Es war anfangs komisch, morgens nicht ins Auto zu steigen“, erinnert sich Ingrid Roemer. Die Mutter bringt ihre zwei und vier Jahre alten Kinder jeden Tag zur Kita - von nun an aber mit der U-Bahn.

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Keine Rücksicht auf Mutter mit Kinderwagen in U-Bahnen

25 Minuten ist die Familie jeden Morgen unterwegs. Ingrid Roemer berichtet von überfüllten U-Bahnen und genervten Blicken. „Die meisten Leute sind zu einer Mutter mit Kinderwagen nicht so rücksichtsvoll, wie man denkt“, sagt die 35-Jährige. „Aber wir fahren trotzdem lieber U-Bahn. Die Kinder können in Ruhe etwas lesen, und ich kann mich besser um sie kümmern.“

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Deswegen braucht die Familie ihren VW Golf 6 (Baujahr 2012) von nun an nicht mehr. „Der Diesel musste sofort weg“, sagt die Studentin für Umweltsicherung. Auf ihren alten Polo wollten die Roemers nicht verzichten: „Wir brauchen ihn nur noch für Familieneinkäufe und Ausflüge in die Berge.“ Als Nächstes wird ein E-Auto gekauft. „Ich habe mir auch ein Lastenradl mit Motor bestellt“, erzählt Ingrid Roemer stolz. Für die Aktion von „Green City“ und dem MVV ist sie sehr dankbar: „Ich habe ein prächtiges Gewissen. Ein absolutes Erfolgserlebnis!“

Ingrid Roemer an der U-Bahn-Station: Trotz Kinderwagen und voller U-Bahnen hat die 35-Jährige ihr Auto verkauft. Ein Auto haben die Roemers aber noch.

Harms ist „letzten Rest unserer Faulheit“ losgeworden

Meike Harms hat ihren Renault Kangoo verkauft. Schon länger hatten sie und ihre Frau Lisa Bock darüber nachgedacht - es aber immer wieder aufgeschoben. „Wir mussten noch den letzten Rest unserer Faulheit loswerden“, beichtet die 35-Jährige. „Das Auto-Fasten war dafür perfekt!“

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Die Familie wohnt in Gilching, 20 Minuten mit dem Rad von der S-Bahn-Station entfernt. Mit zwei Kindern im Alter von eins und sechs Jahren hatten die Frauen deshalb große Zweifel. „Die waren aber unbegründet“, erklärt die freie Autorin. „Besonders unsere Große ist richtig stolz darauf, dass wir kein Auto mehr haben. Und die Kleine mag sowieso nicht im Auto sitzen“. Im Fahrradanhänger würden sich die beiden wohler fühlen. Meike Harms beweist, dass man auch mit zwei Kindern auf dem Land ohne Auto auskommen kann. „Das Auto-Fasten war der letzte Schubs, den wir gebraucht haben“, sagt sie stolz.

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Mobil zu sein, ist ein Grundbedürfnis. Meike Harms und Ingrid Roemer haben es ohne Auto durchgezogen. Aber nach wie vor ist der Pkw das beliebteste Fortbewegungsmittel. Laut einer Umfrage des Umweltbundesamtes können sich aber viele Menschen vorstellen, auf ihr Auto zu verzichten. Die Hälfte aller Befragten wäre bereit, den ÖPNV mehr zu nutzen. Noch mehr würden gerne Fahrrad fahren oder zu Fuß laufen. Zumindest unter klaren Bedingungen - eine bessere Infrastruktur und eine gute Anbindung. Denn im Grunde wollen alle nur eines: Bequem zur Arbeit, zur Schule und zu Freizeitaktivitäten kommen.

Kathrin Braun

Carsharing: Ab wann es sich lohnt

Mit einem eigenen Auto ist man unabhängig und flexibel. Aber lohnt es sich auch? Ein Auto ist teuer, ob man damit fährt oder nicht. Zuerst der Autokauf, dann die Spritkosten. Dazu die Versicherung, Reparaturen und Steuern. Eine Alternative vor allem in Großstädten ist Carsharing. Die flexiblen Autos kann man je nach Anbieter für rund 30 Cent die Minute in vielen Großstädten nutzen. In München ist DriveNow von BMW der Platzhirsch. Auch Car2Go, StattAuto und neuerdings Oply bedienen den Münchner Markt. 1830 Fahrzeuge haben sie gemeinsam auf den Straßen.

Pro Jahr fährt der durchschnittliche Deutsche 14.000 Kilometer. Laut Umweltbundesamt gilt die Daumenregel: Carsharing lohnt sich für den, der weniger als 10.000 Kilometer fährt. Nicht nur finanziell, auch ökologisch: Denn mit 45 Millionen Autos in Deutschland hat jeder Zweite derzeit noch ein Auto. Dabei ist jedes einzelne, ob es steht oder fährt, eine Belastung für die Umwelt.

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Umfrage unter jungen Münchnern

„In München kann man gut aufs Auto verzichten. Klar: Der MVV könnte verlässlicher sein. Aber es ist machbar, auf Alternativen zurückzugreifen - besonders in einer Großstadt. Und der Umwelt zuliebe sollten wir das auch tun.“
Theresa Bauer (23), Studentin aus München

„Ich habe noch nie ein Auto gehabt und werde mir auch in nächster Zeit keins kaufen. Der Verkehr ist mir viel zu stressig. Ich sehe das praktisch: Ein Auto ist für mich kein Statussymbol. Eine Familie auf dem Land kann es gut gebrauchen - ansonsten ist ein Auto pro Person überflüssig.“
Florian Rettenweber (24), Fahrplanersteller aus München

„Umweltfreundliche Autos werden immer beliebter. Ich denke, die meisten Menschen werden sich eh irgendwann ein E-Auto oder Ähnliches zulegen. Ich selbst würde mir trotzdem keins holen. Das ist einfach zu teuer.“
Xaver Giglberger (24), Student aus München

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