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Lernen für die Chance auf Zukunft: Nessar Ahmad (im roten Hemd) hat durch den Integrationskurs neue Zuversicht bekommen. Dafür hat er sich in seinem Text bedankt.

Nessars Brief an Deutsche und Flüchtlinge

Junger Afghane erklärt, warum Deutschlernen so wichtig ist

München - Nessar Ahmad spricht fünf Sprachen fließend. Gerade lernt er eine sechste: Deutsch. Weil er aus seiner Heimat Afghanistan hierher flüchten musste. Seitdem geht ihm viel durch den Kopf. Er hat es aufgeschrieben – in der Sprache, die ihm noch am schwersten fällt. 

Ein Text für alle Deutschen und für andere Flüchtlinge

Ich heiße Nessar Ahmad und bin 23 Jahre alt. Seit 8 Monaten lebe ich in Deutschland.

Ich habe fünf Jahre als Dolmetscher für die Isaf (International Security Assistance Force) in Afghanistan gearbeitet. In den letzten zwei Jahren war ich bei der Bundeswehr beschäftigt. Aufgrund meiner Tätigkeit bekam ich Sicherheitsprobleme und reiste deshalb mit Hilfe der Bundeswehr nach Deutschland ein.

Doch mit der Einreise gingen alle ursprünglichen Ziele und Wege verloren. Am Anfang habe ich mit vielen Problemen zu kämpfen gehabt; Einsamkeit, psychische Belastungen, Fremdheitsgefühle gegenüber der neuen Kultur, der Sprache und der Gesellschaft. Dies waren die Gründe, weshalb ich mich nicht richtig integrieren konnte.

Eine Kehrtwende in meinem Leben gab es, als ich an einem Integrationskurs teilnahm. Es war eine neue Situation mit vielen neuen Gesichtern und einer spezifischen Atmosphäre. Es war nicht nur eine Klasse, die die Sprache lernt, sondern ein neues Zuhause und eine neue Familie. In den Kurs war ich sehr gut integriert, hatte gute Kontakte und Beziehungen zu den Klassenkameraden aufgebaut. Diese haben mich sehr gut verstanden. Öfter war ich nicht pünktlich in der Klasse erschienen, aber ich habe nie gefehlt. Nur einmal war ich krank und konnte nicht zur Schule gehen. Als ich nach der Erkrankung wieder zur Schule kam, haben mich alle liebevoll und mit einem Lächeln umarmt. Sie sagten mir: „Du bist total anders, nicht wie die anderen Afghanen.“ Diese Aussage störte mich unheimlich, weil die Klassenkameraden wahrscheinlich wenig Kenntnisse über die Afghanen, ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Lage haben. Über Arbeitslosigkeit, andauernden Krieg seit 40 Jahren, Perspektivlosigkeit, Unsicherheit, Trennung der Familie, Terror und Stärkung des Fundamentalismus durch die Regierung. Manche Afghanen haben Probleme mit der neuen Gesellschaft wegen mangelnder Informationen über Integrationsmöglichkeiten, über den Stellenwert der Sprache, kulturelle Werte, Normen und Regeln.

Ich habe den Integrationskurs mit dem Niveau B1 absolviert. Zuvor hatte ich gedacht, dass die deutsche Sprache schwierig ist. Nachdem ich den Kurs absolviert hatte, gefällt mir die Sprache mehr und mehr. Sie kommt mir süß vor. Um sie richtig zu lernen braucht es aber harte Arbeit und viel Geduld. Ich möchte gerne an weiteren Kursen teilnehmen. Und ich möchte meine Dankbarkeit gegenüber der deutschen Bevölkerung und Landsleuten, die mir geholfen haben, zum Ausdruck bringen.

Für die jungen Afghanen, die nach München gekommen sind, wünsche ich, dass sie bedenken: Deutschland bietet viele Bildungschancen, doch man soll die Sprache lernen, sich richtig in die Gesellschaft integrieren und sich Ziele für die Zukunft setzen.

Nessar Ahmad

Schreiben für die Seele - Das ist Nessar Ahmads Geschichte:

Nessar Ahmad hat immer alles aufgeschrieben, was ihn bewegt. Das Schreiben hilft ihm, sagt er. Es ordnet seine Gedanken, es nimmt ihm manchmal die Last von der Seele. Die meisten seiner Texte sind auf Persisch. Oder auf Englisch, Russisch oder Hindi. Vor einigen Tagen hat er das erste Mal einen Text auf Deutsch geschrieben. Natürlich hat es länger gedauert. Tagelang. Und ein bisschen Hilfe hat er gebraucht. „Mein Deutsch ist noch nicht gut genug“, sagt er. Noch immer gibt es zu viele Worte, die er nicht versteht. Er will die Sprache perfekt können. Denn – da ist er sicher – sie ist der Schlüssel zu dem neuen Leben, das er sich 5000 Kilometer von seiner Heimat entfernt aufbauen möchte.

Nessar Ahmad war in Afghanistan Dolmetscher. Er hat ein IT-Studium begonnen. Als er vor acht Monaten in München ankam, war er nur noch Flüchtling. Er hat alles verloren. Bis auf seine Zuversicht. „Es spielt keine Rolle, wer ich war oder woher ich komme“, sagt er. „Jetzt zählt nur noch, was ich aus der Chance mache, die ich hier bekomme.“ Die Chance, das war ein Platz in einem Integrationskurs. Der 23-Jährige hat die Prüfungen bestanden. Er hat eine Wohnung gefunden und eine Arbeitserlaubnis bekommen. Und er hat noch viele Ziele. „Ich muss die Sprache noch besser lernen“, sagt er. „Vielleicht kann ich dann eine Ausbildung beginnen oder sogar mein IT-Studium weitermachen.“

So zielstrebig war Nessar Ahmad nicht von Anfang an. Er ist in ein tiefes Loch gefallen, als er wochenlang nur darauf warten konnte, dass endlich etwas voran geht. Erst der Integrationskurs hat ihm aus der Depression geholfen. Und die Menschen, die er dort kennenlernte. Wie wertvoll dieser Kurs war, ist ihm neulich richtig bewusst geworden. Das wollte er aufschreiben. Um den Menschen zu danken, die ihm beim Deutschlernen geholfen haben. Und um anderen Flüchtlingen Mut zu machen. Deshalb hat er seinen Aufsatz an unsere Zeitung geschickt.

Ein paar Tage später hat Nessar Ahmad eine neue Seite in seinem Notizbuch aufgeschlagen. Und mit einem neuen Text begonnen. „Er ist noch nicht fertig“, erzählt er. „Und er wird noch länger werden als die erste.“ Diesmal wird es eine Geschichte über das Lachen.

Katrin Woitsch

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