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Bauchladen, Motto-Shirt und unendlich viel gute Laune: Das ist ein Junggesellinnenabschied – ein Phänomen, das es im ganzen Land gibt. 

Widerstand gegen einen modernen Brauch

Hilfe, die Junggesellinnen kommen! 

Bevor geheiratet wird, feiern Braut und Bräutigam heutzutage Junggesellenabschied. Der vermeintlich letzte Tag in Freiheit verkommt vielerorts zu einem Saufgelage mit Spaß-Uniformen. Vielen bayerischen Wirten reicht’s.

München – Es war die Spitze des Eisbergs, das Ekelhafteste, das Darko Stanic, der Geschäftsführer des Augustiner- Kellers in München, je in seinem Biergarten erlebt hat. Und er hat schon viel erlebt.

Ein Mann, genauer ein gut alkoholisierter Junggeselle, der ein Ganzkörper-Peniskostüm trug, turnte auf dem Spielplatz zwischen den Kindern herum. Damals waren hier Junggesellenabschiede noch erlaubt. Mittlerweile hängt an jedem Biergarten-Eingang ein großes Schild, das auf das Verbot aufmerksam macht: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, da diese Abschiede immer mehr zu Saufpartys und schlechtem Benehmen führten.“

Einmal musste sogar die Polizei kommen, erzählt Darko Stanic. Weil sich eine Gruppe Junggesellenabschiedler mit einer Gruppe Stammgäste anlegte. Es gab eine Schlägerei. Danach fiel endgültig der Entschluss zum Verbot, „denn so etwas brauchen wir hier nicht“, sagt Darko Stanic. „Wir verstehen Spaß, solange es gesittet abläuft“, aber irgendwann hört der Spaß eben auf. „Es kann nicht sein, dass 20 Leute alle übrigen 5000 Besucher stören.“

„Augustiner-Keller Bekanntmachung“: Junggesellenabschiede sind in dem Biergarten in der Arnulfstraße in München streng verboten. Im Bild: Geschäftsführer Darko Stanic. 

Der Junggesellenabschied und natürlich der Junggesellinnenabschied – junge, oft belächelte Bräuche. Aber kaum eine Hochzeit kommt heutzutage ohne sie aus. Und zur Wahrheit gehört auch: Viele lachen über die Betrunkenen, die durch München, Las Vegas oder doch nur Erding torkeln. Aber mitmachen tun die meisten, die eingeladen werden, dann doch gerne.

Einige übertreiben es ziemlich. Wolfgang Fischer, Geschäftsführer des Vereins CityPartnerMünchen, der für die Münchner Innenstadtwirte spricht, sagt: Wenn 15 stark alkoholisierte Feiernde in Hasenkostümen die Gäste belästigen, „dann machen die Wirte von ihrem Hausrecht gebrauch“. Ein pauschales Verbot hat keiner der Innenstadtwirte eingeführt. Wolfgang Fischer betont die Gastfreundlichkeit gegenüber allen Gästen. „Aber irgendwann ist Schluss mit Lustig.“

Auch Regensburg sperrt die Junggesellen aus

Nicht nur in München regt sich immer mehr Widerstand gegen feierwütige Abschiedler, die über die Stränge schlagen. Auch in Regensburg haben viele Wirte die Nase voll. Die Altstadt ist bekannt für ihre hohe Bardichte. Das lockt Junggesellenabschiede an. 15 Gastronomen haben sich jetzt zusammengeschlossen und ein Manifest verfasst, in dem sie sich wehren – gegen die umherziehenden Gruppen, die beim „Saufen im Laufen“ Ballermann-Feeling verbreiten. Liest man den Text, dann könnte man meinen, die Hunnen stehen vor Regensburg. Es sind dann doch nur die üblichen Junggesellenabschiede. Aber das scheint schlimm genug zu sein. „Über die Jahre hinweg ist aus dem letzten Aufbäumen vor der Ehe eine Olympiade der Peinlichkeiten, der Aggression und der Zerstörungswut geworden“, heißt es in dem Schreiben. 

Die Reaktion der Wirte: Sie verbieten dementsprechenden Gruppen kurzerhand den Einlass. „Jeder Euro Umsatz scheint drei Euro zerstörtem Mobiliar zu entsprechen“, klagen sie. „Deshalb wollen wir keine mehr bei uns haben, weder in männlicher noch in weiblicher Form – wobei natürlich die Männer in der Regel für die übleren Auswüchse verantwortlich zeichnen.“

Vor knapp zwei Jahren schaute ein Brite während eines Junggesellenabschieds deutlich zu tief ins Glas. Als er nach einem Clubbesuch in München seine Freunde aus den Augen verlor, hockte er sich in den Gepäckraum eines Reisebusses. Der fuhr allerdings los mit Ziel im Ausland.

Wer an einem Samstag während der Hochzeitssaison in der Münchner Fußgängerzone unterwegs ist, bekommt schnell eine Ahnung davon, was mit den Peinlichkeiten gemeint ist. Vormittags ist es noch ruhig, doch zur Mittagszeit geht es los. Und wie. Viele Junggesellenabschiede kommen mit dem Zug aus dem Münchner Umland, landen am Hauptbahnhof und pilgern über den Stachus zum Marienplatz. Fast immer mit dabei: Bauchladen, Bollerwagen, Alkohol. Ein künftiger Bräutigam torkelt gegen 13 Uhr in seinem neongrünen Tutu von der Augustinerstraße auf den Frauenplatz. Seine Lederhose tragenden Kompagnons schert das wenig. Sie versuchen einen Tisch beim Augustiner Klosterwirt zu ergattern. Der Kellner schüttelt den Kopf und schickt sie weiter.

Die Kaufingerstraße ist im Belagerungszustand

Das war nur die Vorhut. In den nächsten 20 Minuten gehen neun Junggesellinnenabschiede und fünf Junggesellenabschiede durch die Kaufingerstraße. Vor dem Rathaus muss eine künftige Braut in rosa Glitzer-Leggings und Tutu mit Passanten Walzer tanzen, Bussis verteilen und jemanden finden, den sie massieren darf. Jede erfüllte Aufgabe bejubeln ihre Begleiterinnen mit einem lang gezogenen, lauten „Wuuuhhh!“ und einem kleinen Schnaps aus dem rosa Bollerwagen. Um die Mariensäule trotten sechs Männer in rosa Polohemden. Sie singen „Polonäse Blankenese“ – allein, niemand will mitmachen. Drumherum versuchen Frauen in rot-weiß karierten Blusen und Dirndln Kondome aus ihrem Bauchladen zu verkaufen. Eine der Frauen hält eine Schere in der Hand. Ihre Aufgabe: Männern den Waschhinweis aus der Unterhose abschneiden. Der ganz normale Junggesellenwahnsinn an einem Samstag in München.

Wer denkt sich so etwas aus? Nun ja, die besten Freunde. Oder Menschen wie Boris Armanda. Er betreibt mit seinem Spezl Alexander Krötzinger die Münchner Agentur Nightlife Experts. Sie haben sich auf die Organisation von Junggesellinnen- und Junggesellenabschiede in München spezialisiert. Alexander Krötzinger stellt dabei einen Wandel fest, es geht nicht mehr so derb zu. Das sagt er zumindest. „Immer mehr Kunden wünschen sich ein Tagesprogramm mit verschiedenen Highlights.“ So erkundigen sich viele Männer nach Kart-Fahren oder Paintball. Bei Frauen stehen Day-Spa, Fotoshootings und Thermenbesuche hoch im Kurs. Einer der Bestseller auf der Internetseite ist aber noch immer das „Strip Club Party-Tour-Paket“, Preis 97 Euro pro Person, Party-Bus und Stripshow inklusive.

Die meisten sind zivilisiert - bis zu einem gewissen Grad

Damit so ein Abend reibungslos abläuft, begleiten Betreuer die Feiernden. „So aufgeführt, dass sie rausgeschmissen wurden, hat sich nur einmal eine Truppe“, sagt Alexander Krötzinger. Bei 100 bis 120 Gruppen pro Jahr keine schlechte Quote. „Wir geben mit der Buchungsbestätigung eine Go- und No-Go-Liste raus“, erklärt Boris Armanda. Erlaubt sind T-Shirts, Hemden und Anzüge. Nicht erlaubt sind Badeschlappen, Unterhemden, Trainingsanzüge und Fußballtrikots.

Kurios wird es trotzdem manchmal. So stand einmal ein baldiger Bräutigam im Taucheranzug samt Flossen am Treffpunkt in München. Das Gesäß ausgeschnitten, musste er bereits den ganzen Tag in dem Aufzug herumlaufen. Den haben die Betreuer erst zurück ins Hotel geschickt. Zum Umziehen. Erst dann durfte er weiterfeiern.

von Franziskus Reich

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