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Unter einem Schaufenster an der Sonnenstraße hat sich ein Obdachloser für die Nacht eingerichtet. Berthold Troitsch bringt ihm warme Suppe. 

Der Kälte zum Trotz

Mobile Hilfe für Obdachlose: Mit dem Kältebus im Einsatz

München - Berthold Troitsch ist mit dem Team vom Kältebus München mehrmals pro Woche für Obdachlose im Einsatz. Mit viel Geduld und außergewöhnlichem Engagement versucht der Immobilienverwalter, die Not auf der Straße zu lindern.

Langsam gießt Berthold Troitsch Hühnersuppe in einen weißen Plastikbecher neben seinem Campingkocher. Sofort greifen zwei schmutzige, blaukalte Hände nach dem heißen Gefäß, aus dem der Dampf in den eisigen Nachthimmel aufsteigt. Sie gehören einem älteren Mann mit ungepflegtem Bart, der sich unter einer Schaufensterauslage an der Sonnenstraße für die Nacht eingerichtet hat. Gierig löffelt er nun die Suppe, erst zitternd, dann, so scheint es, wird ihm allmählich wärmer. „Ich kenne die Verstecke, in die sie sich zurückziehen“, sagt Troitsch und meint damit die Obdachlosen, die er mehrmals pro Woche besucht, um sie mit warmen Speisen und Getränken zu versorgen. „Jetzt, wo die Temperaturen nachts unter null Grad fallen, wollen wir sie wenigstens für ein paar Stunden vor der Kälte schützen“, sagt Troitsch. „Wir“, das sind die freiwilligen Helfer des „Münchner Kältebus e.V.“.

Heiße Hühnersuppe wärmt den Körper, menschlicher Zuspruch die Seele: Wenn Berthold Troitsch zur Suppenkelle greift, bekommt so mancher seiner Schützlinge die erste warme Mahlzeit seit Tagen.

Troitsch ist ein Mann der Tat – auch wenn es am Projekt Kältebus Kritik gibt. 50 Mal ist er heuer mit dem blauen Kastenwagen die Runde durch München gefahren, um Obdachlosen seine „niederschwellige Akuthilfe“ – so der Fachausdruck – anzubieten. „,Niederschwellig‘ bedeutet, dass wir direkt zu den Menschen fahren.“ So wachse die Wahrscheinlichkeit, dass Hilfe angenommen werde.

Warum werden Menschen obdachlos?

Gründe für Obdachlosigkeit sind vielfältig: Plötzliche Arbeitslosigkeit, Gewalterfahrungen, die Trennung vom Partner und Suchtprobleme können dazu führen, dass Menschen auf der Straße landen. Auf seiner Fahrt begegnet Troitsch diesmal mehreren rumänischen, slowakischen und ungarischen Bettlern, die in München gestrandet sind und sich hier ein Zubrot für die zuhause gebliebenen Familien erbetteln. „200 Euro kann ich hier im Monat erbetteln“, sagt einer von ihnen in gebrochenem Deutsch. „Zuhause in der Slowakei ist das sehr viel Geld.“ Zusammen mit seiner Schwester sowie drei Cousins und Cousinen schläft er seit Wochen in einer Unterführung nahe der Theresienwiese – dem vierten Stopp des Kältebusses in dieser Nacht. Der Wind pfeift durch den Tunnel, neongelbe Leuchtstoffröhren brennen die ganze Nacht. „Ohne das Geld können wir unsere Kinder zuhause nicht ernähren“, murmelt der Slowake entschuldigend. Über die Feiertage wolle er zu ihnen zurückfahren.

Auch diese Unterführung nahe der Theresienwiese gehört dazu. Troitsch ist auf die Hilfe von Ehrenamtlichen angewiesen.

„Natürlich lohnt sich das Betteln in den Wochen vor Weihnachten am meisten“, bestätigt Troitsch. Zu dieser Zeit sind die Leute spendabel, was ganze Bettlerscharen aus anderen Ländern anzieht. Auch wenn es nicht sein Ziel sei, Bettlerbanden zu unterstützen, macht Troitsch auf seiner Tour keine Unterschiede. „Wir sind kein Moralbus“, betont er, „wir helfen einfach, wo Hilfe benötigt wird.“

Ein Schicksal: Anna (41), Opfer von Gewalt

Und es gibt auch Schicksale wie das der 41-jährigen Anna (Name geändert), die erst seit ein paar Tagen unter einer Münchner Isarbrücke nächtigt. Ihr Quartier besteht aus zwei Matratzen, alten Decken, Schlafsäcken – und ein paar Teelichtern. Anna ist gebürtige Münchnerin. Mehrmals fiel sie Gewaltverbrechen zum Opfer – und rutschte ins Drogenmilieu ab. „Ich habe ein Suchtproblem“, gibt sie zu. Mehrmals sei sie auf Entzug und sogar schon im Gefängnis gewesen. Nun schläft sie gemeinsam mit ihrem zehn Jahre jüngeren Freund auf dem Kiesbett unter einem Brückenbogen.

Berthold Troitsch ist für Anna da. Er ist zwar kein Sozialpädagoge oder Psychologe, aber er spendet Wärme – und Herzenswärme. Er baut seinen Klapptisch vor dem Kältebus auf und erhitzt auf einem Gaskocher Brühe mit Lauch und Hühnchen. Teilt Tee aus oder Kaffee, manchmal auch Kekse, Shampoo und Zahnpasta. „Es stimmt, dass heute niemand auf der Straße schlafen muss“, sagt er. „Dennoch gibt es Ereignisse im Leben, die Menschen daran hindern, in Notunterkünfte zu gehen. Dazu zählen Gewalterfahrungen oder erlebte Diebstähle, die bei wenig Eigentum noch stärker ins Gewicht fallen“.

Anna ist jedenfalls dankbar für die Hilfe von Troitsch. „Es gibt viel zu wenige Menschen wie dich. Das, was du machst, ist echt ne feine Sache“, sagt sie und trinkt ihren Kaffee. Anna fasst sogar neuen Mut: „Irgendwann werde ich mein Leben wieder in den Griff bekommen. Was ist das schon – ein Leben unter der Brücke?“

Wenn Troitsch nicht gerade mit seinem Wagen unterwegs ist, arbeitet der 47-Jährige als Chef zweier Immobilienverwaltungen. 50 Wochenstunden sind da nichts Ungewöhnliches. Trotzdem findet er die Zeit, mit seinem Team drei- bis viermal die Woche auszurücken. „Als Immobilienverwalter ist man oft mit privaten Notsituationen konfrontiert. Ich wollte einfach selbst aktiv werden“, erinnert er sich an die Anfangszeit.

Finanzielles Eigenengagement - die Stadt fördert das Projekt nicht

Als das Ehepaar Jasmin und Tobias Irl sein Projekt „Kältebus“ vor zwei Jahren abgab, gründete Troitsch den Verein Münchner Kältebus. „Als private Initiative bekommen wir keine Unterstützung von der Stadt. Mir war klar, dass der Kältebus ohne finanzielles Eigenengagement und Manpower nicht bestehen kann“, erzählt Troitsch. Seine Arbeit für den Verein umfasst heute nicht nur die Vergabe von Speisen, sondern auch Einkauf und Zubereitung. Zu rund vier Stunden Fahrt, die Troitsch mehrmals wöchentlich unternimmt, kommen eineinhalb bis zwei Stunden fürs Einkaufen, Kochen und Verladen.

Überwiegend kauft Troitsch Reis, Eier, Hühnchen, Speck und Backerbsen. Wenn er Zeit hat, bereitet er sogar eine Nachspeise zu. Fruchtquark etwa, wenn ein Lebensmittelmarkt Obst abzugeben hat. „Einer meiner Klienten ist richtig verfressen. Der freut sich besonders, wenn es Nachschlag oder eine Nachspeise gibt“, erzählt Troitsch und lacht. Wenn er den Ärmsten der Armen eine kleine Freude bereiten kann, macht ihn das glücklich.

Alles Engagement ist von Ehrenamtlichen abhängig – und von Spenden. Gerade hier würde sich Troitsch mehr Kontinuität wünschen. Freilich freut er sich über jede Spende. Doch nur in der Vorweihnachtszeit sei das Engagement der Leute für Obdachlose übermäßig hoch. Besser wäre es, die Leute würden das ganze Jahr über an die Not auf der Straße denken. „In der Adventszeit herrscht selbst auf der Straße ein gewisser Überfluss, während Obdachlose im Januar und Februar schwere Zeiten durchstehen.“

Im Notfall ist der Kältebus keine Option

Im Team sind derzeit vier feste Helfer und mehrere Freiwillige, die hin und wieder aushelfen, etwa Spender, die sehen wollen, wo ihr Geld hinfließt oder Studenten. „Wir brauchen Verlässlichkeit von Ehrenamtlichen“, erklärt Troitsch. „Ein oder zwei feste Termine pro Monat wären schon eine große Stütze“.

Die Facebook-Aufrufe, die im Moment wieder durchs Netz geistern und dazu auffordern, den Kältebus zu alarmieren, wenn man nachts Obdachlose auf der Straße findet, machen Troitsch wütend. Oft seien falsche Nummern angegeben, und vor allem sei der Kältebus keine Akutnothilfe. Im Notfall müsse ein Rettungswagen her. Troitsch weiß nicht, „wie man die Verbreitung dieses Schwachsinns unterbinden kann“.

Ob ihn das Schicksal der Obdachlosen nicht manchmal mitnehme? „Nein“, antwortet Troitsch. „Wir helfen, so gut es eben geht.“ Letztendlich sei es die individuelle Entscheidung der Menschen, nicht ins Obdachlosenheim zu gehen. Das bestätigt Anna, die sich noch im Dezember professionelle Hilfe suchen will: „Das Angebot in München ist groß. Aber oft fällt es eben sehr schwer, alleine wieder aufzustehen“.

Hintergrundinformationen: Leben auf der Straße

Nach Schätzungen des Sozialreferats leben in München derzeit rund 550 Menschen auf der Straße. Wohnungslos sind nach einer aktuellen Statistik des Wohnungsamts jedoch mehr als 7000: Neben den Obdachlosen sind rund 5000 Menschen in Notquartieren, Beherbergungsbetrieben und Clearinghäusern untergebracht, weitere 300 in den Akuteinrichtungen der Verbände, etwa des Katholischen Männerfürsorgevereins oder des Evangelischen Hilfswerks. Hinzu kommen rund 1000 „Fehlbeleger“ und „Statuswechsler“ – anerkannte Flüchtlinge, die einen Aufenthaltsstatus erhalten haben, aber noch in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Damit hat sich die Zahl der Wohnungslosen in Müncheninnerhalb der letzten fünf Jahre nahezu verdoppelt. „Im Dezember 2011 wurden in München um die 3800 Wohnungslose registriert“, berichtet Sozialreferatssprecher Frank Boos. Den starken Anstieg dieser Zahl führt er unter anderem auf den enormen Zuzugnach München und die dadurch bedingte Verknappung bezahlbaren Wohnraums zurück. Ins Gewicht fallen auch anerkannte Asylbewerber, die einen Anspruch auf Unterbringung haben, wenn sie nicht selbst über Wohnraum verfügen.

Das Kälteschutzprogramm der Stadt, das zwischen November und April rund 1000 Betten zur Verfügung stellt, möchte Obdachlose von der Straße holen, damit niemand in den Kältemonaten Schaden nimmt oder gar erfriert. Für das Engagement der Ehrenamtlichen des „Münchner Kältebus e.V.“ bedankt sich das Sozialreferat ausdrücklich. Dennoch befürchte man, dass die Versorgung Obdachloser auf der Straße die Lebenssituation dieser Menschen verfestige. „Deswegen versuchen unsere Streetworker, die obdachlosen Frauen und Männer zu überzeugen, in einem Bett des städtischen Kälteschutzprogramms zu übernachten“, erklärt Boos.

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