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Das Schicksal von Cornelia K. soll Autofahrer mahnen.

Hier sprechen Angehörige von Unfallopfern

Raser tötete ihren Sohn auf dem Weg zu dessen Junggesellenabschied

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Durch eine emotionale Plakat-Offensive sollen Autofahrer den Fuß vom Gas nehmen. Zum Start der neuen Kampagne sprechen Angehörige von Unfallopfern in unserer Zeitung.

München - „Wird es wehtun?“, hat Markus K. seinen Freund noch scherzhaft gefragt, bevor er auf dem Beifahrersitz eines Porsche Platz nahm. Der Münchner (33) machte sich vor zwei Jahren auf den Weg zu seinem eigenen Junggesellenabschied. 16 Freunde warteten – doch Markus K. kam nie an. Er starb auf der Autobahn. Der Sportwagen zerschellte an einer Betonmauer. Sein Freund saß am Steuer und verlor auf nasser Fahrbahn die Kontrolle – die Tachonadel blieb bei 200 Stundenkilometern stehen. „Man weiß, dass Markus nie wieder nach Hause kommen wird, dass man nie wieder seine Stimme hören wird“, sagt Mutter Cornelia. „Aber es bleibt unfassbar.“

Jährlich sterben über 3000 Menschen bei Verkehrsunfällen auf Deutschlands Straßen. Die Gründe: überhöhte Geschwindigkeit, Ablenkung, zu wenig Abstand. Eine emotionale Plakat-Offensive soll Autofahrer jetzt vor den Gefahren im Straßenverkehr warnen. Kernbotschaft: Ein Unfall kann nicht nur das Leben eines Einzelnen, sondern auch das von Angehörigen und Freunden zerstören. „Runter vom Gas“ heißt die Aktion des Verkehrsministeriums. An 700 Stellen auf deutschen Autobahnen werden die Plakate aufgestellt.

„Dieser Schmerz, diese Trauer – sie hätte uns fast zerrissen“

Im Mittelpunkt stehen trauernde Angehörige wie Cornelia K. „Es waren immer die anderen, aber plötzlich waren wir es, die betroffen waren“, sagt die 61-Jährige. „Es hat so weite Kreise gezogen. Dieser Schmerz, diese Trauer – sie hätte uns fast zerrissen.“ Markus ist eines von fünf Kindern. Sein Tod hat auch die Geschwister schwer mitgenommen. Hass empfindet die Mutter nicht. Was sie verspürt, ist Mitleid. Wie man damit weiterlebt, dass man den Freund in den Tod gefahren hat, ist eine Frage, die sich Cornelia K. oft stellt. „Er soll wissen, dass wir ihm keine Vorwürfe machen“, sagt sie wohlwissend, dass „der Unfall hätte verhindert werden können.“

Wäre sein Freund langsamer gefahren – Markus hätte seinen Junggesellenabschied gefeiert, vier Wochen später geheiratet und miterlebt, wie sein kleines Kind aufwächst. Cornelia K. weiß wie es sich anfühlt, wenn Angehörige durch Unfälle aus dem Leben gerissen werden. Ihre Bitte: „Fahren Sie langsamer, bewusster und überschätzen Sie sich nicht!“

Der Motorrad-Horror: Aus der Polizeiakte geht hervor, dass Tils Bruder Morten noch versucht hatte, sein Motorrad abzufangen – doch es war zu spät. Morten war viel zu schnell, er stieß mit dem Vorderreifen gegen eine Bordsteinkante und prallte danach mit dem Kopf gegen einen Baum. Er war sofort tot. Bruder Til: „Hätte er sein Adrenalin nur anders abgebaut!“

Sie wollte sterben: Katharina K. verlor ihren Ehemann, ihren Bruder und ihren dreijährigen Sohn. Alle drei saßen in einem Auto auf dem Weg zu einem Ausflug. Mutter Katharina war mit ihren Zwillingstöchtern zu Hause. „Der Polizist konnte mir nicht in die Augen sehen“, erinnert sie sich an den Moment, als sie die Schocknachricht erreichte. „Ich wollte nur noch sterben.“

Tödliche Ablenkung: „Zwei Sekunden Ablenkung haben ausgereicht, um sein Leben zu zerstören“, sagt Thomas H. Er ist Polizist und hat in seinem Berufsleben schon viel erlebt. Einen Unfall aber kann der Beamte nicht vergessen: Ein junger Mann raste frontal in einen 40-Tonner, hatte keine Überlebenschance. Auf dem Handybildschirm des Toten war noch zu lesen: „Hallo…“

Die schwere Aufgabe der Retter

Auch an Rettungskräften gehen Unfälle nicht spurlos vorbei. „Schlimm wird es, wenn es Parallelen zum eigenen Leben gibt“, sagt Dietmar Gehr. Vor allem, wenn Kinder unter den Opfern sind, könne man die Bilder kaum verdrängen. Der 48-Jährige ist Pilot bei der Münchner Luftrettung. Sein Hubschrauber ist eine fliegende Intensivstation. Notärzte wie Dr. Andreas Bayer halten Menschen nach Unfällen am Leben. Er sagt: „Wir können mit diesen Bildern anders umgehen, weil wir die Opfer nicht kennen.“

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