Der Kampf der Kinosaurier

München - Erst das Tivoli, jetzt das Filmcasino - droht eine neue Welle des Kinosterbens in München? Fest steht: Die Stadt ist ein außergewöhnliches Pflaster für Lichtspielhäuser, ein Filmbiotop mit eigenen Gesetzen. Doch genau die ändern sich allmählich.

Was hat der Kinosaurier nicht schon alles überlebt: Die Erfindung des Fernsehers, die Videokassette, DVD und Internet-Piraterie, zwei Weltkriege und sogar Filme von Michael Bay. Respekt.

Allen Untergangs-Prophezeiungen zum Trotz: Das Kino lebt. Bis zum heutigen Tag halten sich zahlreiche Traditionshäuser in München, die noch aus der Frühzeit der Kinematographie stammen: Das Neue Gabriel macht seit 1906 Geschäfte, die Museum-Lichtspiele eröffneten 1910, das Filmtheater Sendlinger Tor 1913. Im Atlantis, Cinema, Rottmann und Royal flimmert die Leinwand seit den 50er-Jahren. Die Liste der Überlebenden ist lang - doch die der Ausgestorbenen ist länger.

In der Blütezeit des Kinos, den 50er-Jahren, gab es stolze 130 Filmsäle in der Stadt. Der Durchschnittsbürger kaufte 22 Karten pro Jahr. Heute sind es nur noch läppische 3,5. Im Juli schrumpft die Zahl der Säle auf 79, denn das ehrwürdige Filmcasino am Odeonsplatz wird den Projektor ausknipsen. Bereits im Januar fiel der Vorhang im Tivoli. Drohen die Kinosaurier auszusterben?

Die einhellige Experten-Prognose lautet: Nein. „München ist eine Filmstadt“, sagt Dunja Bialas vom Filmmagazin Artechock. „Das Publikum hat ein Bewusstsein für Qualität.“ Viele würden „ihrem Hauskino“ vertrauen und treu bleiben. Man ist Cineast aus Tradition. Denn die Münchner waren schon immer filmversessen und kinosüchtig - aber auch wählerisch, behauptet Monika Lerch-Stumpf in ihrem Buch „Neue Paradiese für Kinosüchtige“. Multiplexe, riesige Tempel der Zerstreuung, hatten hier lange keine Chance. Spät, erst 1993, eröffnete das MaxX am Isartor - mit Folgen für die Konkurrenz.

Ein Jahr nach der Eröffnung saugte der CinemaxX-Bau 20 Prozent der Zuschauer von den Innenstadtkinos ab, so Lerch-Stumpf. Ein noch gewaltigeres Mega-Kino eröffnete 2003: das Mathäser. Mit 4283 Plätzen ist es aktuell das drittgrößte Kino der Republik - und es war der Todesstoß für die Karlsplatz-Kinos. Weitere Häuser, wie das Marmorhaus, sollten in die Pleite folgen. „Wenn es das Mathäser nicht gäbe, hätte es auch das Kinosterben der vergangenen Jahre nicht gegeben“, glaubt Holger Trapp von den City Kinos.

Die ganze Schuld den Multiplexen in die Schuhe zu schieben, ist aber zu einfach. Das weiß auch Trapp. Die neuen Paläste befreiten die Branche von ihrem Schmuddel-Image, argumentiert Lerch-Stumpf. Um konkurrieren zu können, seien die traditionellen Kinos gezwungen, ihre Technik anzupassen, die Säle zu renovieren und den Service zu verbessern. „Davon profitieren letztlich alle.“

Wirklich alle? Die Umrüstung eines Kinos auf digitalen Hollywood-Standard kostet zwischen 70 000 und 110 000 Euro pro Saal, sagt Thomas Wilhelm vom Cincinnati Kino. Etwa ein Drittel der Kinos in Deutschland hätten bereits umgesattelt. Ein weiteres Drittel werde nachziehen - und das letzte Drittel drohe zu verschwinden. „Viele werden die Umstellung nicht schaffen, unrentable Häuser sind damit erledigt“, sagt Wilhelm.

Er und Trapp sind sich einig: Die Zeiten werden härter. Ein Grund dafür: Die Großen nehmen ihnen die Nischen weg. Zu Beginn habe das Mathäser nur auf Popcorn-Kino gesetzt. Das ficht ein spezialisiertes Programmkino nicht an. Heute zeigen die Multiplexe zunehmend auch anspruchsvolle Filme. „Es gibt keine Nischen mehr“, klagt Wilhelm. „Jeder stürzt sich auf alles, was sich verkaufen lässt.“

„Vor eineinhalb Jahren wollte ich dicht machen“, sagt Wilhelm. Doch dann kam der 3-D-Streifen Avatar. Wilhelm nahm viel Geld in die Hand und hievte das Cincinnati auf Hollywood-Standard. Es war ein Risiko. Und es hat sich gelohnt. Über elf Millionen Deutsche zog es ins Kino. Auch das Cincinnati war rappelvoll - und damit gerettet. Die Digitalisierung sei ein „Jahrtausendwechsel“. Es gibt keinen Weg zurück. Für manche ist es das Ende. „Für uns ist es ein ganz neues Leben.“

Der Mainstream rettete das Cincinnati. Andere setzen auf Tradition. Seit 30 Jahren zeigen die Museum Lichtspiele jeden Samstag die Rocky Horror Picture Show in einem Saal mit 68 blutroten Sesseln. So sieht sie aus, die Antithese zum modernen Hochglanz-Blockbuster. Die Kino-Nische.

Thomas Schmidt

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