„Es kann jemand 50 und naiv sein“

München - Sebastian Weisenburger (30) und Katharina Schulze (27) haben sich schon entschieden: Sie wollen im Mai wiedergewählt werden und weiter Münchens junge Grünen-Chefs bleiben. Uns erklären sie, was Jungpolitiker und Bayern-Spieler gemeinsam haben, warum CSU-OB-Kandidat Josef Schmid niemals ein Grüner wird und was in der Öko-Partei besser werden muss.

-Frau Schulze, 2012 haben Sie die Startbahn gekippt und Ihre Landtagskandidatur eingetütet. Für Sie kann das neue Jahr kaum besser werden, oder?

Schulze: 2012 war ein gutes Jahr, auch politisch für uns Grüne. 2013 müssen wir gleich wieder loslegen. Es ist eine große Herausforderung, bis zum 30. Januar hunderttausende Menschen für das Studiengebühren-Begehren in die Rathäuser zu bringen.

-Außerdem müssen die Grünen ein Programm für die Kommunalwahl 2014 schreiben. Wie viel Einfluss nehmen Sie darauf?

Schulze: (lacht) Keine Sorge, wir diktieren es nicht runter.

Weisenburger: Wir werden ein Programm zusammen mit unserer Partei erarbeiten. Dafür haben wir Tandems von Stadträten und Parteimitgliedern gebildet. Wir beide sind auch eingebunden. Ich will keine ewigen Kampfabstimmungen mehr über irgendwelche Halbsätze. Wir müssen effizienter sein als früher. Ende Februar soll ein Entwurf abgegeben werden.

-Und dann?

Weisenburger: Dann wird es eine Online-Beteiligungsphase geben. Und wir werden mit unseren Ideen auf viele Organisationen zugehen und fragen, was sie davon halten.

-Irgendetwas online posten - darf man bei den Münchner Grünen nicht mehr diskutieren wie früher? Bügelt der Vorstand das einfach weg?

Weisenburger: Es wird immer noch wahnsinnig gerne und lange debattiert. Und man kann sich ja weiter auf verschiedenen Ebenen beteiligen.

Schulze: Wir sammeln ja nicht Online-Kommentare und drücken dann löschen - sie werden eingearbeitet.

-Klingt nach Klein-Klein. Ihre vielen Neumitglieder dürften eher wegen Fukushima zur Partei gekommen sein, weniger wegen Bezirksausschuss-Arbeit. Sind die für Kommunalpolitik zu begeistern?

Weisenburger: Ich habe kürzlich ein Seminar organisiert zur Arbeit in Bezirksausschüssen. Das war überbucht! Wir mussten Leute auf das nächste Mal vertrösten.

-Sie selbst treten nicht mehr für den BA Untergiesing-Harlaching an. Ist Ihnen das eine Nummer zu klein geworden?

Weisenburger: Nein, das ist nicht der Punkt. Manchmal weiß ich einfach nicht mehr, wo hinten und vorne ist. Wenn mich meine Partei für den Stadtrat kandidieren lässt, werde ich das ernst nehmen. Wenn ich dazu noch Parteivorsitzender bin, dann bleibt leider keine Zeit mehr übrig.

-Es gibt wenige junge Politiker, die so schnell so weit gekommen sind.

Schulze: Bei den Grünen misst man Kompetenz nicht danach, wie lange jemand in der Partei oder wie alt man ist. Ich bin mit 25 Vorsitzende geworden. In der Partei war das kein Problem - eher bei irgendwelchen Veranstaltungen, wo man mich erst für die Praktikantin gehalten hat.

-Sie, Herr Weisenburger arbeiten für einen Bundestagsabgeordneten, Frau Schulze im Landtag. Sie hatten nie einen Job außerhalb des Politik-Betriebs. Was sagen Sie den Leuten, die Ihnen mangelnde Lebenserfahrung vorwerfen?

Weisenburger: Nehmen wir Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger. Erzählen Sie denen: Ihr habt ja das ganze Leben nur Fußball gespielt? Oder: Macht doch erst mal was Anständiges? Das Argument ist doch abwegig. Die wollten schon immer Fußball spielen, das war ihr Traum. Und wir wollen eben etwas verändern, Politik machen.

-Das Bild ist doch schief. Schweinsteiger entscheidet nicht über die Lebensrealität anderer Menschen.

Schulze: Trotzdem: Man ist nie zu jung für Politik.

-Wir fragten nach Erfahrung, nicht nach dem Alter.

Schulze: Wie definiert man Lebenserfahrung? Es kann jemand 50 und naiv sein. Und es kann jemand jung sein und sehr viel bewegt haben. Seit dem Abitur musste ich mir meinen Lebensunterhalt selbst finanzieren, habe mein ganzes Studium 20 Stunden die Woche gearbeitet - außerhalb des Politikbetriebs. Jetzt kandidiere ich für den Landtag und - wenn es klappt - dann schaue ich in fünf Jahren, wie es weiter geht. Man kann nicht immer jammern: In der Politik sind nur 50-jährige Männer - und dann uns vorwerfen, wir hätten nicht genug Lebenserfahrung. Ich kann mit 27 nicht zehn Jahre Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank gewesen sein.

Weisenburger: Wir brauchen auf der Partei-Liste eine gute Mischung. Nur 20-Jährige wäre eine Katastrophe, nur 70-Jährige auch. Es gibt nicht die eine Lebensrealität.

-So richtig gut durchmischt sind die Grünen im Stadtrat aber nicht.

Schulze: Okay, wir reden von der nächsten Liste.

Weisenburger: (lacht) Für die letzte sind wir nicht verantwortlich.

Schulze: Wir brauchen unterschiedliche Berufe, unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Altersstrukturen. Manche, die schon mal im Stadtrat waren, und andere, die neu reinkommen. Wir als Vorstand bestimmen die Liste nicht, aber eine gute Mischung ist unser Ziel.

-Müssen Stadträte um ihren Platz bangen, weil Sie alles auf den Kopf stellen?

Weisenburger: Das glaube ich nicht. Wir haben auch Leute, die von Haus aus aufhören.

-. . . andere bekommen städtische Posten . . .

Weisenburger: . . . und wir gehen davon aus, dass wir ein besseres Wahl-Ergebnis kriegen als die 13 Prozent vom letzten Mal.

-Geht Ihre OB-Kandidatin Sabine Nallinger als Außenseiterin in die Wahl?

Schulze: David gewinnt auch mal gegen Goliath.

Weisenburger: So drastisch würde ich das nicht sehen. Wir sind nicht abgeschlagen. Dieter Reiter, Sabine Nallinger und Seppi Schmid haben alle eine Chance. Ich würde nicht mein komplettes Kapital auf eine Person verwetten, aber Sabine hat eine Chance. Eine gmahde Wiesn ist es aber natürlich nicht. Klar ist auch, dass sie unser grünes Listenergebnis übertrumpfen muss.

-Wir hören derzeit recht wenig von Frau Nallinger. Es gibt kaum öffentliche Vorstöße, im Stadtrat sprechen meist andere Grüne. Ist das ihr Wahlkampf-Plan?

Weisenburger: Sabines Strategieteam arbeitet gerade intensiv an der Kampagne.

-Gehören Sie dazu?

Weisenburger: Ja.

Schulze: Sabine ist unheimlich viel bei Verbänden und Initiativen unterwegs. Sie hat die volle Unterstützung der Partei. Zeitlich ist es natürlich nicht möglich, jeden Tag eine Idee aus dem Hut zu zaubern, aber sie ist sehr umtriebig.

-Heißt das, Sie sehen ein Defizit bei der inhaltlichen Arbeit?

Schulze: Nein. Das heißt nur, dass ich auf die Aufgabenverteilung der Fraktion als Parteivorsitzende keinen Einfluss habe.

-2008 holten die Grünen im Glockenbach und in Haidhausen fast 25 Prozent, hoch im Münchner Norden waren es nur sechs. Wird die Wahl für die Grünen in Feldmoching entschieden?

Weisenburger: Definitiv.

-Mit welchen Themen wollen Sie die ganz normalen Münchner erreichen?

Schulze: Bei dem Bürgerentscheid zur dritten Startbahn haben wir auch in diesen Vierteln gute Ergebnisse erzielt. Die Menschen beschäftigen sich auch dort mit den grünen Themen: In was für einer Stadt wollen wir leben? Wie wollen wir künftig wohnen?

Weisenburger: Daran wird die Zukunft dieser Stadt entschieden. Das Thema Mieten darf uns nicht entgleiten. Das geht alle in der Stadt an.

-Können Sie das als Grünen-Thema vermitteln?

Weisenburger: Ich sage: Die Oma Huber aus Giesing, die muss uns verstehen. Es soll nicht so rüberkommen, dass wir Akademiker-Politik für Akademiker machen. Das muss sich an unseren Inhalten zeigen, aber auch an unserer Sprache. Wenn wir wollen, dass die Leute vom Auto auf die U-Bahn umsteigen, müssen wir das einfach so sagen.

-Werden Nicht-Akademiker auf ihren Kandidatenlisten stehen?

Schulze: Wir wollen nicht nur eine Durchmischung beim Alter, sondern auch verschiedene Biographien.

-Am liebsten wollen Sie Rot-Grün im Rathaus fortsetzen. Aber schließen Sie Schwarz-Grün aus?

Schulze: Unsere Wunschkoalition ist Rot-Grün. Je mehr Leute grün wählen, desto besser können grüne Projekte umgesetzt werden. Bei der CSU gibt es ganz viele Leute - auch im Stadtrat - mit denen ich mir schwer vorstellen kann, zusammenzuarbeiten.

Weisenburger: Ausschließen würde ich das nicht. Schon aus Respekt vor den Wählern. Sie entscheiden, was nach der Wahl rechnerisch möglich ist.

- Ist der Grünen-Wähler nicht eher interessiert an klaren Aussagen, damit er weiß, welcher Koalition er zur Macht verhilft?

Weisenburger: Wenn der Wähler Grün wählt und dazu noch eine ausreichend starke SPD kommt, bekommt der Wähler Rot-Grün.

-Spricht man mit Grünen, hört man fast nie ein schlechtes Wort über den OB-Kandidaten der CSU. Ein Wahlkampf ist immer auch ein Wettbewerb der Personen. Wird der nicht schwierig, wenn Ihnen kein Argument einfällt, warum Josef Schmid nicht OB werden soll?

Schulze: Wenn die CSU in München an die Macht käme, wären viele rot-grüne Projekte, die auch über den Münchner Tellerrand hinausgehen, in Gefahr. Sozialprojekte, Frauenhäuser, der Ausbau des Radverkehrs - man sieht das nicht täglich, weil es unter Rot-Grün selbstverständlich ist. Ein Schwarzer hätte seine Partei im Nacken und würde anders entscheiden.

-Könnten Sie sich Herrn Schmid bei den Grünen vorstellen?

Weisenburger: (lacht) Nein. Nehmen Sie den Fall Mehmet. (abgeschobener Straftäter, der nach Bayern zurückkehren wollte, d. Red.) Wenn Seppi Schmid schon vor Ende der behördlichen Prüfung sagt: Den wollen wir auf keinen Fall! Da denke ich mir: Ist das noch liberal? Das ist doch Law-and-Order-Politik!

-Aktuell wächst die Sorge, Wohnungen in der Innenstadt könnten bald leichter in Büros umgewandelt werden. Befürchten Sie wohnraumfreie Zonen?

Schulze: Die Stadt sollte jede Maßnahme ergreifen, um solche Zonen zu verhindern.

Weisenburger: Man kann auch an der Feierbanane wohnen. Ich habe Angst vor der Entwicklung, dass die Leute sagen: Ich will das großstädtische München, aber gleichzeitig die Ruhe des Bayerischen Waldes. Das wird es nicht geben. Wenn Sie die Ruhe des Waldes wollen, dann müssen Sie in den Wald ziehen. Und neben einer Diskothek muss der Vermieter vielleicht auch mal mit dem Mietpreis runter.

-Im Freistaat prangern die Grünen schwarzen Filz an. Könnte nicht auch die Stadt nach Jahrzehnten Rot-Grün eine Auffrischung vertragen? Stichwort grüne Ämterschacherei . . .

Weisenburger: Das ist eine Frage, der wir uns stellen. Inhaltlich müssen wir so frisch bleiben, dass man nicht das Gefühl hat, die sind schon immer da. Wir müssen uns ständig erneuern.

-Und was ist mit der Ämterschacherei? Siegfried Benker? Boris Schwartz?

Weisenburger: Bei Siegfried Benker war es so, dass die Stelle beim Münchenstift zu besetzen war und er sich beworben hat. Der Aufsichtsrat hat ihn für den besten Kandidaten gehalten.

Schulze: Und der Aufsichtsrat hat keine rot-grüne Mehrheit!

Weisenburger: Bei Boris Schwartz muss man sagen: Das ist blöd gelaufen. Es tut mir sehr leid. Erstens für Boris, weil er ein sehr guter Kommunalreferent gewesen wäre. Und zweitens für uns, weil es so rüberkam, als hätten wir jemanden in eine Position heben wollen, auf die er rechtlich nicht darf. So etwas darf nie wieder passieren.

-Waren Sie in die Entscheidungen eingebunden?

Schulze: Als wir gewählt wurden, war da manches schon am Laufen. Uns beiden ist es wichtig, dass wir als Partei zeigen, dass die Grünen nicht nur aus Stadträten und dem dritten Bürgermeister Hep Monatzeder bestehen. Gleichzeitig wollten wir die Gräben zwischen Fraktion und Partei schließen.

Weisenburger: Wir sind eine Partei. Es soll nicht heißen: Die blöden im Rathaus! Die blöden in der Partei!

-Reichlich Ärger gibt es bei den städtischen Kliniken und dem Deutschen Theater. In beiden Fällen tragen Grüne die Verantwortung. Fühlen Sie sich von OB Ude im Stich gelassen?

Weisenburger: Ich unterstelle der SPD keine Absicht. Dass sie einen Grünen da hinsetzen, damit wir den Schwarzen Peter haben wenn es zum Krach kommt - das glaube ich nicht.

-Frau Schulze, Sie kandidieren in Milbertshofen für den Landtag, dem einzigen Wahlkreis in Bayern, den die SPD das letzte Mal holte. Sind Sie schuld, wenn ganz Bayern schwarz wird?

Schulze: Franz Maget tritt für die SPD ja nicht mehr an. Ich glaube nicht, dass seine Nachfolgerin das Direktmandat locker holen kann.

-Sie sind seit dem Wochenende mit Platz 5 auf der Oberbayern-Liste für den Landtag gut abgesichert und damit auf das Direktmandat nicht so sehr angewiesen. Wie wollen Sie die Wähler gewinnen?

Schulze: Ich bin ein Kampagnenmensch. Ich habe zwar nicht viel Geld für den Wahlkampf, aber Ideen und Leute, die mir helfen. Wir werden kreative, auffällige Aktionen starten.

Zusammengefasst von Felix Müller und Thomas Schmidt

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