Cem Karakaya macht Jagd auf Kriminelle im Internet.

Interview mit einem Experten

So schützen Sie sich vor Betrügern im Internet

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München - Cem Karakaya ist Experte für Internetkriminalität bei der Münchner Polizei. Er jagt Betrüger im Internet. Hier gibt er Tipps, wie sich Nutzer vor Verbrechern schützen können.

Am Telefon stellt sich Cem Karakaya als der „gutaussehende Türke von der Polizei“ vor. Der 41-Jährige scherzt gerne und schont dabei auch sich selbst nicht. Vermutlich könnte er auch als Alleinunterhalter Geld verdienen. Die Themen, über die Karakaya beruflich spricht, sind allerdings etwas ernster. Sein Spezialgebiet sind Gefahren im Internet und die Maschen von Betrügern. Ein Gespräch über Ganoven in der virtuellen Welt – und darüber, wie wir ihnen am besten entkommen.

Herr Karakaya, haben wir überhaupt eine Chance, uns vor den immer neuen Maschen der Kriminellen zu schützen?

Selbstverständlich. Ganz wichtig ist ein gesunder Menschenverstand. Das größte Risiko sitzt immer 50 Zentimeter vor dem Computer. Ich nenne es menschliche Firewall, die jeder haben sollte. Nur leider hat diese viele, viele Löcher. Und es gibt kein Update dafür.

Das heißt, wir sind selbst Schuld, wenn wir Opfer eines Internet-Betrügers werden?

Zum Teil. Wenn jemand glaubt, er bekommt auf irgendeiner Internetseite einen riesigen, neuen 3D-Fernseher für 60 Euro, tut mir leid, dann ist er zum Teil selbst Schuld. Bei solchen Schnäppchen sollte man sofort misstrauisch werden.

Eine menschliche Firewall alleine reicht aber wohl nicht immer aus . . .

Wichtig ist natürlich auch ein sicheres Betriebssystem. Virenschutz und alle Programme müssen ständig aktualisiert werden. Und es sollten nur originale Betriebssysteme benutzt werden, keine Kopien.

Das heißt, ich muss in Sicherheit im Netz immer Zeit und Geld investieren.

Richtig. Aber es kann mir keiner erzählen, er hätte keine Zeit dafür. Viele von uns benutzen Laptop und Handy den ganzen Tag.Wenn ich pro Woche eine Stunde weniger fernsehe, habe ich schon Zeit dafür gewonnen. Und kümmern Sie sich um ihre eigene Sicherheit, zum Beispiel mit sogenannten Internet-Sicherheitspaketen. Damit können Sie bis zu fünf Geräte schützen, auch das Smartphone. Das Sicherheitspaket muss man unbedingt installieren. Bei Handys mit Android-Betriebssystem sowieso, das ist noch mehr von Angriffen betroffen als Apple.

Wie sieht es mit der Hardware aus?

Auch Hardware, zum Beispiel der Drucker, muss dem aktuellen Sicherheitsstandard entsprechen und aktualisiert werden. Sonst können Kriminelle über den Drucker ins System kommen und die Kontrolle übernehmen.

Wo bekommen Computernutzer Hilfe, die sich technisch nicht auskennen?

Dort, wo die größte Gefahr lauert, findet man auch die größte Hilfe: Im Internet. Zum Beispiel auf der Seite www.bsi-fuer-buerger.de findet man wertvolle Tipps. Außerdem sollte man die Betriebsanleitungen der Geräte aufmerksam lesen. Aber seien Sie bei Telefonanrufern vorsichtig, die mit seriöser Stimme ihre Hilfe anbieten.

Sind Betrüger unterwegs, die das machen?

Genau. Zurzeit geben sich Kriminelle als Mitarbeiter von Microsoft aus und warnen vor Viren oder Trojanern. Sie bieten ihre Hilfe an. Wer ihren Anweisungen am PC folgt, installiert sich aber erst einen Virus und ermöglicht Fremden somit, die Kontrolle über den eigenen Computer zu übernehmen. Generell gilt: Öffnen Sie niemals einen dubiosen Link von einem E-Mail-Absender, den Sie nicht kennen.

Was tun, wenn man einen dubiosen Anruf erhält?

Dem Anrufer sagen, dass man sich an seinen eigenen PC-Spezialisten wendet. Und auflegen. Hilfe gibt’s immer bei der Verbraucherzentrale (www.verbraucherzentrale-bayern.de). Auf dieser Seite im Internet findet man auch aktuelle Betrugsmaschen.

Sind Sie selbst schon einmal von Betrügern abgezockt worden?

Nein. Mir ist zum Glück noch nie etwas passiert.

Sind ältere Menschen besonders gefährdet, auf Betrüger im Internet hereinzufallen?

Möglicherweise. Viele Senioren sind gutgläubiger als jüngere Menschen. Oft bekommen sie E-Mails, die täuschend echt ausschauen. In diesen E-Mails wird entweder Geld gefordert oder es soll ein Anhang geöffnet werden, mit dem ein Virus auf dem Rechner installiert wird.

Welche Betrugsmasche ist bei Internet-Kriminellen gerade angesagt?

Gewinnspiele. Seriös wirkende Anbieter locken mit Autos, Reisen oder Geld. Die überwiegende Zahl dieser Spiele dient vor allem dem Zweck, Adressen zu sammeln. Diese werden dann für viel Geld weiterverkauft.

Kann sich dann jeder diese Adressen kaufen?

Ja. Es gibt sieben Firmen in Deutschland, die legal Daten weiterverkaufen. Persönliche Daten eines Menschen haben einen Wert von 30 Euro. Jeder kann sich zum Beispiel für 160 Euro Frauen ab 60 Jahren in einer bestimmten Straße kaufen.

Was sollten Internet-Nutzer grundsätzlich beachten?

Niemals am Telefon persönliche Daten preisgeben. Auch nicht, wenn Anrufer behaupten, sie seien von der Polizei. Die Polizei schreibt einen Brief, wenn sie etwas will. Seriöse Firmen verlangen keine persönlichen Daten per Telefon oder E-Mail. Gerade ältere Leute lassen sich davon täuschen, wenn ein Anrufer mit Autorität, zum Beispiel als – wie kürzlich – falscher Kriminalkommissar, Druck macht. Viele Betrüger klingen ja auch sehr vertrauenswürdig. Davon nicht einschüchtern lassen.

Ist die Dunkelziffer bei Opfern von Internet-Kriminellen hoch?

Ja. Sowohl bei Privatpersonen als auch bei Firmen. Vielen Menschen ist es unangenehm. Und Firmen geben es nicht bekannt, wenn sie gehackt worden sind, weil sie Angst haben, ihr Gesicht zu verlieren. Opfer sollten aber immer Anzeige erstatten.

Ist es schwieriger, im Internet Betrüger zu schnappen?

Es ist leider nicht so leicht. Kriminelle verschleiern oft ihre IP-Adresse.

Was halten Sie davon, im Internet mit Kredikarte zu bezahlen?

Wenn der PC sicher ist, ist es in der Regel sicher. Ich persönlich nutze eine Visacard von der Tankstelle. Sie hat ein Limit von 500 Euro. Dann habe ich maximal einen Schaden von 500 Euro, wenn wirklich jemand damit zahlt. Viele Kreditkarten haben kein Limit. Dann können Betrüger unbegrenzt viel abheben. Mein Tipp: Setzen Sie eine Grenze für Ihre Kreditkarte.

Was sagen Sie zu Online-Banking?

Wichtig dabei ist: Regelmäßig überprüfen, ob man alle Kontobewegungen nachvollziehen kann. Wenn nicht: Oft kann man es rückgängig machen, wenn Kriminelle vom Konto etwas abgebucht haben. Wenn man nur ein Mal im Monat die Kontoauszüge überprüft, ist es vielleicht zu spät. Zudem empfehle ich einen TAN-Generator. Mit dem manipulationssicheren Gerät erzeugen Sie Ihre TAN selbst. Die Übermittlung per Smartphone kann man zwar auch machen. Wenn das Handy gehackt worden ist, haben Betrüger aber die Möglichkeit, das Handy zu klonen und die TAN abzugreifen.

Wie sollen sich Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten, die häufig im Internet unterwegs sind?

Das Problem der jetzigen Erwachsenen ist, dass sie nicht mit dem Internet aufgewachsen sind. Es ist die erste Generation, die dem Nachwuchs etwas beibringen soll, was sie selbst als Kind nicht erlebt hat. Eltern müssen ihre Kinder unbedingt begleiten. Sie müssen sich die Zeit nehmen und sich schlau machen. Dann können sie ihre Kinder auch schützen. Eine wichtige Seite im Internet dazu ist „klicksafe.de“. Kinder lernen dort spielerisch Medienkompetenz.

Müsste das Thema „Gefahren im Internet“ nicht auch in der Schule einen größeren Stellenwert bekommen?

Natürlich! Medienkompetenz gehört unbedingt zum Lehrplan. Manchmal ist es im IT-Unterricht Thema. In der Türkei steht seit drei Jahren Medienkompetenz im Lehrplan. Die Kinder müssen dort auch Prüfungen schreiben. Das finde ich gut.

Kinder werden heute häufig auch Opfer von Cybermobbing.

Früher gab es auch Mobbing in der Schule. Aber wenn das Kind zu Hause war, hat das aufgehört. Jetzt hört es zu Hause nicht mehr auf. Kinder werden per E-Mail und in den sozialen Medien weiter gemobbt. Oft haben Eltern Angst, dass das Kind entführt oder sexuell missbraucht wird. Das ist natürlich furchtbar, passiert aber, wenn überhaupt, zwei bis drei Mal im Jahr in ganz Deutschland. Es gibt aber leider viele Kinder und Jugendliche, die täglich im Internet gemobbt werden und das Ganze nicht verarbeiten können. Etwa 800 Kinder und Jugendliche bringen sich jedes Jahr in Deutschland um. Wegen fehlender Kommunikation und mangelndem Vertrauen. Ich glaube, da sollte man sich Gedanken machen. Eltern müssen wissen, dass Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen die größte Prävention überhaupt ist.

Wie ermutigen Eltern Ihre Kinder, mit Ihnen über so etwas zu sprechen?

Kindern sollte auf keinen Fall die Angst vermittelt werden, dass ihnen der Computer weggenommen wird. Sie sollten angstfrei mit ihren Eltern über das sprechen, was sie im Internet erleben. Auch wenn ein Kind beim Chatten ein komisches Bauchgefühl hat, sollte es die Möglichkeit haben, zu Mutter und Vater zu gehen. Eltern verteufeln das Internet und die neuen Möglichkeiten manchmal, obwohl sie es nie getestet haben. Das kommt bei Kindern gar nicht gut an.

Wie gehen Sie mit Ihrer Tochter und dem Internet um?

Meine Tochter ist erst vier. Meine Frau und ich sagen, von vorneherein etwas verbieten, bringt gar nichts. Ich habe zum Beispiel ein Tablet gekauft, wo man malen kann, und echte Stifte, mit denen man auf Papier zeichnen kann. Zugegeben, ein bisschen manipuliert habe ich sie schon, indem ich ihr deutlich gezeigt habe, dass ich viel mehr Spaß dabei habe, wenn ich mit echten Stiften male. Seitdem will sie nur noch mit echten Stiften malen (lacht).

Gibt es etwas, was für Kinder im Internet gar nicht erlaubt sein sollte?

Ich empfehle Smartphones erst ab 16 Jahren. Wissenschaftler sagen, dass sich bei Kindern bis zu zwölf Jahren das Gehirn am meisten entwickelt. Nutzt es häufig das Handy oder spielt Computerspiele, gewöhnen sich die Augenmuskeln an die schnellen Bewegungen und vielen Reize. Wenn dann die Zeit zum Lernen kommt, sagt das Gehirn ganz schnell: Mir ist langweilig. Es ist nur noch schnelle Reize gewohnt. Hundertprozentig kann das Gehirn erst mit 16 Jahren zwischen Virtualität und Realität unterscheiden.

Es gibt Menschen, die sagen: Von mir aus können alle mitlesen, was ich im Internet schreibe. Was sagen Sie dazu?

Hier kommt der Identitätsklau ins Spiel. Laut Statistik wird alle drei Sekunden eine Identität im Internet gestohlen. Kriminelle lassen sich mit persönlichen Daten von Fremden aus dem Internet gefälschte Ausweise oder Führerscheine anfertigen.

Was fehlt München im Kampf gegen Internetkriminalität?

Deutschland bräuchte eigentlich eine eigene Behörde dafür. Es ist sehr viel Personal nötig, um Kriminalität im Internet bekämpfen zu können.

Bereuen Sie es, aus der Türkei weggegangen zu sein?

Nein, München ist toll und eine wunderschöne Stadt.

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