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Grünen-Chefin hört auf

Katharina Schulze: auf dem Weg nach oben

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München - Idealistisch, jung - und durchaus auch mal für eine Provokation zu haben: Jahrelang war Katharina Schulze Vorsitzende der Münchner Grünen. Am Montag hört sie  auf. Das Ende ihrer politischen Karriere ist das nicht. Im Gegenteil.

Katharina Schulze ist mit dem Rad da. Sie sitzt auf einem dieser eigentlich viel zu kleinen Stühle, die angesagte Cafés auf den Bürgersteigen aneinanderreihen. Es ist Mai 2012, der Frühling kommt ins Glockenbachviertel. Und Katharina Schulze, 26, sagt forsch, sie male auch gerne ein Schildchen für die nächste Demo. „Aber ich will da sitzen, wo ich Gesetze kippen kann.“

Damals war Schulze die neue, junge Vorsitzende der Münchner Grünen. Voller Tatendrang und Idealismus, politisch vielleicht noch ein bisschen naiv. Montagabend tritt sie als Parteichefin ab. Und viele innerhalb wie außerhalb der Grünen glauben, dass vor Schulze, immer noch erst 29, eine große Karriere liegt.

Schulze ist eine Blitzstarterin gewesen – selbst für die Verhältnisse der Münchner Grünen, die von sich selbst glauben, ganz anders zu sein als die anderen Parteien. Erst als Studentin trat sie in die Partei ein, wurde Vorsitzende der Grünen Jugend, dann Parteichefin. Eigentlich ist das kein glamouröser Job. Man habe „den Terminkalender eines Managers zum Gehalt eines Praktikanten“, hat Schulzes ehemaliger Co-Vorsitzender Sebastian Weisenburger mal gesagt. Aber für Schulze lief ziemlich viel nach Plan.

Ein Grund für ihre steile Karriere war sicher, dass sie bereit ist, sehr sehr viel zu arbeiten. Das bestätigen alle, die sie gut kennen. Wichtiger aber dürfte noch gewesen sein, dass sie im richtigen Moment an der richtigen Stelle war. Schulze war Vorsitzende der Stadt-Grünen, als zwei Bürgerbegehren zu führen (und beide zu gewinnen) waren. Und sie war Vorsitzende der Grünen, als die nach Jahrzehnten an der Macht im Münchner Rathaus zurück in die Opposition mussten (und Schulze nach wochenlangen Verhandlungen am Vorhaben scheiterte, Rot-Grün zu retten). Die Bürgerentscheide machten ihr Gesicht bekannt.

Sowohl beim Kampf gegen die dritte Startbahn, als auch bei dem gegen Olympische Winterspiele – mit Abstrichen auch beim Volksbegehren gegen Studiengebühren – war ihr Gesicht überall auf den Podien und in den Fernsehstudios zu sehen. Die Kämpfe gegen Startbahn und Winterspiele hat sie überzeugt geführt. „Beides steht dafür, was falsch läuft in unserer Gesellschaft. Es geht immer nur um höher, schneller, weiter“, so sieht sie das.

Sie scheut sich nicht vor Provokationen

Aus der Riege der Münchner Nachwuchs-Politiker aber ragt Schulze wohl auch deshalb heraus, weil sie tatsächlich politische Überzeugungen hat. Und: sich auch vor Provokationen nicht scheut. Als sie im Dezember 2013 einen braunen Sack über das Denkmal für die Trümmerfrauen am Marstallplatz stülpte, fand sie das tatsächlich wichtig. Schulze sagte, sie wolle eine Diskussion anstoßen. Viele – auch innerhalb der Grünen – hatten keinerlei Verständnis für die Aktion, die als respektlos gegenüber der Kriegsgeneration wahrgenommen wurde. Aber Schulze hat es sicher nicht geschadet. „Wir sind eben keine angepasste Kraft der Mitte“, sagte sie damals bestimmt.

Da saß sie bereits im Landtag. Ganz knapp war ihr auch dieser Sprung gelungen. Besucht man Katharina Schulze heute im Maximilianeum, dann sieht man in der Landtags-Gaststätte eine junge Frau sitzen, die hier immer noch nicht so recht reinpasst . Es gibt Fotos von ihr, wie sie an einem Absperrgitter einer Neonazi-Demonstration zwei ausgestreckte Mittelfinger entgegenstreckt. Das würde sie sich heute wohl nicht mehr leisten.

Doch hier im Landtag stolzieren überall Männer umher, Krawatte, Kreuz durchgedrückt, Blick: Ich bin wichtig. Dazwischen sitzt Katharina Schulze, kaut gut gelaunt auf einer Brezn herum und redet wie eh und je so schnell, dass man kaum hinterher kommt. Sie hat immer noch die ehrliche Sprache einer jungen Frau, wirkt wie eine Studentin, die sich in der „AG Eine Welt“ an der Uni engagiert.

Aber sie hat sich Gedanken gemacht über den Umgang mit Journalisten, sagt, sie habe sich ein dickeres Fell zugelegt. „Ich möchte, dass die Leute sich für Politik interessieren“, sagt Schulze sehr ernst. Die Seehofer-Nachfolge-Debatte etwa nerve sie. „Haben die denn kein anderes Thema?“

Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, den Grünen-Vorsitz abzugeben, findet Schulze. Es ist noch lange hin bis zu den nächsten Wahlen. Und den Landtags-Job könne man auf Dauer nicht mit dem Vorsitz vereinen. In der Landtags-Fraktion übrigens sollen manche durchaus genervt sein von Schulze. Wenn es unangenehm werde, lache die Durchstarterin Probleme einfach weg, heißt es. Trotzdem gilt sie als Favoritin, wenn 2016 die neue Fraktionsspitze gewählt wird. Wenn man sie danach fragt, lacht sie tatsächlich nur. Und betont: „Also, ich klage auch jetzt ganz sicher nicht über zu wenig Arbeit.“

Ob sie jetzt eigentlich schon mal ein Gesetz gekippt hat, so, wie sie es sich einst vorstellte? Da schimpft Katharina Schulze auf die politische Kultur und darauf, dass die CSU einfach alles ablehne, wo „Grüne“ draufstehe. Aber Schildchen für die Demo, sagt sie, habe sie erst neulich gemalt. Man kann sich durchaus vorstellen, dass sie das noch sehr lange tun wird. Aber damit, dass sie keine Gesetze kippen kann, damit wird sich Katharina Schulze sicher nicht zufrieden geben.

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