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Das Ladengeschäft in der Münchner Innenstadt ist das Aushängeschild: 50.000 Produkte werden hier angeboten - mittendrin Geschäftsführerin Christin Lüdemann (li.) und Gesellschafterin Cornelia Schambeck.

Mittelstand in München

Vom Hoflieferanten zum Bürospezialisten

München - Vor mehr als 200 Jahren eröffnete die erste Büromaterialien-Handlung in München. Ende des 19. Jahrhunderts stieg das Familienunternehmen zum königlich-bayerischen Hoflieferanten auf. Heute setzt Kaut-Bullinger mit Büro-Bedarf jährlich Millionen um.

Mit dem Verkauf von großen Journalen, Bleistiften und Pulten hat die Erfolgsgeschichte der ersten Büromaterialien-Handlung in München begonnen. Vor über 200 Jahren eröffneten die Geschäftsräume in der Kaufingergasse 10. Wenn man heute das Ladengeschäft von Kaut-Bullinger, das mittlerweile in der Rosenstraße 8 liegt, betritt, findet man auf 2000 Quadratmetern in fünf Etagen über 50 000 Produkte rund ums Büro. „Das ist heute alles schon ein bisschen vielfältiger. Wir haben hier das umsatzstärkste Schreibwarengeschäft in Deutschland“, sagt Christin Lüdemann stolz. Sie ist Geschäftsführerin der Kaut-Bullinger Einzelhandel GmbH. In der Gesellschaft sind 13 Ladengeschäfte vereint. Elf davon in ganz Bayern – zwei weitere neuerdings auch in Kassel und Bad Hersfeld.

Die Außendienst-Flotte von Kaut-Bullinger aufgereiht vor der Glyptothek.

Die Ladengeschäfte tragen allerdings nur noch knapp ein Sechstel zum Jahresumsatz der Unternehmensgruppe von etwa 113 Millionen Euro im vergangenen Jahr bei. Den Großteil des Geldes verdient die seit den Anfangstagen in Familienhand befindliche Firma inzwischen im Bereich des gewerblichen Bürobedarfs. Im sogenannten E-Commerce übers Internet ist Kaut-Bullinger mit Büromaterial aktiv. Das Büro-Systemhaus bietet mit Bürotechnik, Büromöbeln, Zeichentechnik und „Large Format Printing“ eine Vielzahl Produkte – doch das leuchtende Schaufenster bleibt das Ladengeschäft in der Münchner Innenstadt.

Das gilt auch in Zeiten, in denen immer mehr Einzelhändler wegen sinkender Kundenzahlen in den Innenstädten mit Problemen zu kämpfen haben. „Wer sind die Leuchttürme in der Münchner Innenstadt? Es sind die vielen familiengeführten Geschäfte, die es nur hier gibt. Sie machen München einzigartig“, meint Cornelia Schambeck selbstbewusst. Sie ist eine der fünf Gesellschafter des Familienunternehmens und schöpft aus der Tradition Ideen, wie man auch in Zukunft bestehen kann. „1894 sind wir königlich-bayerischer Hoflieferant geworden“, erzählt sie. Bereits damals habe es 125 Marktteilnehmer gegeben.

Gleich beim Reinkommen in das Geschäft an der Rosenstraße wird man von Auslagen mit bekannten Marken wie Graf von Faber-Castell, Mont Blanc oder Gmund empfangen. Das von einem Familienunternehmen am Tegernsee gefertigte Gmund-Briefpapier gibt es nur in drei Läden in Deutschland zu kaufen. Berühmt ist es durch die Oscar-Preisverleihung: Die goldenen Umschläge, in denen die Namen der Preisträger stecken, kommen von dort. „In den Tagen nach der Oscar-Verleihung kommen immer reihenweise Kunden, die dieses außergewöhnliche Papier für besondere Anlässe wie Hochzeiten verwenden wollen“, erzählt Christin Lüdemann. Das Familienunternehmen ist auch beim internationalen Publikum eine gefragte Adresse. Arabische Kunden erwerben zum Beispiel gern vergoldete Schreibgeräte, die auch schon mal über 10 000 Euro kosten. Andere wiederum lassen sich Stempel anfertigen, Arbeiten binden oder sie kaufen sich Farbbänder für ihre alten Schreibmaschinen, die es sonst nirgendwo mehr gibt.

So findet man zum Beispiel auch Taschen, die aus gebrauchten Fahrradschläuchen (für Frauen) oder ausgemusterten Feuerwehrschläuchen hergestellt wurden. Im Künstlerbereich kann man Farben aller Couleur genauso erwerben wie Zentangle-Ausmalbilder für Erwachsene und Kinder oder Edding-Sprühdosen, mit denen man Möbel oder Fahrräder verschönern kann. Bastler finden hier genauso alles Notwendige wie die Eltern von Schulkindern.

Kaut-Bullinger im Jahr 1938: Bis ins 20. Jahrhundert lagen die Geschäftsräume in der Kaufingergasse 10.

Das Sortiment ist gewachsen in den vergangenen 200 Jahren. Andreas Kaut, der 1794 die Firmengeschichte startete, war ein Verkaufstalent. Er gründete 1805 die erste Büromaterialien-Handlung in München. Max Bullinger war Papiergroßhändler. Er eröffnete 1890 einen Papiergroßhandel an der Residenzstraße. Ende des 19. Jahrhunderts taten sich die beiden zusammen. 1927 fusionierten die Firmen schließlich zu Kaut-Bullinger & Co. Wenig später trat Heinz Egerer in die Firma ein, sein Sohn Rudolf prägte das Unternehmen danach über 50 Jahre. Seine beiden Kinder regelten die Nachfolge vorausschauend und übertrugen die Firma 2012 an die fünf Enkel.

„Wir sehen uns als große Familie. Unsere Angestellten kennen wir beim Namen, sie sind keine Nummern“, sagt Cornelia Schambeck. Auch das gehörte für Kaut-Bullinger zur Tradition.

Lars Becker

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