Die Ludwig-Maximilians-Universität erforscht derzeit im Auftrag der Stadt deren Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus.

Wem keine Ehre gebührt

München - Seit Jahren wird in München über den Umgang mit historisch belasteten Straßennamen diskutiert. Auch die Debatte um Adressen mit kolonialer Vergangenheit geht weiter. Ein Überblick.

War Hans Meiser, evangelischer Landesbischof von 1933 bis 1955 ein Heiliger oder ein Antisemit? Dazu äußerte sich das Bayerische Verwaltungsgericht nicht. Aber es entschied im März 2010 - nach erbitterter Debatte um die Vergangenheit Hans Meisers - dass die von der Stadt München beschlossene Umbenennung der Meiserstraße in Katharina-von-Bora-Straße rechtmäßig ist.

Eine Straße nach einer Person zu benennen, ist ein Zeichen der Ehre durch die Kommune. Doch viele der mehr als 6000 Münchner Straßen tragen die Namen von Menschen, die in der Geschichte eine umstrittene Rolle gespielt haben - in der Nazi-Zeit oder als Kolonialisten im Kaiserreich. Seit Jahren wird in München immer wieder über die Ehrung zweifelhafter historischer Persönlichkeiten durch Straßennamen gestritten - und darüber, ob die Straßen umbenannt werden sollen.

Sechs Jahre lang währte allein die heftig und kontrovers geführte Diskussion um das „Kolonialviertel“, eine Ansammlung von Straßen in Trudering und Bogenhausen. Heute ist die deutsche Kolonialgeschichte in Südwestafrika ein düsteres Kapitel im Geschichtsbuch. Die Straßen waren nach der nationalsozialistischen Machtergreifung auf Wunsch der „Kriegerschaft Deutscher Kolonialtruppen“ umbenannt worden.

2003 starteten die Grünen eine „Entkolonialisierungs- Initiative“. Sie führte dazu, dass die Von-Trotha-Straße Ende 2007 in Hererostraße umbenannt wurde. Lothar von Trotha wird für einen Völkermord an 80 000 Herero verantwortlich gemacht. Nun trägt die Straße den Namen des Volksstammes, der Opfer geworden war.

Widerstand gegen die „Entkolonialisierung“ regte sich in der CSU. Die Befassung mit dem Thema sei völlig unnötig, protestierte Stadtrat Hans Podiuk - und nannte die Debatte einen „ideologischen Schaufensterkampf“. Die Benennung von Straßen müsse immer aus der Zeit heraus gesehen werden. Lege man heutige Maßstäbe an, müssten zahllose Straßennamen geändert werden, denn viele Namensgeber erfüllten nicht die Anforderungen des 21. Jahrhunderts.

2009 beschloss der Stadtrat dann, in 28 weiteren Truderinger und Bogenhauser Straßen, deren Namen mit der unrühmlichen kolonialen Vergangenheit in Afrika verbunden sind, Erläuterungstafeln anzubringen. Auf ihnen wird erklärt, welche Geschichte hinter dem Straßennamen steckt. Das Thema schien vom Tisch.

Doch nicht nur in München, auch in vielen anderen deutschen Städten - etwa in Berlin, Essen und Münster - gab und gibt es seit Jahren Konflikte um die rechte Erinnerung. Wenn Straßen umbenannt werden sollen, geht das oftmals auf Geschichtsinitiativen zurück, die seit den 1980er-Jahren entstanden sind und wissen wollen, wer in ihrer Stadt was während des Dritten Reichs getan hat.

Einer solchen Initiative, dem Verein „Geschichtswerkstatt Neuhausen“, gehört auch Franz Schröther an. Der Vereinsvorsitzende weist auf eine weitere Münchner Straße hin, die für politisch nicht vertretbar gehalten wird: die Hilblestraße. Sie ist benannt nach Friedrich Hilble, der bis 1937 das städtische Wohlfahrtsamt leitete. Sein Verdienst laut offizieller Begründung: Er sei „ein verdienter Leiter des städtischen Wohlfahrts- und Jugendamtes“ gewesen und „auf seine Initiative hin wurde das Altenheim St. Joseph gebaut“. Doch auch Hilble wird Antisemitismus vorgeworfen - und die willfährige Vollstreckung von Nazi-Gesetzen, ein bislang unterbelichtetes Thema der Stadtgeschichte.

Vor Kurzem hat der „Verein Geschichtswerkstatt Neuhausen“ das Buch „Von der ,Aiblingerstraße‘ bis ,Zum Künstlerhof‘“ herausgegeben, in dem sämtliche Straßennamen im Münchner Stadtteil Neuhausen-Nymphenburg erläutert werden. Zur Hilblestraße, die es erst seit 1956 gibt, heißt es darin: „Rund zehn Jahre nach der NS-Herrschaft eine Straße nach einem Mann zu benennen, der das System der Nazis und damit den verordneten Antisemitismus stützte und diesen in die Tat umsetzte, ist eigentlich unverständlich.“ Hier sei die Stadt am Zuge, diesen „unhaltbaren Zustand“ zu ändern, fordert der Verein.

Die Forderung blieb nicht ungehört: Der Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg beantragte beim Stadtrat die Überprüfung der Namensgebung der Hilble-Straße.

In mehreren Veröffentlichungen wird inzwischen ein ganz anderes Bild von Hilble gezeichnet. So charakterisiert etwa die Autorin Claudia Brunner in ihrer Studie („Bettler, Schwindler, Psychopathen“) Hilble als „Musterbeispiel eines pflichtgetreuen peniblen deutschen Beamten“, dessen „Verdienste“ in der „unbarmherzigen Durchsetzung nationalsozialistischen Gedankenguts“ und der „uneingeschränkten Loyalität gegenüber einem unmenschlichen Regime“ bestanden.

Bald könnten sich Debatten um weitere Personen, nach denen Straßen benannt sind, entzünden, denn in München läuft ein groß angelegtes Forschungsprojekt: Seit 2010 wird an der Ludwig-Maximilians-Universität im Auftrag der Stadt die Rolle der Münchner Stadtverwaltung in der NS-Zeit untersucht. 15 Jahre lang soll geforscht werden. Zwei Studien sind bereits in Arbeit, in der einen geht es um die kommunale Gesundheitspolitik, in der anderen um die städtische Sozialverwaltung. Letztere soll im März 2013 abgeschlossen sein - und bereits jetzt ist klar, dass sie neue Erkenntnisse zu Hilble liefern wird.

Um den Ergebnissen nicht vorzugreifen, entschied der Kommunalausschuss im vergangenen Mai, erst die Ergebnisse der Studie anzuwarten, bevor sich die Verwaltung zur Namensgebung der Hilblestraße äußert.

Nun wird auch die Entkolonialisierungsdebatte neu aufgerollt: Im September forderte der Ausländerbeirat, alle Straßen in Trudering und Bogenhausen, die nach Kolonialherren oder Orten von Schlachten benannt sind, umzubenennen. Im Januar 2013 berät der Ältestenrat des Stadtrats über das Thema, im Februar könnte der Kommunalausschuss der Stadt München dann einmal mehr über die Swakopmunder-, Taku-Fort-, Von-Gravenreuth-, Dominik-, Beninngsen-, Lüderitzstraße und einige mehr entscheiden.

Dass heute auch an Neubenennungen vorsichtig herangegangen wird, zeigt ein Beispiel aus dem Bezirksausschuss Schwabing-Freimann. Im Viertel wird derzeit ein Name für das Neubaugebiet an der ehemaligen Funkkaserne gesucht. „Domagkpark“ lautet der allseits für gut befundene Vorschlag - doch BA-Chef Werner Lederer-Piloty (SPD) veranlasste kürzlich eine Anfrage bei der Stadtverwaltung: Sie solle überprüfen, ob Gerhard Domagk, nach dem auch die Domagkstraße benannt ist, „in seiner Zeit bei der IG Farben beispielsweise an Menschenversuchen des Nazi-Regimes beteiligt war“. Die Überprüfung läuft noch.

Caroline Wörmann und Rudolf Stumberger

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