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Sie helfen Flüchtlingen bei der Jobsuche: Kerstin Fillmann, Abdul Abboush und Franziska Fillmann (v.l.).

Projekt Jobchance

Jobvermittlung für Flüchtlinge: Starthilfe für den Arbeitsmarkt

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München - Die meisten Flüchtlinge haben ohne Hilfe keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Nicht einmal die mit Berufserfahrung oder Studium. Kerstin Fillmann will das ändern. Gemeinsam mit dem jungen Syrer Yazdan Ayo hat sie das Projekt „Jobchance“ gestartet. Erste Erfolge gibt es bereits.

Als Yazdan Ayo vor drei Jahren mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet ist, hat er nicht nur seine Heimat und seinen Besitz verloren – sondern auch ein Stück seiner Identität. In Syrien studierte er Jura. Als er in Bayern ankam und mit seiner Familie in eine Unterkunft in Dachau weitergeleitet wurde, war er nur noch Flüchtling. Der 22-Jährige glaubte damals fest daran, mit viel Fleiß und Ehrgeiz bald weiterstudieren und in Deutschland Anwalt werden zu können. Er lernte die Sprache und fand einen Praktikumsplatz in einer Kanzlei. Dort sind seine Hoffnungen innerhalb weniger Tage an der Realität zerplatzt. „Ich habe verstanden, dass ich hier keine Chance habe, Anwalt zu werden“, sagt Yazdan Ayo heute – in perfektem Deutsch.

So wie ihm geht es den meisten Flüchtlingen, die in ihren Heimatländern studiert oder viel Berufserfahrung gesammelt haben und in Deutschland nicht davon profitieren können. Selbst wenn sie bereits Deutsch sprechen, beginnen sie wieder bei Null. Ohne Hilfe ist es für sie so gut wie unmöglich, eine Arbeitsstelle zu finden und auf eigenen Füßen zu stehen.

Der Vermittler: Yazdan Ayo hilft bei dem Projekt.

Seit einem guten Jahr gibt es in München ein Projekt, das die Chancen von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt steigern will. „Jobchance Flüchtlinge“ – eine Initiative der Marketing-Firma PVM-Consulting. „Wir arbeiten seit 20 Jahren im Bereich der Aus- und Weiterbildung eng mit der Arbeitsagentur zusammen“, berichtet Inhaberin Kerstin Fillmann. Als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Herbst 2015 nach dem großen Flüchtlingsstrom mit Deutsch-Basiskursen kaum noch hinterher kam, erhielt Fillmann von der Arbeitsagentur den Tipp, ein Projekt für Migranten zu organisieren. Sie war erstmal skeptisch. Dann lernte sie über ihre Schwester Yazdan Ayo kennen. Er erzählte seine Geschichte und von seinen Problemen. Sie erzählte von der Idee. Kurz darauf starteten sie das Projekt gemeinsam. Yazdan Ayo sprach Flüchtlinge an, die er kannte. Kerstin Fillmann organisierte die Kurse, für die die Agentur für Arbeit die Kosten übernimmt.

In kleinen Gruppen lernen die Asylbewerber in den Räumen von PVM-Consultig Deutsch. Manche starten bei den Grundkenntnissen, andere auf A2-Niveau. Einige müssen erst Lesen und Schreiben lernen, andere haben in ihren Heimatländern studiert oder gearbeitet. „Wir wollen die Kurse so individuell wie möglich gestalten“, sagt Fillmann. Und sie wollen etwas mehr auf den Alltag der Migranten zuschneiden, als das BAMF. „Es geht bei uns weniger darum, wie der Bundestag gewählt wird. Eher darum, was man tun muss, um einen Mini-Job zu bekommen oder die richtige Krankenkasse zu finden.“

Vor allem aber geht es darum, die Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Fillmann und ihr Team vermitteln Praktika, helfen bei Bewerbungen – und manchmal müssen sie auch Träume zerstören, um realistische Ziele greifbar zu machen. „Perfekt Deutsch zu sprechen reicht nun mal nicht für jeden Beruf“, sagt sie. Oft fehlen Flüchtlingen entscheidende Kompetenzen, obwohl sie in ihrem Heimatland bereits in demselben Beruf gearbeitet haben. „Es gehört mitunter viel Überzeugungsarbeit dazu, den Menschen das zu vermitteln“, sagt Fillmann. Sie hat junge Menschen kennengelernt, die zwei oder drei Anläufe brauchten, bis sie im richtigen Praktikum gelandet sind. In den allermeisten Fällen sind es handwerkliche Berufe. Allein 2016 haben fünf Flüchtlinge durch die Initiative eine Arbeitsstelle gefunden, einige weitere haben Zusagen für das kommende Jahr.

Abdul Abboush ist einer von denen, die dank Kerstin Fillmann und ihrem Team endlich auf eigenen Beinen stehen können. In seiner Heimat Syrien war er Englischlehrer. Er hat schnell gemerkt, dass er in Deutschland noch einmal von vorne beginnen muss. Seit dieser Woche ist er Integrationsberater bei PVM-Consulting. Er hilft bei Verständigungsschwierigkeiten oder vermittelt bei Problemen im Alltag. Eigentlich macht er genau das hauptberuflich, was Yazdan Ayo in der Anfangszeit getan hat. Denn der 25-Jährige kann mittlerweile nur noch in den Semesterferien helfen. Er hat wieder zu studieren begonnen. Nicht Jura, sondern Internationale Wirtschaft in Bayreuth. Er hat nun einen neuen Traum. Einen realistischen.

Mehr Informationen zum Projekt „Jobchance“ gibt es bei PVM-Consulting unter der Nummer 089/18951440.

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