Klinik-Hygiene: Behörden verweigern Kontrollen

München - Trotz des Hygiene-Skandals im Sommer 2010 verweigern die Münchner Behörden gegenüber dem Freistaat strengere Kontrollen. Der Landesarzt warnt vor Gefahren für das Wohl der Patienten.

Neuer Krach zwischen Stadt und Freistaat: München will trotz der Hygiene-Skandale seit Sommer 2010 bei neuen Klinik-Kontrollen vorerst nicht mitmachen. In einem geharnischten Brief wirft der Landesarzt deshalb dem Gesundheitsreferat der Stadt vor, das Wohl der Patienten zu gefährden, und fordert ultimativ ein Einlenken.

Im Kern geht es um das Zehn-Punkte-Aktionsprogramm des Gesundheitsministeriums von Februar. Es schreibt vor, dass in diesem Jahr für alle 389 bayerischen Akut-Krankenhäuser ein Risikoprofil für Infektionen erstellt wird. Zwei Risikobereiche, Operationssaal und Intensivstation, sollen anschließend überprüft werden. Die strengen Vorgaben dafür entwickelt das Gesundheits-Landesamt.

Bei der Risikobeurteilung hat München noch mitgemacht. Die Sonderkontrolle bei allen Kliniken geht dem Gesundheitsreferat allerdings in dieser Form zu weit. Man sehe wegen eingeschränkter Personalressourcen bisher „keine Realisierungsmöglichkeit“, schrieb Referent Joachim Lorenz (Grüne) an die Landesbehörden. 68 OP- und 61 Intensivabteilungen bei rund drei Dutzend Krankenhäusern wären bis zum Jahresende zu überprüfen – ohne einen Cent vom Freistaat extra zu bekommen.

Landesarzt Andreas Zapf, der die Spezialeinheit Hygiene koordinieren soll, reagiert verärgert. Per Brief erinnert er Lorenz an die Hygiene-Missstände, die bei städtischen Kliniken für Schlagzeilen gesorgt hatten. Er habe „Sorge um das Wohl der Patienten“, die sich in München behandeln lassen. Es sei fachlich nicht zu vermitteln, dass ausgerechnet die Landeshauptstadt die intensivere Klinik-Überwachung nicht befolge. In einem Vermerk des Gesundheitsministeriums, der unserer Zeitung vorliegt, heißt es, München sei nach derzeitigem Stand das einzige Gesundheitsamt in ganz Bayern, das die Vorgabe nicht rechtzeitig erfülle. Dies, obwohl das Gesundheitsreferat bei der Konzeption des Projekts beteiligt gewesen sei und die Umsetzung versprochen habe.

Auch Minister Markus Söder (CSU) schaltet sich in den Streit ein. Durch den medizinischen Fortschritt würden die Behandlungsmethoden immer komplexer und die Anforderungen an die Hygiene größer, sagte er unserer Zeitung. Der hohe Standard müsse weiter steigen. Söder verlangt von München unmissverständlich: „Alle in Bayern müssen mitmachen.“ Zapf bekräftigt in seinem Schreiben die Frist bis Jahresende. Extra-Zahlungen aus dem Staatsetat für die Kontrollen lehnt er ab. Schon jetzt erhalte die Stadt 10,1 Millionen Euro für die Aufgaben des Gesundheitsamts.

Lorenz gibt sich indes auf Nachfrage kompromissbereit. Eine Sprecherin weist die Darstellung des Landesarztes als „Missverständnis“ zurück. Man bemühe sich derzeit um Lösungsvorschläge.

Christian Deutschländer

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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