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„Wie bitte?“ Ab 40 Jahren nimmt das Hörvermögen ab.

Kommt die Pille gegen Schwerhörigkeit?

München -  In lauten Restaurants fällt es älteren Menschen häufig schwer, den Tischnachbarn richtig zu verstehen. Bislang glaubten Mediziner, der Hörverlust liege allein an zerstörten Härchen im Innenohr. Versuche mit Wüstenrennmäusen haben jetzt gezeigt: Hören ist Kopfsache.

Der Unterschied zwischen „pah“ und „bah“ dauert ein paar Millisekunden. Es sind entscheidende Millisekunden. Und irgendwann machen sie uns allen das Leben schwer. Denn im Alter hören wir sie nicht mehr richtig. Sie verschwimmen. Und dann verwandelt sich der Ratsch in einen Geräuschbrei. Gespräche in einer belebten Wirtschaft verschmelzen zu einem kryptischen Wirrwarr. Den Tischnachbarn zu verstehen wird zum kräfteraubenden Konzentrations-Akt.

Professor Benedikt Grothe will das akustische Wirrwarr entzerren. Mit 40, sagt der 51-Jährige, geht es bergab. Mit dem Hören, versteht sich. Durch jahrzehntelange Beschallung sterben die feinen Haarzellen im Innenohr ab. Wissenschaftler gehen davon aus, dies sei der Grund für altersbedingte Schwerhörigkeit. Das sei zwar richtig, sagt Grothe, aber nur die halbe Wahrheit. „Altersbedingte Hörverluste“, betont er, „beginnen im Gehirn.“ Die Forschungsergebnisse des Biologen von der Ludwig-Maximilians-Universität und seiner Doktorandin Leila Khouri könnten die Entwicklung von Hörgeräten revolutionieren.

„Das Gehirn analysiert den zeitlichen Ablauf von Sprache“, erklärt Grothe. So erkennt es zum Beispiel den Unterschied zwischen „bah“ und „pah“: Bei „bah“ gibt es eine klitzekleine Zeitlücke, bevor der Vokal kommt. Bei „pah“ folgt der Vokal sofort. Wer diese Lücke von nur wenigen Millisekunden nicht mehr hören kann, hört auch den Unterschied der Laute nicht mehr. Für das Verständnis ist es jedoch entscheidend, den zeitlichen Ablauf der Sprache und ihre winzigen Pausen abgrenzen zu können.

In echoreichen Räumen mit vielen Gesprächen kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu: Das Gehirn muss sich trotz der permanenten Überlappung von Sprachfetzen auf einen Redner konzentrieren. Das kann es vor allem, weil der Mensch zwei Ohren besitzt. Da diese möglichst weit voneinander entfernt am Kopf sitzen, erreicht sie der Schall fast nie gleichzeitig, sondern mit wenigen Mikrosekunden Verzögerung. Diesen minimalen Zeitunterschied nutzt unser Gehör, um sich auf einen Redner zu konzentrieren. Dank des räumlichen Hörens kann der Mensch die Geräuschquelle orten – und sie dadurch isolieren.

Das Problem: Mit zunehmenden Alter lässt diese Fähigkeit erheblich nach. „Ein 20-Jähriger kann Unterschiede von fünf bis sieben Mikrosekunden auflösen“, sagt der Forscher. „Ab 40 wird das signifikant schlechter.“ Doch woran liegt das? Grothe sagt, mit den Hör-Härchen hat es nichts zu tun.

Ein Team von LMU-Wissenschaftlern konnte nun bei Wüstenrennmäusen belegen, dass die Nervenzellen älterer Tiere anders auf Geräusche reagieren, als jene von jungen Mäusen. Elektrophysische Versuche hätten gezeigt, dass greise Nager die Zeitlücken schlechter verarbeiten. Die Ursache sei vermutlich ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn. Mangelnde Lautstärken sind also nicht das Problem, sondern biochemische Vorgänge. Medikamente, die die Neurotransmitter wieder ins Gleichgewicht bringen, könnten altersbedingte Schwerhörigkeit lindern – theoretisch.

Gibt es also bald eine Pille gegen Schwerhörigkeit? „Mit dem heutigen Wissen ist das nicht möglich“, räumt Grothe ein. Entsprechende Medikamente seien zwar denkbar, würden aber auch andere Vorgänge im Nervensystem beeinflussen. Sprich: Die Nebenwirkungen wären viel zu heftig. Zumindest heute noch. Vorstellbar ist eine solche Therapie allemal.

Doch auch wenn es in naher Zukunft keine Hör-Pille gibt – eine andere Behandlung könnte schon bald Realität werden: „Wir müssen die Algorithmen in den Hörgeräten anpassen“, sagt der Professor. „Als ob man bei einem schlechten Fernseh-Bild den Kontrast hochdreht.“ Technisch sei es möglich, Silben zu entzerren und Unterschiede im Mikrosekunden-Bereich zu verstärken. „Dafür müssen die Dinger echt klug sein“, sagt Grothe. „Aber es gibt Institute und Firmen, die in diese Richtung forschen.“

Zu erkennen, wie das Hören im Gehirn funktioniert, öffnet neue Türen. Die Technik sei schon recht weit, der Durchbruch mehr als bloße Zukunftsmusik, sagt Grothe. Er bleibt den entscheidenden Millisekunden auf der Spur. Es ist – na klar – eine Frage der Zeit.

Von Thomas Schmidt

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