Koschere NS-Parolen als Appetithäppchen

Im Internet-Gästebuch des Restaurants "Schmock" fliegen die Fetzen. "Mein Gott Dennis", schimpft ein Ditmar im Forum, "welcher schwache Geist wohnt in Dir?" Wie könne man Werbung auch noch witzig finden, "die den Anfang des Holocaust und der Vernichtung von mehr als sechs Millionen Juden darstellt?"<BR>

Das, was Ditmar so aufregt, ist im "Schmock" an die Wand genagelt. Drei Werbeplakate hängen da und provozieren mit der Aufschrift "Deutsche, esst bei Juden!", "Deutsche, trinkt bei Juden!" und "Deutsche, feiert bei Juden!". Dennis aus dem Gästebuch findet die Werbung "witzig, ironisch und zynisch". Vor allem auch deshalb: Das "Schmock" ist ein jüdisches Lokal.<P>Und es ist ein schickes, teures Lokal. Die Küche ist erlesen, auf einem Bild ist eine Gabel zu sehen, die eigentlich ein Chanukka-Leuchter ist. Restaurant-Chef Florian Gleibs, 34, ein junger deutscher Jude, hat Geschmack - oder gerade nicht?<P>Die Slogans an die "Deutschen" verdrehen eine Nazi-Parole. "Deutsche, kauft nicht bei Juden", hieß es seit 1933, als jüdische Geschäfte boykottiert werden sollten. Gleibs stellt sie glatt auf den Kopf. Ganz gezielt.<P>"Was ist verkehrt daran, zum Denken anzuregen?", sagt er. Er wolle niemanden verletzen, sondern zur Diskussion anregen. Und Reaktionen habe es haufenweise gegeben. Angesichts der Provokation habe endlich einmal jeder seinen Mund aufgemacht. Einige Gäste zogen empört von dannen, es hagelte aufgebrachte Briefe. Viele finden die Plakate unangemessen, andere abscheulich. "Betroffene könnten sich verletzt fühlen, sowohl aus der älteren als auch aus der jüngeren Generation", entrüstet sich Marian Offman, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde. Bisher aber, versichert Gleibs, habe sich niemand beschwert, dessen Familie vom Holocaust betroffen war. Kritik aus deren Munde könnte er gut verstehen.<P>Auch in Gleibs` Familie war niemand vom Holocaust betroffen. Florian Gleibs kommt aus einer Großfamilie, die aus dem Irak stammt und heute in Israel lebt. Dort besucht sie der Jung-Unternehmer, der selbst zwei Jahre lang in Israel auf die Schule ging und in Deutschland aufwuchs, regelmäßig. Übermäßig religiös ist er nicht: Das einzige Fest, das im "Schmock" gefeiert wird, ist das Chanukka-Fest, das Fest der Lichter. <P>Seinen Werbegag hält Gleibs weder für abscheulich noch für überzogen. Die meisten Gäste übrigens auch nicht, sagt er. Im Gegenteil: Sie schätzten den neuartigen Umgang mit dem Tabu-Thema. Engländer und Amerikaner hätten sich sogar amüsiert.<P>",Deutscher` und ,Jude` sollen keine Schimpfwörter sein!" findet Gleibs. Es sei Zeit, findet er, den Gebrauch zu normalisieren, "den Juden" in ein anderes Licht zu rücken. "Das Jiddische ist nicht immer witzig, der Israeli nicht grundsätzlich böse, der Jude nicht bloß Opfer oder Weltverschwörer", sagt Gleibs. Und der Deutsche solle wieder seine deutsche Hymne singen dürfen - ohne ein laues Gefühl im Magen.<P>

CPVO

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