Vision 2020: Die Grünen wollen in den nächsten Jahren noch deutlich mehr Münchner aufs Radl bringen. Hier radelt eine junge Frau vor der Theatinerkirche. foto: vario

Kritik an grünen Radl-Visionen

München - Mehr Geld, Express-Radwege und ein städtischer Radverleih: Die grüne OB-Kandidatin Sabine Nallinger hat ambitionierte Pläne. Weder CSU und SPD wollen mitziehen.

von Angelo Rychel

Sehnsuchtsvoll blickt Sabine Nallinger gelegentlich nach Kopenhagen. 35 Prozent des Verkehrs in der dänischen Hauptstadt entfallen auf das Fahrrad. In München, das sich als „Radlhauptstadt“ empfiehlt, sind es 17 Prozent. Unzufrieden ist die grüne Stadträtin und OB-Kandidatin damit nicht, angesichts Münchens rasanten Wachstums reiche das aber nicht aus. Staus, unsichere Straßen und überfüllte öffentliche Verkehrsmittel würden zunehmend zum Problem: „Mit dem gleichen Mobilitätsverhalten wie heute wird Münchens Verkehr kollabieren.“ Nallinger will noch mehr Münchner aufs Radl bringen, den Verkehrsanteil bis 2020 auf 25 Prozent steigern. Deshalb haben die Grünen vier Anträge im Stadtrat eingebracht, in denen Nallinger ihre Radl-Vision bis 2020 skizziert. „Wir dürfen nicht mehr so zaghaft sein“, sagt sie.

Mehr Geld

Zehn Millionen Euro lässt sich die Stadt bisher die Radverkehrsförderung kosten. Nallinger will das Budget auf 20 Millionen Euro verdoppeln. „Wir halten uns damit an die Vorgaben von Peter Ramsauer“, meint sie schmunzelnd. Schließlich habe der Bundesverkehrsminister (CSU) Mittel von 15 Euro pro Einwohner empfohlen. Dies entspreche den 20 Millionen Euro.

Express-Radwege

Manche Radler fahren eher gemütlich, während andere mit 30 Stundenkilometern unterwegs sind. „Auf den schmalen Radwegen werden Überholmanöver aber unmöglich“, meint Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher. Der Vorschlag: Zweispurige „Radschnellwege“, die den Stadtrand mit der Innenstadt verbinden. „Die Wege werden nicht bis zum Marienplatz führen“, so Bickelbacher. Vom Mittleren Ring an könnten „hochwertige Radtrassen“ die Expresswege fortsetzen. Dabei werden vier Auto-Fahrspuren in zwei breite Fahrspuren und zwei Radfahrstreifen umgewandelt. Für denkbar halten die Grünen dies zum Beispiel an der Lindwurm-, Rosenheimer, Ludwig-, Leopold, Dachauer und Schleißheimer Straße.

Stellplätze

Die Zahl der Radl-Stellplätze an Haltestellen des öffentlichen Verkehrs soll von 28 000 auf 50 000 steigen. Im öffentlichen Raum sollen 3000 Kfz-Stellplätze zu Radl-Parkplätzen werden. Zusätzlich will die Partei Förderprogramme auflegen, damit Hausbesitzer mehr Stellplätze schaffen.

Radverleihsystem

Zwei privat betriebene Radverleihsysteme gibt es in München: „Call a Bike“ (etwa 1100 Räder) und „nextbike“ (etwa 500 Räder). Die Angebote seien technisch veraltet und deutlich zu klein, kritisiert Nallinger. Ihr schwebt vor, dass die Stadt bis 2015 mit den Verkehrsbetrieben das Konzept für ein eigenes Verleihsystem mit festen Stationen entwickelt. 5000 Fahrräder seien für ein flächendeckendes Netz nötig. Um das Angebot attraktiv zu machen, soll die erste halbe Stunde jeder Fahrt kostenfrei sein. Die Startkosten schätzen die Grünen auf fünf Millionen Euro, jährlich müsste die Stadt zwischen 500 000 und einer Million Euro zuschießen.

Politische Reaktionen

Die Reaktion der Opposition kam umgehend. CSU-Fraktionschef Josef Schmid kritisierte, es scheine „die grüne Rigorismus-Fundamental-Ideologie durch.“ Auch die CSU wolle den Radverkehr fördern - aber „nicht einseitig zulasten der anderen Verkehrsteilnehmer.“ Die Umwandlung von Kfz- in Radparkplätze erhöhe die Gefahr „ungewollt großen Parksuchverkehrs.“ Ein Radverleihsystem sei zudem keine kommunale Aufgabe.

Auch der Koalitionspartner der Grünen distanzierte sich. „Man muss sich fragen, ob noch mehr Radverkehr Sinn macht“, sagte SPD-Fraktionschef Alexander Reissl unserer Zeitung. Schließlich könne der öffentliche Nahverkehr dann unter sinkenden Fahrgastzahlen leiden. Für die Umwandlung von Fahrspuren in Radfahrstreifen prognostiziere er ein „hartes Ringen.“ Und Express-Wege seien höchstens bei Neuplanungen denkbar: „Auf bestehenden Strecken wird’s wohl am Platz scheitern.“ Bis Kopenhagen könnte es also noch ein steiniger Weg werden für die Grünen.

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