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Sie war die gute Seele: Wirtin Kirsten Göhler an der Theke im „Du & I“.

Besuch im Kult-Stüberl

Nächste Boazn schließt: Letzte Runde im „Du & I“

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München - Und wieder muss eine Boazn für immer zusperren! An diesem Wochenende wird im „Du & I“ die letzte Runde ausgeschenkt. Wir haben uns im Kult-Stüberl umgeschaut.

Im alten Schwabing, das heute Maxvorstadt heißt, gibt es eine lange Theke mit acht Hockern, sieben sind besetzt, einer verwaist. Es ist kurz vor Acht, als die Tür aufgeht und ein schmaler älterer Herr hereinkommt. Er nickt in die Runde, lächelt Kirsten, die Wirtin, traurig an und lässt sich auf dem freien Hocker nieder. An der Wand über ihm ein Messingschild: Vorstandsvorsitzender a.D. Herr Albrecht. „Wie immer, Herr Albrecht?“, fragt Kirsten. Er nickt. Weißbier und Wodka. „Ein letztes Mal.“

Seit dem ersten Tag kommt der 73-Jährige ins Stüberl „Du & I“ in der Schleißheimerstraße 45, also bald schon 20 Jahre, an diesem Samstag zum letzten Mal. Wirtin Kirsten sperrt zu. Aus, vorbei, der Besitzer hat ihr fristlos gekündigt. „Schade“, sagt Kirsten, Münchner Kindl mit österreichischem Pass, und klemmt verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich habe alles versucht.“ Sie wollte das Stüberl, ihre Stammgäste, in gute Hände übergeben. „Aber man möchte hier kein Lokal mehr.“ Sie selbst kann nicht mehr. „Private Gründe“, sagt Kirsten und stellt Herrn Albrecht einen dampfenden Teller hin.

Jeden Abend eine warme Mahlzeit für Herrn Albrecht

Herr Albrecht.

Herr Albrecht gehört zum Inventar, er ist der Einzige hier, der einen Nachnamen hat, die anderen an der Theke heißen Peter, Angela, Martin oder Gert. Herr Albrecht bekommt jeden Abend eine warme Mahlzeit. „Ausnahmeregelung vom KVR“ sagt Kirsten mit einem Augenzwinkern. „Sonst würde er gar nichts essen.“ Die Schankstube ist nicht größer als eine Imbissbude, an den getäfelten Wänden hängen James, Brigitte, Marilyn und Elvis, im winzigen Séparée steht eine alte Jukebox.

Das Herz des Lokals aber ist die Theke: dunkle Räuchereiche, drei Meter lang, Knick an der Tür. Dort sitzt Herr Albrecht. Die Thekenplatte haben die Stammgäste Kirsten zum Dreijährigen geschenkt. Dahinter steht die Seele, Kirsten, montags bis freitags von sechs bis „Open End“. Oder besser: stand.

„Wo sollen wir denn hin?“

Die Stammgäste an der Theke sind recht ratlos. Martin, ehemaliger Kripo-Mann mit Lederjacke, schüttelt den Kopf: „Das ist brutal.“ Peter, hier um die Ecke aufgewachsen, sagt: „Schade, wo man so lange zusammen war.“ Gert schüttelt lange den Kopf. „Wo sollen wir denn hin?“ Alles habe zugemacht, nirgendwo sonst sei es so gemütlich. Eine Wirtin wie Kirsten gebe es sowieso kein zweites Mal. „Eine Wirtin muss auch schweigen können“, sagt Agnes mit großem Ernst. „Und Kirsten konnte das.“ Herr Albrecht seufzt: „Tja, das war mein Wohnzimmer.“

Kirsten muss das Lokal bis 30. November räumen. Vieles wird sie wegwerfen, manches verkaufen. Die Thekenplatte behält sie. Ihre Stammgäste müssen ohne sie auskommen.

Die letzten Boazn Münchens

Blick ins „Du & I“.

Die Liste der gestorbenen Kneipen ist lang: Das legendäre Nessi in der Maxvorstadt gibt‘s nicht mehr, das Heiliggeiststüberl am Viktualienmarkt von Wirtin Bobby machte 2015 zu. Nicht überall bedeutet der Abschied auch einen Neu-Anfang: Immer häufiger wollen die Hausbesitzer keine Gastronomie mehr in ihren Objekten. Zu viel Lärm, zu viel Ärger, hört man oft.

Ein paar der alten, urgemütlichen Kneipen haben dennoch überlebt: Das Kneipen-Kleinod Landhaus im Herzen der Innenstadt (Marienstraße 2) zieht immer noch Gäste aus der ganzen Stadt an. Im Agnes Neun inmitten von West-Schwabing wird immer noch jeder Gast mit einem nordisch-kräftigen Moin begrüßt. Und Wein-Feinschmecker können in Lupper Bar den Abend bei einem exquisiten Glas Barbera d‘Asti ausklingen lassen. Der Flaschenöffner an der Frauenhoferstraße gilt vielen Ortskundigen als gemütlichste Spelunke Münchens.

Tobias Scharnagl

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