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Künstler Phil Splash.

KunstProjekt „1,5 Millionen Münchner“

Dieser Mann zeichnet alle Gesichter

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München - Ein Kunstwerk in einer Minute: Der Maler Phil Splash hat sich vorgenommen, jeden Münchner Bürger zu zeichnen – 20 000 hat er schon in seinen Skizzenbüchern verewigt.

Eine junge Frau sitzt in der U-Bahn und starrt auf ihr Handy. Die Lippen sind aufeinandergepresst, auf der Stirn bilden sich Falten. Dann lacht sie kurz auf. Vielleicht hat eine Freundin ihr ein Video von einem tapsigen Welpen geschickt, vielleicht hat ihr jemand ein paar lustige Zeilen geschrieben. Das interessiert den Mann auch gar nicht, der wenige Meter entfernt steht und die Frau durch seine Sonnenbrille beobachtet. Ihn faszinieren die Falten auf der Stirn und jene, die sich beim Lachen um den Mund bilden. Er kramt einen schwarzen Filzstift und ein Heft aus seiner Tasche. Mitten in der U-Bahn beginnt er, mit wenigen Strichen das Gesicht der jungen Frau auf Papier zu bringen.

Künstler Philipp Mulfinger alias Phil Splash hat sich vorgenommen, jeden Münchner und jede Münchnerin zu porträtieren. „1,5 Millionen Münchner“ hat der 31-Jährige sein ambitioniertes Projekt getauft. Er sagt: „Ich finde jedes Gesicht interessant.“ Die Modelle gehen ihm nie aus, er findet sie auf der Straße, im Café – und oft eben auch in der U-Bahn. 30 bis 60 Sekunden nimmt er sich für eine Skizze Zeit. „Egal wohin ich gehe, ich habe immer Block und Stift dabei“, sagt Phil. Sein Verbrauch an schwarzen Filzstiften liegt im Moment bei fünf in der Woche. „Meine Freundin ist manchmal schon genervt, dass ich ständig Leute zeichnen muss.“

Dabei war das Projekt nie als solches geplant. Phil, der Grafikdesign studiert hat, wollte am Anfang einfach nur besser Zeichnen lernen. 2010 fing er an, seine Mitbürger auf dem Weg zur Arbeit zu skizzieren. Um die Gesichtsausdrücke so authentisch wie möglich einzufangen, setzte Phil sich eine Sonnenbrille auf, denn „die Leute sollten nicht denken, dass ich sie anglotze.“ Gerade in der U-Bahn, wo es ständig ruckelt und wackelt, war das Zeichnen eine Herausforderung. „Die ersten Skizzen waren richtig schlecht“, erinnert sich der gebürtige Würzburger. Aber wie so oft im Leben, braucht alles seine Zeit.

Fünf Jahre später füllen Phils Skizzen stolze 200 Bücher, Unternehmen fragen an, ob er die Bilder bei Veranstaltungen ausstellen möchte. Ein Freund hatte die vielen Werke vor etwa einem Jahr gesehen und zu Phil gesagt: „Zeichne doch einfach alle Münchner.“ Dem jungen Künstler gefiel die Idee – und sein Projekt gefällt ganz offensichtlich den Münchnern. Es spricht sich langsam herum, dass da einer ist, der jeden malt, egal ob dick, dünn, alt oder jung.

Neulich klingelte Phils Telefon. Eine Lehrerin war dran. Ob er nicht Lust hätte, die Sendlinger Mittelschule einmal zu besuchen. Wenig später zog Phil mit schwarzem Edding bewaffnet von Klassenzimmer zu Klassenzimmer. „Die Kinder fanden es spannend, was ich mache“, erzählt er. „Die haben mir Löcher in den Bauch gefragt.“ Dinge, die Erwachsene sich oft nicht zu fragen trauen. Ein Kind wollte auch wissen, wieso Phil einen farbigen Anzug – sein Markenzeichen – trage. Der Künstler musste kurz nachdenken, ehe er antwortete: „Die Welt ist schon grau genug, ich möchte sie etwas bunter machen.“ Das leuchtete den Kindern ein.

Bunter machen – das bezieht Phil nicht nur auf leuchtende Farben. Manchmal wenn er in der U-Bahn zeichnet, stellen sich andere Fahrgäste neben ihn und schauen ihm über die Schulter. Sie fragen, was er da macht, man kommt ins Gespräch. „Das finde ich gut, weil sonst oft nur Schweigen herrscht“, sagt Phil. Nicht immer skizziert er seine Modelle heimlich. Wenn er den Menschen ihre Porträts zeigt, sind sie meist überrascht und lachen. Schenken kann er sie ihnen jedoch nicht, denn sie sind ja Teil der Sammlung. Phil hat ausgerechnet, dass er, wenn er jeden Tag 80 Bilder anfertigt, mit 80 Jahren fertig würde. „Keine Ahnung, ob ich das schaffe, aber es wäre ein schönes Lebenswerk.“

Phil Splash

zeichnet am Samstag, 11. und 25. April, von 13 bis 18 Uhr auf der Aktionsfläche im Untergeschoss der Stachus-Passagen.

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