„Es ist der Hammer, was die Leute sich alles machen lassen.“ Tätowierer Peter Laubach, Jahrgang 1955, in seinem Studio in München. Gerade verkünstelt er sich an einem Frauenrücken. Fotos: Klaus Haag

Hier lassen sich die Stars stechen

Die Laubachs – eine bayerische Tattoo-Dynastie

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München - Eine Familie im Rausch der gestochenen Farben: Beim ersten Tattoo ist Peter Laubach blutjung. Heute kommen die Stars zu ihm. Sein Opa war der erste Profi-Tätowierer in Europa. Und die Oma eine kunterbunte Varieté-Attraktion.

Das erste Tattoo seines Lebens war auch das schmerzhafteste. Peter Laubach hat einem Schulkameraden in drei Stunden ein Segelschiff auf den Leib gestochen. Er war damals elf Jahre alt, kein Scherz. Der Spezl war auch elf. Als Lohn hat der ambitionierte Jung-Tätowierer vier Leberkassemmeln bekommen. Das war so ausgemacht. Aber er hat noch mehr gekriegt – nämlich ein paar saubere Watschn. Der Vater des frisch tätowierten Segelschiff-Buben ist ausgeflippt, als er seinen Sohn gesehen hat. Danach hat’s geknallt, bis Peters Backe qualmte. Autsch.

Daheim bei den Laubachs haben sie kein so Trara gemacht. Es gab noch nicht mal Ärger. „In Zukunft“, haben sie dem kleinen Peter gesagt, „fragst halt, wie alt die Leute sind, bevor du loslegst.“

Ein Kätzchen für die Ewigkeit. Gibt’s bei Peter Laubach.

Okay, lässige, nicht ganz alltägliche Reaktion. Aber so hat alles angefangen. Und so läuft das, wenn man in einer Tattoo-Dynastie groß wird. Wenn Tattoos Alltag sind. Der Opa, so erzählt es Peter Laubach, soll der erste professionelle Tätowierer in ganz Europa gewesen sein. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hatte er in Köln sein eigenes Studio. Die Tätowier-Vorlagen von damals hat Peter Laubach noch immer. Die Indianer-Häuptlinge, die Seemänner und die drallen Schönheiten mit Kussmund. Alle hängen sie in der Dachauer Straße in München. In Peter Laubachs Laden. Er heißt „Rainbow Tattoo“. Denn natürlich ist auch der kleine Peter von damals Tätowierer geworden, echter Tätowierer, professioneller Tätowierer. Das liegt in der Familie, geht gar nicht anders, das liegt ihm im Blut.

Peter Laubach, Jahrgang 1955, ist heute einer von Münchens bekanntesten Hautkünstlern, mit Leberkas kann man bei ihm schon lange nicht mehr zahlen. Auf freie Termine muss man manchmal Monate warten. Ganz normale Leute kommen zu ihm, Hausfrauen, Bauarbeiter, Ingenieure, aber auch Bankdirektoren, Pfarrer, Stars, Sternchen und Fußballspieler. Peter Laubach nennt keine Namen, klar. Da hält er es wie ein Arzt mit seiner Schweigepflicht. Aber wenn man Glück hat, darf man ein paar kurze Blicke in seine großen Tattoo-Bilderbücher werfen. Dort findet man dann allerhand bekannte Gesichter, die gerade auf seinem Tätowierstuhl sitzen und sich von ihm stechen lassen.

Tattoos, man kann sie greislig finden oder auch wunderschön. Eines steht allerdings fest: Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „25 Prozent aller Deutschen sind tätowiert“, sagt Laubach. Tendenz steigend. Die Branche brummt. Früher war die Sache mit der gestochenen Haut noch ein bisserl anders. Da war man schnell als Zuchthäusler verschrien oder war tatsächlich einer. Man galt als Problemviertler, Außenseiter, als Rotlichtmilieu-Kenner. Heute kräht fast kein Hahn mehr danach, wenn man sich den verstorbenen Pudel Paul, einen Koi-Karpfen, den bayerischen Löwen, den Kini oder gleich das ganze Alpenpanorama auf die Haut stechen lässt.

Oma Laubach: Sie ist mit ihren Tattoos in Varietés aufgetreten.

Früher war das anders. Da haben die Leute sogar dafür bezahlt, üppig tätowierte Menschen zu sehen. Da war eine tätowierte Frau eine Rarität. Da konnte man Geld mit verdienen. Peter Laubachs Opa war nicht nur Tattoo-Pionier, sondern auch Schausteller. Und die Oma Laubach, Künstlername Rosella, seine größte Attraktion. Die gute Frau war von oben bis unten tätowiert – und in Varietés im ganzen Land ein Publikumsmagnet. „Der Opa hat den Leuten dann immer erzählt“, sagt Peter Laubach, „diese Frau war in Amerika, die Indianer haben sie gefangen genommen und in einer Nacht so hergerichtet.“ Das war natürlich geflunkert, für die Tattoos hat der Opa schon eigenhändig gesorgt. „Man muss den Leuten halt was erzählen“, sagt Peter Laubach. Die Oma hat das alles freiwillig mitgemacht. Noch heute liegt ein uraltes Schwarz-Weiß-Bild von ihr im Laden des Enkels. Eine Erinnerung an die Anfangstage dieser Kunst in Deutschland.

Die Laubachs und ihre Tattoos – es ist eine unendliche, verwegene Geschichte. Ein Familienunternehmen der anderen Art. Peter Laubachs erstes Tattoo war ein Schwammerl, er hat ihn sich als Bub selber auf den Unterschenkel gestochen. Der Pilz ist noch heute da. Das Werkzeug hatte er vom Opa. Seit er 16 ist, arbeitet er als professioneller Tätowierer. Hunderte Vorlagen, Drachen, Jesus-Figuren, alles mögliche, hat er schon frei Hand gezeichnet und tausende Tattoos gestochen.

Wenn jemand die bunte Welt der Tattoos in- und auswendig kennt, dann dieser Peter Laubach – ein lebensfroher Schnauzbartträger, der nebenbei Steirische Harmonika spielt und auch als Zauberer auftritt. Sein ältester Kunde ist 86 Jahre alt. Er hat sich gerade erst ein Portraitfoto der eigenen Mama auf die Brust stechen lassen. Auch sonst sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. „Es ist der Hammer, was die Leute sich alles machen lassen“, sagt Peter Laubach. Ein Kunde kam kürzlich ganz aufgelöst in den Tattoo-Laden. „Mein Hund, der arme Wurschti, ist tot“, hat er gesagt. Ein paar Sitzungen später war der Mann selig – er hat sich den jungen Wurschti auf die linke Brust tätowieren lassen und den älteren Wurschti auf die rechte. Jetzt ist er ein Leben lang mit dem Tier seines Herzens vereint. Tattoo sei Dank.

Ein anderer Kunde, ein Tauchlehrer, hat sich einen Haifisch stechen lassen, der einen Tauchlehrer umarmt. Hahaha. Riesengag.

Ein Vater wollte sich mal den Namen seiner Tochter auf der Haut verewigen lassen. Dieser großartige Tattoo-Beratungs-Dialog ist überliefert.

Peter Laubach: „Wie heißt die Tochter denn?“

Vater: „Chantal.“

Peter Laubach: „Und wie schreibt man das?“

Vater, völlig ernst: „Mit drei L.“

Peter Laubach, stutzig: „Gehst besser noch mal heim und schaust in der Geburtsurkunde nach.“ Der Mann ist nie mehr wieder gekommen.

Qual der Wahl: Indianerhäuptling oder doch die Brieftaube?

Oh ja, in dem Tattoo-Studio, das er zusammen mit seiner Ehefrau Susi führt, wird viel gelacht. Es gibt viele gute Gründe dafür. Peter Laubach hat ein gigantisches Repertoire an Sprüchen und schmutzigen Witzen. Aber Tätowieren ist natürlich auch Arbeit. Jeden Tag sticht er gut und gerne sechs Stunden. Da braucht es volle Konzentration. Fehler streng verboten. Sonst sind die Kunden weg.

Aber jeden Kundenwunsch kann er, will er dann doch nicht erfüllen. Gesichts-Tattoos macht er nicht, Badehosenbereich kostet doppelt, rechtsradikale Symbole sticht er sowieso nicht. Und auch Tiere tätowiert er nicht. „Ich hab mal so einen Blödian mit einem Kampfhund da gehabt“, erzählt Peter Laubach, „der hat gesagt: Der Hund is scho schee, aber auf der Nase hat er einen hellen Fleck. Kannst den nicht schwarz tätowieren.“ Peter Laubach hat den Mann auf der Stelle zum Teufel gejagt.

Klar, das sind die Ausnahmen. Die meisten wollen doch nur Engel, Feen und Blumen. Aber auch bei Tattoos gibt es Modewellen. Japanische Schriftzeichen, sagt Laubach, will so gut wie keiner mehr. Genau wie „Arschgeweihe“.

Das Dumme nur: So ein Tattoo ist nun mal was fürs Leben, fürs ganze Leben. Rückgängig geht fast nicht. Drum prüfe, wer sich ewig bindet. So eine Jugendsünde kann im Alter schnell mal grausig ausschauen. Peter Laubachs erster Kunde hat sein Segelschiff noch heute. Vor einiger Zeit war er im Tattoo-Laden zu Besuch. Die Männer haben sich ihr Jugendwerk natürlich angeschaut: „Des Schiff schaut oiwei no guad aus“, sagt Peter Laubach. „aber wenn’s no älter wird, werd’s wahrscheinlich a Faltboot werdn.“ Tätowierer-Humor. Typischer Tätowierer-Humor.

Laubach sagt: „Irgendwann krieg ich eine Rechnung vom Herrgott, wie viele von seinen Geschöpfen ich verunstaltet hab.“ Vielleicht kriegt er auch eine Gutschrift. Wer weiß das schon. Spätestens in dem Moment entscheidet sich allerdings, ob Tattoos was sind, durch das jedermann zu einem kleinen Kunstwerk werden kann. Oder ob sie doch der größte Quatsch auf der ganzen Welt sind.

Stefan Sessler

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