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Lebenshilfe: Geistig Behinderte als Opfer leerer Kassen

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Geistig behinderte Menschen
           brauchen spezielle Betreuung 
          wie hier die „gestützte Kommunikation“. Dabei stößt die Lebenshilfe zunehmend an finanzielle Grenzen. 
            Foto: epd
Geistig behinderte Menschen brauchen spezielle Betreuung wie hier die „gestützte Kommunikation“. Dabei stößt die Lebenshilfe zunehmend an finanzielle Grenzen. Foto: epd

Der Bezirk Oberbayern knausert bei der Betreuung geistig behinderter Menschen. Das beklagt der Verein Lebenshilfe München. Europaweite Standards würden nicht eingehalten.

Von Peter T. Schmidt

Rund 1600 Menschen mit geistiger Behinderung betreut die Lebenshilfe – eine überwiegend von Eltern getragene Selbsthilfe-Vereinigung – in München und dem Landkreis. Etwa 450 Betroffene können in beschützenden Werkstätten ihre Talente entfalten, 167 leben in insgesamt elf Wohnstätten der Lebenshilfe. Vor allem hier hätten sich die Rahmenbedingungen verschlechtert, seit die Zuständigkeit von der Stadt auf den Bezirk übergegangen sei, klagte Geschäftsführer Wolfgang Franz gestern im Münchner Presse-Club. Der Bezirk dränge darauf, „die Gruppengrößen zu erhöhen und kleine, gemeindenahe Einrichtungen aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen abzulehnen“. Dabei seien gerade die kleinen Wohneinheiten, in denen die Betroffenen „in familienähnlichen Strukturen“ leben können, stets „ein Markenzeichen der Lebenshilfe“ gewesen, so Franz. Zudem sei dies in allen anderen europäischen Ländern längst Standard. Vorstandsvorsitzende Bärbel Popp wittert gar Wortbruch: „Der Bezirk hat hoch und heilig versprochen, die vorhandenen Strukturen zu übernehmen, aber das ist einfach nicht wahr.“

Bezirks-Sprecherin Susanne Büllesbach hält dagegen: Zwar sei eine gewisse Größe rein aus hauswirtschaftlichen Erwägungen sinnvoll, doch die Personalschlüssel und die daraus resultierenden Pflegesätze seien in Oberbayern so hoch wie nirgendwo sonst in Bayern. Das will Wolfgang Franz gar nicht abstreiten. Verglichen mit der Unterstützung, die der Verein durch die Stadt München erfahren habe, rechne er aber trotzdem damit, „dass alles etwas runtergefahren wird“.

Nicht nur der Bezirk macht der Lebenshilfe Sorgen. Auch immer schärfere Brandschutz-Auflagen erschweren die Suche nach geeigneten Häusern. Oft seien millionenschwere Aus- und Umbauten nötig, damit die Lebenshilfe ein Wohnhaus als Unterkunft für geistig behinderte Menschen nutzen könne. Dramatisch ist die Situation in Riemerling (Landkreis München): Die Lebenshilfe betreibt hier eine schulvorbereitende Einrichtung und eine heilpädagogische Tagesstätte für 24 mehrfach behinderte Kinder. Mitte 2009 ist dort Schluss: Aus Brandschutzgründen gibt’s keine weitere Genehmigung. Ein neues Quartier sucht Franz bisher vergeblich.

Die Situation wird sich verschärfen: Geistig Behinderte werden dank besserer medizinischer Versorgung älter, und immer häufiger können die Eltern sie dann nicht mehr betreuen. Die Nachfrage nach Wohn-Einrichtungen, so befürchtet Franz, könnte in absehbarer Zeit rasant wachsen – schneller, als sie befriedigt werden kann. Notfall-Plätze, die einen Behinderten kurzfristig aufnehmen, wenn die Mutter beispielsweise ins Krankenhaus muss, gebe es in München gar nicht. Zudem brauche man neue Formen der „aufsuchenden Betreuung“. Wir haben Eltern zwischen 80 und 90 Jahren, die ihre nicht so schwer behinderten Kinder daheim haben. Die müssen wir unterstützen“, sagt Franz.

Zu all dem kommt eine überbordende Bürokratie. Um 50 Prozent, so schätzt der Geschäftsführer, sei der Verwaltungsaufwand in den letzten Jahren gewachsen, vor allem wegen immer neuer Forderungen der Krankenkassen.

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