+
Klaus Eberl ärgert sich über die Leihradl-Massen vor seiner Haustür.

„oBikes“ an jeder Straßenecke

Leihradl-Wahnsinn in München: „Es ist ein Saustall!“

  • schließen
  • Sarah Brenner
    Sarah Brenner
    schließen

Die Stadt wird derzeit von gelben Leihrädern überschwemmt. Seit Anfang August hat der Anbieter „oBike“ aus Singapur 4000 Drahtesel in München aufgestellt – was zu vielerorts bizarren Auswüchsen im Straßenbild und großem Unmut führt. Auch den Stadtrat hat das Thema mittlerweile erreicht.

Die gelbe Flut ist über München hereingebrochen – die Leihräder der Firma „oBike“ aus Singapur. 4000 (!) Drahtesel hat das Unternehmen mittlerweile im Stadtgebiet aufgestellt – meist über Nacht und vogelwild verteilt. Ein Radl-Verhau, der für viele Münchner und Politiker längst nicht mehr im grünen Bereich ist: Anwohner ärgern sich schwarz, auch die CSU im Rathaus sieht jetzt rot.

Stadtrat Johann Sauerer: „So wie das jetzt ist, ist es ein Saustall!“ Auf Antrag seiner Fraktion soll die Verwaltung Verhandlungen mit der asiatischen Bike-Sharing-Plattform aufnehmen, um das Abstellen der Fahrräder im öffentlichen Raum neu zu regeln. „Sollte sich das Unternehmen uneinsichtig zeigen, müsse die Stadt über Abstellverbote nachdenken“, sagt Sauerer. In Aubing gebe es Straßen, in denen sich kaum jemand aufhalte. „Dort stehen aber zehn oder 20 von den Rädern, einige liegen schon im Gestrüpp.“ Eine Erfahrung, die Münchner auch in anderen Vierteln gemacht haben.

„Wir werden ja regelrecht überschwemmt von den Rädern“

Beispiel Dantebad: Dort hat Susanne Robert 21 gelbe Drahtesel gezählt – auf dem Gehweg, auf den Grünflächen, in den Fahrradständern. „Prinzipiell habe ich überhaupt nichts dagegen, dass in der Stadt Leihräder aufgestellt werden – was mich allerdings nervt, ist die aufdringliche Art des Unternehmens. Wir werden ja regelrecht überschwemmt von den Rädern“, ärgert sich die 51-Jährige. Auch daheim vor ihrer Haustür hat die medizinisch-technische Assistentin 20 Räder gezählt. „Warum übertreiben die dermaßen?“ Mit dieser Frage hat sich die Münchnerin schon direkt an das Fahrrad-Unternehmen gewandt. „Die wollten wissen, wo die Räder stehen – am nächsten Morgen waren plötzlich alle weg...“

Auch die Stadtwerke München (SWM) haben bereits Kontakt mit dem Unternehmen aus Fernost aufgenommen – mit der dringenden Aufforderung, die Räder umgehend entfernen zu lassen. Schließlich seien die Fahrradständer vor dem Dantebad ausschließlich für Badegäste bestimmt. Weil „oBike“ dem Ersuchen nicht nachkam, haben die SWM die Räder entfernt. Sie stehen jetzt auf der Grünfläche vor dem Bad.

Ob auf dem Gehweg liegend oder in Reih und Glied stehend – allüberall in der Stadt gelbe Radl.

Ein paar Straßen weiter hat Anwohnerin Maria Eberl weitere 18 Räder der Marke „oBike“ gezählt. Acht davon sollen direkt vor ihrer Haustüre stehen. „Ein Krankenwagen hätte es momentan schwer, hier durchzukommen“, meint die Münchnerin.

Klaus Eberl (71) war durch einen Anruf seiner Nachbarin auf die Radlflut vor seiner Haustür aufmerksam gemacht worden. „Schau mal aus dem Fenster, Klaus“, hatte die Frau am Telefon gesagt. Und da standen sie plötzlich: zehn quietschgelbe Drahtesel – „mitten in der Nacht“. Vor allem die Massen ärgern den Rentner gewaltig. „Es gibt ja mittlerweile fast keine Straße mehr, in der nicht mindestens 20 Leihräder geparkt sind.“

Ein Sprecher der PR-Agentur des Unternehmens sagte zur tz: „Es kann tatsächlich vorkommen, dass Fahrräder durch Kunden verkehrsungünstig abgestellt werden. Allerdings kooperieren wir mit einer lokalen Speditionsfirma, die die Räder täglich auf Schäden und Sicherheit prüft.“ Zudem verteilten die Mitarbeiter die Räder gleichmäßig in der Stadt und sammelten diese ein, falls sie unzulässig abgestellt wurden. „Unsere Partner sind sehr bemüht, die öffentliche Ordnung zu wahren und falsch parkende Fahrräder wegzuräumen.“

Tausende Leihradl am Start

Was „Bikesharing“ angeht, liegt München in Deutschland weit vorn. Allein die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) hat derzeit 1200 Räder im Angebot. Bis Ende des Jahres sollen 2000 weitere dazukommen. Die Bahn bietet über ihre Konzerntochter „Call a Bike“ 1400 Räder an. Jetzt drängt auch noch die Konkurrenz aus dem Ausland auf den Markt: Insgesamt vier asiatische Unternehmen sind beim Planungsreferat vorstellig geworden. Die Kosten und Vorschriften für die Leihräder variieren: Die MVG etwa hat ihre allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) im April verschärft. So dürfen Leihräder in Parks und Grünanlagen nicht länger als fünf Stunden geparkt werden. Die Rückgabe ist nur im öffentlichen Straßenraum gestattet. In Hinterhöfen und Hauseinfahrten ist das Abstellen von Leihrädern verboten. Der Minutenpreis für die Nutzung von MVG-Rädern beträgt acht Cent und maximal zwölf Euro pro Tag.

Die „Call a bike“-Räder müssen an ausgewiesenen Stationen abgestellt werden. Die jährliche Nutzungsgebühr beträgt drei Euro. Für jede angefangene halbe Stunde rechnet das Unternehmen einen Euro ab. Der maximale Tagespreis beträgt 15 Euro.

Vor der ersten Fahrt mit den sogenannten „oBikes“ fällt eine Kaution von 79 Euro an – die wird erstattet, sobald der Dienst des Unternehmens nicht mehr in Anspruch genommen werden möchte. Für 30 Minuten verlangt „oBike“ einen Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Lage auf der Stammstrecke hat sich normalisiert
Zahlreiche Pendler sind Tag für Tag auf den S-Bahn-Verkehr in und um München angewiesen. Doch immer wieder kommt es zu Störungen, Streckensperrungen und Ausfällen. In …
Lage auf der Stammstrecke hat sich normalisiert
Soziale Hilfswerke: Mitgliederfang auf Provisionsbasis
Soziale Hilfswerke wie die Johanniter springen da ein, wo die staatliche Hilfe lückenhaft bleibt. Dafür sind sie auf Spenden angewiesen. Die Anwerbung von …
Soziale Hilfswerke: Mitgliederfang auf Provisionsbasis
Ärger pur! Gleich mehrfach legten Irre am Samstag den S-Bahn-Verkehr lahm
Was ist nur in diese Leute gefahren? Gleich zweimal haben Verrückte am Samstagmorgen in München für S-Bahn-Ärger gesorgt.
Ärger pur! Gleich mehrfach legten Irre am Samstag den S-Bahn-Verkehr lahm
„Home Jacking“: Wie kann man sich dagegen schützen?
In mehreren oberbayerischen Landkreisen kam es zu einer Serie von „Home Jacking“-Fällen. Wir haben nachgefragt, wie man sich dagegen schützen kann.
„Home Jacking“: Wie kann man sich dagegen schützen?

Kommentare