Gedrückte Stimmung: Zum Trauerzug geriet die letzte Demonstration für die „Schwabinger 7“. Foto: Kruse

Die letzte Nacht in der "Schwasi": Bier, Schnaps und Erinnerungen

München - Ein stiller Trauerzug läutete am Dienstagabend das Ende der „Schwabinger 7“ ein. Die letzte Nacht war wie die vielen Nächte zuvor, für die die Kultkneipe berühmt war - mit Bier, Schnaps und Geschichten von früher.

Ein wenig ernüchtert wirken sie doch immer noch, die Schwabinger-7-Protestierer, als sie sich am Dienstagabend das letzte Mal an der Münchner Freiheit versammeln. Es sind deutlich weniger als bei den ersten Kundgebungen, die Redebeiträge sind ruhiger, und die Prominenten sind auch dünner gesät. Florian Raabe von der Bürgerinitiative „Rettet die Münchner Freiheit“ holt aber noch einmal gegen Oberbürgermeister Christian Ude aus, der die Schwabinger 7 als eine „Saufkneipe“ bezeichnet hatte. „Es kann nicht sein, dass ein Oberbürgermeister sagt, das ist gute Kultur und das ist schlechte Kultur!“, ruft er.

Fast ganz still geht der Trauerzug zur Feilitzschstraße, Kerzen und Laternen sind nur wenige zu sehen. Die meisten machen es doch wieder wie all die Jahre in der Schwabinger 7 - und halten ein Bier in der Hand.

In der Kneipe selbst ist zunächst wenig so, wie es immer war. Die Tische sind bereits herausgeräumt, es gibt keine Musikanlage mehr, die Gespräche sind gedämpft. Immerhin: Die Zapfanlage steht noch. An der Wand hängt das Schild: „Aufgrund massivster Anwohnerbeschwerden darf sich ab sofort niemand mehr im Hof aufhalten.“ Das interessiert am letzten Abend niemanden mehr. Erst als einige übermütige Gäste auf die Dächer klettern, werden sie wieder heruntergeholt. Eigentlich sollten am letzten Abend vier Fässer reichen. Die sind aber schon vor halb elf leer - und dann kommt doch immer nochmal irgendwoher ein Fass. „Ein Radler und eine Cola“, bestellt einer an der Theke. „Heute nur Schnaps und Bier“, antwortet der Barmann.

Hart und herzlich, so war hier immer das Selbstverständnis, und so gibt man sich auch am letzten Abend. Dabei haben die meisten Stammgäste schon am Samstag Abschied gefeiert. Jetzt sind offensichtlich auch viele da, die die Legende noch schnell erleben wollen, bevor es zu spät ist. „Das habe ich mir größer vorgestellt“, sagen sie oder erklären ihrem Begleiter: „Früher waren hier Tische drin.“

Ganz aufgeben wollen die „Schwasi“-Fans ihre Lieblingskneipe immer noch nicht. Kurz nach elf geht im Hof das Gerücht um, dass die Kneipe in drei Tagen wiedereröffne - „und zwar hier, alles beim alten!“

Da muss Max Maier lächeln. Der Wirt steht ein letztes Mal an die Theke gelehnt. „Es ist ja schön, wenn die Gerüchteküche wieder kocht“, sagt er, „aber ich weiß da nichts davon“. Bei Bier und Schnaps erzählt Maier aus der Geschichte der 1948 eröffneten Kneipe. Er selbst war 1976 das erste Mal drin. „Ich bin da so reingestolpert“, erinnert er sich, „gleich am ersten Abend habe ich an Tisch 4 übernachtet“. Damals sei es üblich gewesen, Rucksacktouristen übernachten zu lassen. „Die wurden eingesperrt, und morgens um sieben wurde wieder aufgeschlossen.“ Er erzählt von der „knallharten Heiligabend-Schlägerei“ zwischen Iren und Engländern an Weihnachten 1982 und von dem „roten Ringbuch“, in das damals die Kneipenschulden eingetragen wurden. „Da stand dann der Weißwein-Hans drin, man hatte nichts außer den Spitznamen von den Leuten“.

Er selbst stand auch in der Kreide. „600 Mark!“, erinnert er sich, „ich habe die ganzen Semesterferien nur gearbeitet, um meine Schwabinger- 7-Schulden zu bezahlen.“

Die Schwabinger 7 - jetzt ist sie endgültig Legende, auch wenn der Name einige Häuser weiter fortbesteht. Irgendwann ist das Bier unwiderruflich aus und es gibt nur noch Schnaps, irgendwann ist die letzte Nacht endgültig vorbei - was wörtlich zu nehmen ist: Es wird schon hell. Und doch werden die Stammgäste die Hoffnung nicht ganz aufgeben - zumindest, solange die Abrissbagger noch nicht anrollen. „Eigentlich geht es ja nur um eine Kneipe“, sagt Max Maier achselzuckend, „aber die Leute wollen einfach nicht aufhören“.

Und sollte der Investor doch noch nicht bauen dürfen und die Baracke noch stehen lassen - Maier stünde auf jeden Fall noch einmal bereit. Und auch Mama‘s Kebaphaus will gerne weitermachen. Die Einrichtung wird vorerst nur eingelagert - bei Max Maier.

Felix Müller

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