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In der Alten Kongresshalle führt der Verein Zuflucht Kultur die ­Mozart-Oper „Zaide“ auf.

Pouya muss zurück nach Afghansitan

Letzter Akt im Asyldrama: Opern-Auftritt vor Abschiebung

München - In der Alten Kongresshalle führen geflohene Künstler Mozarts unvollendete „Zaide“ auf. Mit dabei ist auch Pouya, dessen Asylantrag abgelehnt wurde und der in Kürze wohl nach Afghanistan abgeschoben werden wird.

Der Mann, der seit sechs Jahren in Deutschland lebt und nie mehr zurück nach Afghanistan will, fährt zehn Minuten vor dem Auftritt am Samstag mit den Händen durch sein pechschwarzes Haar und verzieht das Gesicht. „Ausgerechnet heute habe ich Katastrophen-Haare“, sagt Ahmad Shakib Pouya, Künstlername Pouya. Es sind noch zehn Minuten, und wenn es nach den deutschen Behörden geht, dann steht Pouya zum letzten Mal auf einer deutschen Bühne. Pouya (33) singt ein letztes Lied für Deutschland. Dann muss er ausreisen.

Die Alte Kongresshalle ist ausverkauft. Die Menschen wollen Pouya sehen, Houzayfa, Onur, Fahime und Kai und Matthias Siddharta. Die Menschen wollen eine Friedensoper sehen, Mozarts unvollendete „Zaide“, ein Musiktheaterprojekt bei dem geflohene Künstler aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und der Türkei gemeinsam mit Profis aus Deutschland auf der Bühne stehen. Das Publikum hofft auf einen unvergesslichen Abend. Pouya wird ihn nicht vergessen.

Pouya, ein kleiner, stolzer Mann mit hoher Stirn und lustigen Augen, steht mit zwei anderen Männern in seiner Garderobe und singt sich warm. Ein Syrer, ein Afghane, ein Deutscher, sie singen ein deutsches Lied. Als es still ist, sagt Pouya: „Das ist mein letzter Auftritt in Deutschland.“ Die beiden anderen Männer blicken zu Boden, schütteln stumm ihre Köpfe.

Houzayfa, ein junger Dichter aus Syrien, sagt: „Wenn er zurückgeht, ist er tot.“ Cornelia Lanz, die „Mutter des Projekts“, sagt: „Er wird sterben. Also kämpfen wir für ihn.“ Pouya selbst sagt: „Ich weiß nicht, was in Afghanistan wartet, vielleicht ich muss sterben. Wahrscheinlich.“

Pouya lebt seit sechs Jahren in Deutschland – geduldet.

Pouya ist ein persischer Name, er bedeutet Geduld. Pouya suchte ihn sich in der dritten Klasse aus, damals in Afghanistan, als er beschloss Musiker zu werden. Später, als UN-Soldaten in sein Land kamen, übersetzte er für die Franzosen. Pouya spricht sechs Sprachen. Wer Ausländern hilft, sagt Pouya, sei in Afghanistan nicht sicher. Und Musik sei bei den Taliban verboten. Deshalb floh Pouya vor sechs Jahren nach Deutschland. Pouya hat kürzlich ein Lied veröffentlicht, gegen den IS, gegen die Taliban. Er kann nicht zurück.

Sein Asylantrag wird abgelehnt, er ist nur geduldet. Er tut viel von dem, was man in Deutschland unter „Integration“ versteht. Pouya lernt Deutsch, will arbeiten, als Zahnarzt, das hat er studiert, als Übersetzer, als Altenpfleger. Er heiratet eine Deutsche, nach islamischen Ritus. Die Ausländerbehörde verweigert ihm die Arbeitserlaubnis. Zuletzt arbeitete Pouya trotzdem, bei der IG-Metall, ehrenamtlich. „Ich habe getan, was ich kann. Was soll ich noch machen?“ Am 26. Januar entscheidet eine Härtefallkommission darüber, ob Pouya bleiben darf. Der letzte Strohalm.

Pouya hat viele Unterstützer, dazu zählen auch: Veranstalter Albert Ginthör und Grünen-Politikerin Claudia Roth.

Pouya steht am Buffet, es ist Pause. Das Publikum hat schon während des Stücks geklatscht, aber Pouya ist unzufrieden. „Das war nicht gut“, sagt Pouya und legt seine Stirn in Falten, das Makeup bröckelt und macht die Linien schärfer. „Ich war nicht da, mein Geist ist woanders“, Pouya berührt seine Schläfe, dann seine Brust. Er spießt eine Stück Honigmelone mit seiner Plastikgabel auf, „Mmmh“, macht Pouya, „so fruchtig, so suß.“
Auf der Bühne gibt es einen Szene, da stehen Cornelia Lanz und Pouya eng umschlungen, kein Blatt Papier passt zwischen die beiden, Stirn an Stirn. Niemand im Publikum hört es, aber Cornelia Lanz flüstert, gleich einer Beschwörung wiederholt sie immer wieder: „Hab’ keine Angst, Pouya. Wir schaffen das. Hab’ keine Angst.“ Allein Pouya hört es.

Am Schluss des Stücks sitzt Pouya allein im Scheinwerferkegel, um ihn herum tanzen Staubpartikel. Pouya singt ein persisches Lied, fleht, nicht gehen zu müssen. Der Scheinwerfer erlischt, einen Atemzug lang herrscht Dunkelheit, dann wird es hell im Saal. Das Publikum applaudiert, viele erheben sich, die Künstler auf der Bühne lächeln und klatschen. Pouya klatscht leise, versucht ein Lächeln. Es gelingt ihm nicht.

Er denkt an ein Flugticket. Frankfurt, Istanbul, Kabul. Abflug Freitag, 20. Januar, 18.30 Uhr.

tz-Stichwort

Als Duldung wird die Bescheinigung über eine „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“ ausreisepflichtiger Ausländer bezeichnet. Eine Duldung verschafft keinen rechtmäßigen Aufenthalt, der Geduldete muss Deutschland weiterhin verlassen, wird aber nicht abgeschoben. Im Allgemeinen dürfen Ausländer in jedes Nicht-Schengen-Heimatland abgeschoben werden. Es gibt aber Gründe, die das verhindern: z. B. Folter oder Tod. Teile Afghanistans sind von der Bundesregierung als „sicher“ eingestuft worden. Im Jahr 2016 wurde weniger als der Hälfte aller Asylanträge von Afghanen stattgegeben. Die Härtefallkommission kann ausnahmsweise eine Aufenthaltserlaubnis an ausreisepflichtige Ausländer erteilen. Dazu müssen dringende persönliche oder humanitäre Gründe vorliegen. Voraussetzungen: langjähriger Aufenthalt, gute Integration und die eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts.

Tobias Scharnagl

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