Lieferservice will schlechte Bewertung wegverhandeln

Lieferando-Bestellung: Reporter deckt Schummelei bei Bewertungen auf

„Wir können Ihnen komplett die Bestellung zurückerstatten. Dazu wäre es super, wenn Sie die Bewertung löschen lassen.“ Bei diesen zwei Sätzen vergeht Ingo Wilhelm, Redakteur der Lokalredaktion von Münchner Merkur und tz, der Appetit.

Ein unmoralisches Angebot per SMS.

München - Sie stammen aus einer SMS, die ein Münchner Restaurant an seinen Freund geschickt hat. Und sie vergiften sein Vertrauen in Kundenbewertungen. Ganz besonders, weil der Marktführer unter den Essens-Lieferdiensten darin verwickelt ist!

Am Donnerstag bestellte Wilhelm mit einem Freund Mittagessen. Das Vietnam-Restaurant in der Isarvorstadt hatte in der Lieferando-App die Höchstnote von fünf Sternen. „Den probieren wir mal aus“, dachten sich die beiden und bestellten zwei Mittagsgerichte zum Preis von je 9,90 Euro.

So nicht: Ingo Wilhelm mit dem Essen, das ihm und seinem Freund nur drei Sterne wert war.

Erst eine knappe Stunde später kommt die Lieferung, das Essen ist mittelmäßig. Entsprechend bewerten die Kunden es bei Lieferando mit drei Sternen. Kurz darauf ruft eine Mitarbeiterin des Lieferdienstes aus Berlin bei Wilhelms Freund an, übe r dessen Handy die Bestellung abgewickelt wurde: Das Restaurant habe sich gemeldet – es würde den halben Preis erlassen, wenn die Kunden die Bewertung zurückziehen. Das sei ja wohl nicht ganz korrekt, sagt der Freund. „Da haben sie recht“, antwortet die Dame lapidar. Übers Wochenende ruft dann mehrmals ein Mitarbeiter des Restaurants auf dem Handy an. Am Sonntagabend untermauert er sein Angebot sogar schriftlich per SMS. Das Restaurant würde den kritischen Kunden nun sogar den kompletten Betrag erlassen.

Kundenbewertungen sind die wichtigste Entscheidungshilfe beim Online-Kauf. Laut Digitalverband Bitkom richten sich 65 Prozent der Käufer vor allem nach den Urteilen anderer Kunden. „Aber man sollte sich nicht blind auf Online-Bewertungen verlassen“, warnt Katharina Grasl von der Verbraucherzentrale Bayern. „Für Hersteller und Händler sind positive Bewertungen viel wert. Durch den Kauf positiver Bewertungen werden Beurteilungen verfälscht und verlieren ihren Nutzen als zuverlässige Informationsquelle.“ Georg Tryba von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hält sogar 98 Prozent der Bewertungen im Netz für fragwürdig. „Diese Systeme laden zum Missbrauch ein.“

Lieferando erklärte am Montag auf Anfrage: „Wir haben klare Richtlinien, wenn es um Kundenrezensionen geht. Und zwar, dass wir keine aktive Rolle bei deren Moderation übernehmen, es sei denn, dass Aussagen sachlich falsch sind oder Schimpfwörter enthalten. In diesem Fall wurden diese Richtlinie nicht eingehalten, und wir möchten uns hierfür entschuldigen. Wir werden alles dafür tun, dass dies in Zukunft nicht nochmals geschieht.“

Der Geschäftsführer des Restaurants wollte sich nicht äußern. Stattdessen drohte er mit dem Anwalt. Bis zur juristischen Klärung können wir den Namen des Restaurants daher nicht nennen.

Erkennen Sie die Schummelei 

Unseriöse Kundenbewertungen - laut der Bundesregierung haben sich „ganze Agenturen auf das Fälschen von angeblichen Käuferkommentaren verlegt“. Oder aufs Verkaufen: Eine deutsche Marketing-Firma bietet zum Beispiel fünf Fünf-Sterne-Bewertungen (zwei sogar verifiziert) für Amazon zum Preis von 84,95 Euro an. Dies sind laut Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz häufige Alarmzeichen für unseriöse Kommentare: 

• Eher wenige, dafür auffällig positive Bewertungen 

• Auffällig lange Kommentare 

• Werbe- statt Umgangssprache 

• Übertrieben positive Formulierungen 

• Ähnliche oder wortgleiche Formulierungen in mehreren Bewertungen 

• Anonyme oder konstruiert klingende Nutzerprofile Vorsicht auch vor sogenannten Produkttestern! Sie erhalten die Ware oft umsonst, geben also kein neutrales Urteil ab. 

Diese Tipps geben die Verbraucherschützer der Bundesregierung: 

  • Vergleichen Sie die Bewertungen auf mehreren Portalen. 
  • Vertrauen Sie nur Testergebnissen von unabhängigen Instituten wie der Stiftung Warentest. 
  • Seriöse Anbieter haben einen Meldebutton für gefälschte Bewertungen auf ihrem Verkaufsportal. 
  • Auf der Website reviewmeta.com können Sie Amazon-Bewertungen auf ihre Korrektheit überprüfen.

Rubriklistenbild: © Privat

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