„Es gibt immer einen Hund, der bellt“: Luise Kinseher kennt die Eigenheiten bayerischer Politik. Foto: dpa

Mama Bavaria im Interview

Luise Kinseher: "Geifern muaß i ned"

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München - Das Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg steht heuer im Zeichen der Flüchtlingskrise. Gründe gibt es also genügend für "Mama Bavaria" Luise Kinseher (47), der anwesenden Prominenz die Leviten zu lesen.

Politische Polemik und mediale Hysterie wird sie in ihrer Rede beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg 2016 anprangern, kündigt Kinseher an. Dabei werde sie aber stets die nachsichtige Mutter sein. Auf Beschimpfungen hat sie keine Lust – deswegen meidet sie auch Facebook.

Frau Kinseher, Ihr Nockherberg-Kollege, der Regisseur Marcus H. Rosenmüller hat gesagt, sowohl Singspiel als auch Fastenpredigt würden heuer „sicher für Kontroversen sorgen“. Was haben Sie denn vor, um Himmels Willen?

Ich weiß nicht, wie der Rosi das gemeint hat. (lacht) Die Flüchtlingsthematik, die uns ja gerade beschäftigt, sorgt eben für Kontroversen. Und das wird sich am Nockherberg widerspiegeln. Ich bin sicher, da wird nicht jeder bei allem nur jubeln. Aber so soll es ja auch sein.

Der Ton ist in der politzischen Debatte zuletzt so scharf geworden – muss man da auch als Kabarettistin härter hinlangen? Oder kann die Mama Bavaria weiter Milde walten lassen?

Das ist eine ganz wichtige Frage, finde ich. Man sollte nicht versuchen, da noch eins draufzusetzen, sondern wieder einen gemäßigten Ton treffen – der aber nicht unkritisch, harmlos oder besänftigend ist. Genau das gibt meine Figur der Bavaria ja her: Ich werde sagen, was Sache ist. Aber diese allgemeine Erregtheit, dieses Hyperventilieren und Geifern – i glaub’, des muaß’ ma im Kabarett ned nachmachen. Da werde ich lieber sortierend und analysierend tätig.

Luise Kinseher: "Seehofers Russland-Reise Teil der Rede"

Gerade die CSU macht es Kabarettisten zur Zeit recht einfach, sie zu derblecken, oder?

Doch, ich würde sagen, dass die Vorlagen in den vergangenen Wochen recht üppig waren. (lacht) Natürlich ist Seehofers Russland-Reise Teil der Rede oder auch das Thema Obergrenze für Flüchtlinge.

Kann die Mama ihren Kindern denn die Angst vor der AfD nehmen?

Das ist auch ein Thema. Aber ob man ihnen da die Angst nehmen kann? Mein Ziel ist ja nicht, Angst zu nehmen, sondern die Politiker darauf hinzuweisen, dass die Angst vor Machtverlust sie treibt. In ganz Europa bekommt die Rechte stark Zulauf. Und die CSU schafft es eben, teilweise durch Schizophrenie und Dialektik, diesen rechten Rand in die Partei zu integrieren. Es ist nur fraglich, ob das bei der Verschärfung der weltpolitischen Lage und dem Gewaltpotenzial von Rechts immer noch der richtige Weg ist.

Was ist denn besonders schizophren?

Darin zeichnet sich Seehofers Politik doch recht stark aus: dass es immer einen Hund gibt, der bellt – das ist gerne mal der Andi Scheuer, Seehofer spielt ihn ab und zu aber auch selbst. Und dann holt er wieder alle zusammen und besänftigt. Jüngst die Attacke gegen Merkel mit dem Unrechtsstaat: Drei Tage später sagt Seehofer: Die schafft des schon. Und wenn der Söder wieder mal besonders laut ist, pfeift er den zurück – und sagt’s dann doch lieber selber.

Kann man bei dem ganzen Stimmengewirr eigentlich noch eine klare Haltung ausmachen?

Generell herrscht zur Zeit allgemeine Hysterie. Bei keinem ist mehr Besonnenheit und Haltung zu erkennen. Nur noch Reagieren auf das, was gerade wieder als Erregungszustand der Nation in den Medien steht.

Jetzt fordert auch Münchens OB Dieter Reiter Obergrenzen für Flüchtlinge. Mangelt’s da an Kontinuität und Standhaftigkeit?

Ich glaube, bei dem Thema kann es gar keine Kontinuität geben, dafür ist es zu komplex. Die Politik erstarrt halt gerade in einer totalen Rat- und Hilflosigkeit und will die Bevölkerung bei der Stange halten. Ich glaube nicht, dass Reiter seine Einstellung gegenüber Flüchtlingen grundsätzlich geändert hat.

Luise Kinseher: "Ich thematisiere rechtsradikale Gewalt"

Gerade in den sozialen Netzwerken mehren sich Hasskommentare und Beschimpfungen, egal zu welchem politischen Thema. Viele Ihrer Kabarett-Kollegen leiden unter Diffamierungen – Sie auch?

Nein. Das liegt aber daran, dass ich nicht besonders aktiv bei Facebook bin. Das ist immer so ein Stress. Darauf einzugehen, das schaffe ich rein zeitlich nicht. Ich bin ein Bühnenmensch, und ich setze mich lieber in echt mit den Leuten auseinander. Ich möchte nämlich den mal sehen, der einem den Satz „Sie sollten mal einen Asylanten bei sich daheim aufnehmen, dann würden Sie sehen, was das für ein Gschwerl ist!“ ins Gesicht sagt.

Sollte man Facebook und Co. generell weniger Beachtung schenken?

Ich stelle fest: Wenn man sich nicht so viel damit auseinandersetzt, hat man das Problem auch nicht. Ein Mensch bekommt ja dadurch Bedeutung, dass man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Und nachdem wir in einer Erregungsgesellschaft leben, müssen wir zu immer krasseren Worten greifen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Facebook bietet die Plattform dafür – und alle fallen drauf rein.

Ist Ihre Rede denn schon fertig – oder finden aktuelle Ereignisse wie die Übergriffe von Bautzen und Clausnitz noch Eingang?

Die Rede ist fertig. Und natürlich thematisiere ich rechtsradikale Gewalt dahingehend, ob die Polemik der CSU etwas damit zu tun hat. Aber sie ist ja kein neues Phänomen in unserer Republik. Als 1989 in meinem Heimatort Geiselhöring ein Bus mit Tamilen ankam, da haben die heimischen Schützen ihre Luftgewehre ausgepackt und die Leute nicht aussteigen lassen. Die mediale Aufregung um den konkreten Fall wird am Mittwoch schon wieder Schnee von gestern sein. Gut, vielleicht nicht bei Anne Will. Da diskutieren sie noch drüber, ob wir alle böse sind oder ob das Gewaltpotenzial des Sachsen besonders groß ist.

Haben Sie wie im vergangenen Jahr den Singspiel-Autor Thomas Lienenlüke mit an Bord?

Ja, er hilft mir wahnsinnig viel beim Schreiben. Und ich habe natürlich diverse Testpersonen, denen ich die Rede jetzt übungsweise vorlese.

Ihr Lebensgefährte, der Autor Friedrich Ani, wird sicher einer von ihnen sein.

Klar, dem hab’ ich heute morgen auch schon vorgelesen. Der Fritz ist ein sehr, sehr guter Ratgeber, und ich bin ihm für seinen analytischen und klaren Blick auf Texte dankbar.

Bleibt denn beim Derblecken außer dem großen Flüchtlingsthema und Horst Seehofer überhaupt noch Platz für anderes?

Natürlich gehe ich auf die Leute ein, die bei der Starkbierprobe im Saal sind. Voraussetzung ist, dass man sie kennt. Vielleicht darf ich die Leser des Münchner Merkur bei der Gelegenheit bitten, vor Mittwochabend bei Wikipedia nachzulesen, wer Marcel Huber ist. (lacht) Und Thomas Kreuzer und Florian Pronold sollte man zur Sicherheit auch nochmal nachschlagen. Dann hat man an der Rede einfach mehr Freude.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

Der Starkbieranstich auf dem Nockherberg läuft am Mittwoch, 24. Februar, im Bayerischen Fernsehen.

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